Full text: (1995)

MYTHOS WASSER : 
Der Stoff , aus dem wir sind 
Kaum eine Naturerscheinung fasziniert uns so sehr wie das se Element . Nicht nur Kinder fühlen sich magisch von ihm zogen . 
Sibylle Selbmann 
Das Element Wasser ist in den thologien und Religionen der meisten Kulturen von zentraler Bedeutung . Mit den Vorsokratikern gann vor etwa 2 . 500 Jahren das dische Denken als eine Philosophie des Wassers . In vielen Religionen des tums wurden Gewässer , vor allem len , als Heiligtum verehrt . Die sophischen Traditionen bildeten einen zentralen Bestandteil des westlichen kens . Ihre größte Blüte erlebten sie in naissance und Romantik . Noch bis in die Mitte des 19 . Jahrhunderts war in Europa der Umgang des Menschen mit der Natur durch religiöses , mythisches oder philosophisches Denken geprägt , das die Natur als Teil des Kosmos und den schen als Teil der Natur begriff . Dieses Denken fand ein Ende , als schaften und Technik weltweit alle bensbereiche gravierend umgestalteten . Dennoch spiegelt sich der Mensch , auch wenn er sich dessen kaum mehr bewußt ist , in den Erscheinungen der Natur der . Wer im Einklang mit ihr Lebt , lebt im Einklang mit sich selbst . Wer gegen die Natur lebt , lebt gegen sich selbst und stört sich . 
Wasser , vielgestaltig , wie seine Formen ist sein Symbol . Es ist der Urquell allen bens , erquickender Lebensbom und schlingende Todesflut , regenerierender , nigender und heilender Urstoff , ewiger 
Dr . Sibylle Selbmann ist Mitarbeiterin der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe . 
Kreislauf und verrinnende Zeit , welle , Lebensstrom und Spiegel der Seele . Es ist das Element , dem die Liebe in stalt der Venus entsteigt , Brunnen der Wahrheit und Quell der Inspiration . 
Kein Element , kein Lebewesen und kein Gegenstand weist eine so zentrale und zugleich so vielfältige , vielschichtige und komplexe symbolische Bedeutung auf wie das nasse Element . Das Ursymbol Wasser zählt zu den ältesten und am testen verbreiteten Archetypen der schen . Nicht zufällig entstanden die frühen Hochkulturen in unmittelbarer Nähe des Wassers , an den großen men Hoang - Ho , Indus , Euphrat / Tigris und Nil , und entwickelten ihre len Leistungen in der ständigen dersetzung mit diesem dynamischen ment . 
Längst ist erwiesen , daß alles Leben aus dem salzhaltigen Ozean stammt . rend ist jedoch , daß dieser Ursprung in vielen Schöpfungsmythen bereits ten ist . Nach einem indischen Mythos wegte sich der Gott Vishnu auf dem Uro - zean . Er entdeckte auf dem Wasser ein Lotosblatt und dachte , es müsse etwas ben , auf dem es ruht . Er verwandelte sich daher in einen Eber , stieg in die Tiefe der Urwasser hinab und hob die Erde hervor . Nach ägyptischen Götterlehren bestand der erste Schöpfungsakt darin , daß eine Schilfinsel aus dem Urozean auftauchte . So glaubte man , daß der Schöpfergott Atum mit der mythischen Urinsei aus den Wassern aufstieg . Auch im jüdisch - 
lichen Kulturkreis beginnt die Schöpfung der Welt aus dem Wasser . „ Finsternis lag über der Urflut“ , heißt es im Buch sis , „ und der Geist Gottes schwebte über dem Wasser“ . Gott teilte das Urwasser in ein oberes und ein unteres , in Himmel und Wasser . Mit diesem Trennungsakt , mit dieser ersten Ordnungsstruktur im ungeformten chaotischen Urwasser ginnt der Schöpfungsakt . 
Schon früh verehrten viele Völker das erquickende und erfrischende feuchte Element als Lebenswasser , das im trast zum schlammig trüben , trägen deswasser klar , rein und ständig bewegt ist : es sprudelt oder fließt . Und im satz zur lähmenden , beklemmenden Stille des Todeswassers ist es akustisch nehm - und erlebbar . Das Lebenswasser enthält den Keim aller Keime , alle Kräfte , Anlagen und Möglichkeiten der lung . Zahlreiche Mythen preisen daher dieses keimfähige feuchte Element als benswasser , das Wunder wirkt . Bereits der indische Rigweda rühmt das herrliche Naß , das Reinheit , Kraft und Leben schenkt . Drei Gaben besitzt das wasser : es verjüngt , heilt und schenkt ewi - 
Die vier Paradiesströme als Lebensströme 
Nr . 2 , 1995 
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