INTRO 
Per Landin 
Quislinge und Vaterlandsverräter 
Deutsche Freunde fragen mich manchmal , wie es sich denn so lebt in einem Staat , der seit mehr als hundert fahren keinen Krieg geführt hat . Ich antworte dann für gewöhnlich , daß der Preis dafür merkwürdige Blockierungen und mentale Verwirrungen sei . Gewiß , wir hatten keine verbrecher , keine zerbombten Städte , aber manchmal frage ich mich , ob man heutzutage nicht leichter in Schweden leben könnte , wenn Hitler uns damals besetzt hätte . 
Anlaß für diese Gedanken ist ein jüngst erschienener Roman von Hans Alfredsson , der einen Hälfte des in Schweden sehr beliebten Komikerduos Hasse & Tage . Dieser Roman über Ereignisse in nem von Deutschland okkupierten Schweden gibt sich fiktiv - aber Alfredsson beschreibt nicht nur , wie der deutsche kanzler am schwedischen Nationalfeiertag in Helsingborg an Land geht , sondern zählt auch die Personen und pen auf , die ihn dort willkommen geheißen hätten . 
Darüber können wir natürlich nichts wissen , dem werden im Buch eine Anzahl von Personen als Quislinge und Vaterlandsverräter benannt . Ob tatsächlich der Schriftsteller Per Olof Sundman , glied der Schwedischen Akademie , sich auf die Seite des Feindes gestellt hätte , ist wohl sehr fraglich . Für die schwedische Debatte über den Nazismus und den Zweiten Weltkrieg ist es aber bezeichnend , daß man ohne weiteres einen verstorbenen Dichter und Reichstagsabgeordneten zum Landesverräter stempeln kann . In den Ländern , die tatsächlich vom Kriegsunheil und dem Faschismus berührt worden sind , hätte ein ches Vorgehen sicherlich eine Reihe von prozessen und Dementi zur Folge . Aber im Falle von Per Olof Sundman ist es nun mal so , daß er in seiner frühen fugend , d . h . von 1937 bis 1945 , Mitglied der Jugendorganisation der schen Lindholsbewegung war - darüber wurde schon vor einem Jahr in Dagens Nyheter diskutiert . 
Man kann darüber spekulieren , warum Sundman dazu Stellung bezogen hat . Eine nazistische Vergangenheit ist jedenfalls im Nachkriegsschweden kaum von Vorteil gewesen . Wer einmal diesen Stempel aufgedrückt bekommen hatte , wurde isoliert und diskriminiert , denn der Nationalsozialismus ist gleichbedeutend mit dem Massenmord an Juden , ja , wurde zum Synonym für das Böse schlechthin . Und niemand will als böse dastehen . 
Es mag sein , daß Sundman - wie viele andere - es vorzog , über seine Vergangenheit zu schweigen , um auf der Karriereleiter im Nachkriegsschweden hinaufklettern zu können . Es ist auch möglich , daß er in seinen Büchern versuchte , auf sublime Art Abbitte zu leisten , was uns zu einem erneuten und vertieften teresse an dem Werk eines der bedeutendsten schwedischen 
toren dieses Jahrhunderts führen könnte . Vielleicht dürfen wir auf diese Reaktion hoffen . 
Doch wird noch eine andere Haltung zu diesem Thema nötig sein . Die meisten , die über Sundmans jugendlichen Nazismus ben , vereinen eine unerbittliche moralische Kritik an ihrem jekt mit einer rigorosen Selbstgerechtigkeit , wenn es um ihre Rolle in den selben Zusammenhängen geht . Ich selbst unternehme manchmal das Gedankenexperiment , daß Schweden während des Krieges von Deutschland besetzt worden wäre . Ich stelle mir vor , welche der damaligen Potentaten und Politiker sich wohl die braune Uniform übergestreift hätten ; und manchmal frage ich mich dann , wie die heutigen Intellektuellen und Minister in einer ähnlichen Situation sich wohl verhalten würden . Was wäre zum Beispiel geschehen , wenn Schweden 1970 von China okkupiert worden wäre ? Wie hätten schwedische Intellektuelle wie Olof Lagercrantz , Sven Lindqvist oder Jan Myrdal sich verhalten , hätte man ihnen Posten in der chinesischen Besatzungsregierung angeboten ? Ich frag’ja nur . 
In den meisten anderen Ländern Europas mußte das Volk Farbe bekennen . Schweden hingegen kam nur indirekt mit den Kriegsereignissen in Berührung ; eine juristische Abrechnung mit Quislingen oder verbrechern blieb daher aus . Einige schwedische zis wären wohl zu Mitläufern geworden , aber ich be , daß man es sich zu leicht macht , rechnete man nur die winzigen nazistischen Gruppen zu den potentiellen Kollaborateuren . Es fanden und finden sich in jedem litischen System Menschen , die bereit sind , ihre Seele für ein bißchen Machtteilhabe zu verkaufen , Personen , die ihre Partei wechseln wie andere ihre Hemden und aus Mangel an gener Substanz sich in die Rolle eines Quislings locken lassen . Es gibt mehr von ihnen als man glauben möchte , und nicht selten findet man sie in Regierungen und Verwaltungen . 
Schwedische Linksintellektuelle betonen oft , daß zialismus und Faschismus Ideologien seien , die durch den len zum Bösen gekennzeichnet sind , wohingegen Kommunismus und Sozialismus immer das Gute anstreben würden , selbst dann , wenn sie über Leichen gehen und Millionen Menschen quidieren müßten , um ihre hehren Ziele zu erreichen . Die schichte zeigt jedoch , daß Zivilcourage nur selten etwas mit teizugehörigkeit zu tun hat . Die Schlagworte , sen und Patentlösungen der äußersten Rechten und Linken terscheiden sich , aber das Wesentliche ist und bleibt gemeinsam . 
Dr . Per Landin ist Kulturredakteur bei der überregionalen schwedischen Tageszeitung Dagens Nyheter . 
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Nr . 1 , 1997 
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