Full text: (1994)

THEMA 
Union eine gemeinsame Grenze mit land erhalten . Was die Bundesrepublik Deutschland durch den von ihr strebten Beitritt ihrer östlichen Nachbarn , Polen und Tschechische Republik , gerade überwinden will - nämlich die Ostgrenze des Westens zu bilden - , das wird die ropäische Union als Ganzes dann im Norden auf besondere Weise erhalten : die unmittelbare Nachbarschaft zu Rußland . 
Anders als in Zentraleuropa werden im Norden keine „ Pufferstaaten " gegenüber Rußland zur Verfügung stehen . Zwar ist der Begriff der „ Pufferstaaten " angesichts der heutigen Vernetzungen und Interde - pendenzen weitgehend überholt , aber eine wesentliche Konsequenz der weiterung stellt sich doch klar dar : Im guten wie im möglicherweise weniger guten wird sich die Gemeinschaft der ropäischen Demokratien mit dem schen Problem noch unmittelbarer als bisher auseinandersetzen müssen . 
Durch den Beitritt Finnlands hätte die EU erstmals eine direkte Grenze zu Rußland 
Deshalb lautet die Schlußfolgerung aus der ersten These : Die Art und Weise , wie die EU das Verhältnis zu Rußland im gemeinen und zu unmittelbaren schen Nachbarregionen im besonderen gestalten wird , dürfte wesentlichen fluß darauf haben , wie sich Rußland grundsätzlich zur EU und später konkret zu einem EU - Beitritt der drei baltischen Republiken verhalten wird . Das heißt : Diese Norderweiterung wird der erste „ Härtetest " der künftigen Osterweiterung . In der Ausgestaltung der Nachbarschaft zur Karelischen Republik , zur Großstadt St . Petersburg und nicht zuletzt zur klave Kaliningrad kann - ja muß - die EU demonstrieren , wie sie sich künftig genüber Rußland zu verhalten gedenkt - einem Rußland , das ja auf absehbare Zeit kein Mitglied der Union werden kann . 
Mit dem Vollzug der zweiten weiterung wird sich ein Grundproblem der neuzeitlichen europäischen te erneut stellen : Kulturell wie politisch verlief eine der großen europäischen Bruchlinien von Norden nach Süden lang der schwedisch - bzw . finnisch - schen und der baltisch - bzw . russischen Grenzen . Der Historiker Imanuel Geiss hat erst vor kurzem wieder 
auf die historischen „ Strukturgrenzen " hingewiesen , die den europäischen nent durchziehen . Der Gegensatz schen Latinität und Orthodoxie bildet eine dieser Grenzen . Das geradezu monstrative Nebeneinander von stantischen und orthodoxen Kirchen , etwa in den Hauptstädten Helsinki oder Tallin , macht bis heute diese zone sichtbar . Zeugen der langen Auseinandersetzung zwischen Nordeuropäern und Russen sind aber auch die mächtigen Wehrburgen im relischen Seengebiet . Die Gründung der Stadt St . Petersburg war schließlich der programmatische Akt eines russischen Zaren , der mittels westeuropäischer rungenschaften eine Modernisierung nes Reiches anstrebte , dadurch aber auch die Auseinandersetzung mit Nord - und Westeuropa verschärfte . Insofern kann der Rückbenennung der Stadt Leningrad eine durchaus doppeldeutige Bedeutung beigemessen werden . 
Für das künftige Verhältnis zwischen EU und Rußland dürfte es entscheidend darauf ankommen - und dies ist die te These - , daß im Rahmen einer vierten Ostsee - Kooperation ein ves Zusammenleben insbesondere mit benachbarten russischen Regionen stellt wird . 
Die Erweiterung ist der erste Härtetest für die künftige Osterweiterung der EU 
Bei einer solchen intensivierten menarbeit dürfte den drei baltischen publiken eine besondere Rolle men : Indem sie sich der EU schrittweise annähern , könnten - ja sollten - sie gleich für die benachbarten russischen gionen die Rolle eines wirtschaftlichen Schrittmachers übernehmen . Die schen Republiken sollten also dazu muntert werden , ihre wirtschaftliche sundung bewußt auch zugunsten der russischsprachigen Bevölkerung innerhalb wie außerhalb ihrer Grenzen einzusetzen . 
Die bisweilen anzutreffende Metapher einer Brückenfunktion zwischen EU und Rußland ist jedoch insofern irreführend , als die Balten integraler Teil der Union werden wollen . Eher wäre von einer schaftlich - sozialen Magnetwirkung zu sprechen , die sie im Interesse einer schen Stabilisierung auf benachbarte sische Regionen ausüben sollten . Mir 
scheint , daß bereits nach dem EU - Beitritt Finnlands derartige Projekte gegenüber Rußland in Angriff genommen werden könnten . Die Finnen haben bekanntlich zu den Russen ein entkrampfteres hältnis als die meisten Balten - was risch verständlich ist . Grenzübergreifende Zusammenarbeit sollte in Moskau , Petro - sawodsk und St . Petersburg davon zeugen , daß es sich lohnt , ein EU - glied als Nachbarn zu haben . 
Baltische Staaten sind der macher für die russischen Nachbarn 
Dieses Szenario hat jedoch nur die Chance einer Verwirklichung , wenn auf der russischen Seite eine wesentliche aussetzung gegeben ist : Nur wenn die Entwicklung in Richtung liche Strukturen weitergeht und sie durch einen substantiellen gesellschaftlichen Pluralismus begleitet wird ( von effektiver Demokratie zu reden , erscheint mir erst vermessen ) , so bestünde eine Chance für Prozesse , die in der schaft anhand der Theorie des lismus abgehandelt werden : Zunächst vor allem auf den Ebenen der „ low politics " käme demnach eine grenzübergreifende Zusammenarbeit zustande . Dies beträfe etwa den Ausbau der Infrastruktur - kehrs - und gen und eine Kooperation in den chen der Landwirtschaft und Industrie ( Stichwort : Umweltschutz ! ) . Konkrete Projekte liegen bereits auf dem Tisch oder zumindest in den Schubladen - etwa die Via Baltica , eine Autobahn von wig - Holstein bis Estland . Dafür wäre es aber auf russischer Seite besonders tig , daß eine weitere Verlagerung der Kompetenzen vom Zentrum auf die gionen erfolgt , sich also eine tatsächliche Föderalisierung vollzieht . Unter solchen Bedingungen könnte Zusammenarbeit der jetzigen und künftigen Mitglieder der EU auch für Rußland attraktiv werden . 
Das Problem solcher funktionaler zesse ist , daß sie zwar ökonomisch und gionalpolitisch nützlich sein können , daß sie jedoch allein ein Umschlagen in sche Qualität wohl kaum bewirken nen . Dennoch wäre ein politisch sehr wünschter Begleiteffekt , daß zumindest Teile Rußlands an der wirtschaftlichen namik teilhaben könnten , die durch die EU - Erweiterung wohl verstärkt wird . 
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NORDEUROPA 
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