Full text: (1995)

FORUM 
Per Landin 
Fünfzig Jahre danach 
Aus einem mir nicht bekannten Grund ist es in Schweden möglich , eine Debatte über die schwedischen Sympathien für Deutschland während des Zweiten Weltkrieges zu führen . Es ist wohl bekannt , daß eine Reihe von hervorragenden soren , Pastoren und Politikern für eine europäische nung gearbeitet haben . Aber bis auf den heutigen Tag , fünfzig fahre nach Kriegsende , erleiden alle beinahe einen Herzschlag , wenn über dieses Thema diskutiert wird . 
Fragt man ältere Leute , die mehr oder weniger von den gien der dreißiger fahre beeinflußt worden waren , geben sie im besten Fall unwillig zu , daß sie Mitglied in Nationelia Förbund - et waren oder sich gegen den „ Import“ jüdischer Akademiker gewandt haben . Aber gleichzeitig beeilen sie sich zu betonen , daß die große Mehrheit der Schweden deutschfreundlich sen war , daß es ja lange her ist und daß man nicht darin umwühlen solle - schließlich sei das ganze belanglos im gleich mit dem , was sich heute in anderen Ländern ereigne . Manchmal grüble ich über die Frage , welche dieser Schweden sich wohl bei einem deutschen Sieg den blau - gelben SS - Trup - pen angeschlossen hätten , um smäländische lager zu bewachen oder die Ausrottung aller Juden in einem abgelegenen norrländischen Gebiet zu betreiben . Oder welche Mitglieder der heutigen schwedischen Nomenklatura bereit sein könnten , sich an Nazis zu verkaufen . Die Anzahl besessener Karrieristen , oben und unten , ist heute nicht ger , als sie es damals war . 
Der Anlaß meiner Überlegungen ist ein Buch des freien nalisten Joakim Berglund in Malmö . Im letzten Herbst zierte er Quislingsentralen im Eigenverlag , wo er den mus der dreißiger und vierziger Jahre in Schonen untersucht . In Deutschland hätte dieses Buch sicherlich eine hitzige Debatte entfacht , aber in unseren Breitengraden blieb es erstaunlich ruhig , ähnlich ruhig wie bei der „ Aufdeckung“ der rechtsschwedischen Jugendverbindungen des IKEA - Chefs durch Expressen . 
Ingvar Kamprad wird bei Berglund nebenbei in nur zwei len genannt , aber durch Nennung dieses Namens gelingt es der Zeitung , alle Aufmerksamkeit auf diesen in unserem menhang recht harmlosen Möbelhändler zu lenken und damit den eigentlichen Umfang und Charakter des Problems zu drängen . Die Empörung über ihn ließ nicht auf sich warten und führte zu internationalen Proteststürmen , jüdische pen in den USA diskutieren sogar einen IKEA - Boykott . 
Die Art , in der mit Kamprad umgegangen wird , ist ein sches Beispiel der Empörungshysterie , die schwedische Medien sofort erfaßt , wenn der Faschismus in Schweden gestern oder heute zur Sprache kommt . Trotz allen Geredes über die dische Vergangenheitsbewältigung sieht es so aus , als gehörten all die braunen Flecken auf der Seele des Volksheimes nicht uns , sondern einigen betagten Außerirdischen von einem deren Planeten , vorzugsweise mit deutschem Tonfall . 
Wie aus Berglunds Buch hervorgeht , gab es eine ganze Reihe pronazistischer Schweden , die nach Hitlers Ende plötzlich den Antifaschismus entdeckten und in vielen Fällen bedeutende Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens wurden : Gunnar Jar - ring ( Diplomat ) , Gunnar Björck ( des alten Königs Hofarzt ) , die Geschichtsprofessoren Sten Carlsson und Alf Äberg , der Anwalt Wilhelm Penser , Distriktsarzt Magnus Cavalli - Björk - man , Großgrundbesitzer Palmstierna und der Jurist Gustaf Pe - tren . Oder Lundenser Akademiker wie Fredrik Book , Herman Nilsson - Ehle , Erik Rooth und John Landqvist . 
Niemand von ihnen hat meines Wissens jemals öffentlich über sein Engagement zum Beispiel in Riksföreningen Sverige - Tysk - land gesprochen . In einigen Fällen handelte es sich ne um eine legitime Deutschenfreundlichkeit älteren Datums , aber in diesem Fall hätte der Sachverhalt ja leicht erklärt den können . Das Schweigen zu Berglunds Buch zeigt , daß noch heute , fünfzig Jahre nach dem Krieg , die Debatte über die Vergangenheit nicht geführt wird . Unser Gedächtnis aber te nicht schlechter sein als das unserer Nachbarn im Süden , wo der Nationalsozialismus ein ständiger Diskussionspunkt in der öffentlichen Debatte der Nachkriegszeit gewesen ist . 
Dr . Per Landin ist Mitarbeiter bei Dagens Nyheter in holm , der größten schwedischen Abonnementszeitung . In reichen längeren Auslandsaufenthalten sammelte er drücke und Materialien für seine Bücher über die europäische und insbesondere deutsch / deutsche Literatur - und welt . Das NORDEUROPAforum wird regelmäßig seinen ( troversen ) Kommentaren zu Zeitproblemen Platz bieten . 
Nr . 2 , 1995 
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