Full text: (1995)

BÜCHER 
KULTURELLES VERMÄCHTNIS : 
Maschinen für die Anbetung 
Die norwegischen Stabkirchen sind Holzbaukunst in höchster dung . Auch heute faszinieren die mittelalterlichen Bauwerke noch ihre Betrachter und lassen sie den „ Geist des Schönen " erfahren . 
Zusammen mit den Wikingerschiffen stellen die Stabkirchen bis zum tigen Tag den wichtigsten Beitrag gens zum kulturellen Erbe der westlichen Welt dar . Auch wenn der fremdländische Einfluß auf sie nicht geleugnet werden kann , gehören sie doch zu den digsten und kühnsten Bauwerken ihrer Zeit . Knapp eintausend solcher Kirchen dürften einst im ganzen Lande errichtet worden sein - als katholische te ohne Ausnahme in der Zeit von 1000 bis 1300 . Bei einer Bevölkerung von nicht mehr als einer halben Million Menschen im damaligen Norwegen kam eine kirche auf fünfhundert Einwohner : eine erstaunliche Tatsache . Die Gründe sind vielfältig . 
Gunnar Bugge und Bernardino Mezzanotte : 
Stabkirchen . Mittelalterliche Baukunst in Norwegen 
Aus dem Englischen übersetzt von Stephan Roppel und Christian Wolff . Regensburg : Vlg . Friedrich Pustet , 1994 . 192 S . , mit 93 Färb - und 185 weiß - Abbildungen , DM 98 , - . 
Norwegen ist von Natur aus ein senes Land mit einer weit verstreut den Bevölkerung , großen Entfernungen und nur wenigen Verkehrsverbindungen - von den Seewegen einmal abgesehen : In einem solchen Land brauchte man zur Zeit der Christianisierung viele Kirchen . Groß mußten sie in den allermeisten len nicht sein , jedoch sollten sie mit den vor Ort vorhandenen technischen Mitteln und der lokal verfügbaren Arbeitskraft leicht zu errichten sein . Eine dition gab es im mittelalterlichen gen kaum , da bot der Schiffbau , den die 
Wikinger zu höchster Perfektion wickelt hatten , genau die richtige Lösung . 
Nicht nur die Verwendung sogenannter Knaggen , ( Holzstücke , die in einem natürlichen Winkel gewachsen sind und daher gut geeignet , jede beliebige konstruktion zu verstärken ) , deutet auf den Schiffbau als Inspirationsquelle für die Stabbauweise im Sakralbereich hin . Über den Schiffbau und die dungen dürften auch die fremdländischen Einflüsse auf die norwegischen chen erklärbar sein . Als bedeutendste Seefahrer ihrer Zeit und als ren ließen die „ Männer aus dem Norden“ auswärts gewonnene Eindrücke , spielsweise kontinentale men , auf die heimischen Kirchen gen . 
MITTELALTERLICHE BAUKUNST IN NORWEGEN 
Gunn3r Bugge 
Betncfdino Mezzanotte Verlag Friedrich Pustet I 
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Der Ursprung der heute in Norwegen anzutreffenden Stabkirche liegt lich an den inneren Fjorden von Hardan - ger , Sogn und More . Von hier aus breitete sich die Stabbauweise über die Berge weg in die Täler der östlichen Landesteile aus . 
Nur noch 30 der alten in ganz gen errichteten Stabkirchen sind jedoch bis heute erhalten . Mangelnde Pflege durch die Jahrhunderte hindurch und Brände waren häufig die Gründe für ihr Verschwinden . Erst 1992 zerstörte ein Brand die Stabkirche von Fortun - über hundert Jahre nachdem sie auf dem wesen Fantoft in der Nähe von Bergen neu errichtet worden war . 1883 stand sie 
wie so viele andere in dieser Zeit zum Verkauf als Brennmaterial an , wurde doch von dem betuchten Bergenser sul Gade gekauft , auf seine Anweisung hin zerlegt und nach Bergen geschafft . Dort neu errichtet blieb sie zwar in tem Besitz , war aber bis zu ihrer störung der Öffentlichkeit zugänglich . 
Daß einzelne der alten Stabkirchen überhaupt bis zum Ende des letzten hunderts bestehen bleiben konnten , läßt sich nicht auf ein besonderes Bewußtsein der Norweger für ihre Einmaligkeit zurückführen . Der Erhalt der Kirchen ist vielmehr der schlichten Tatsache zu danken , daß in harten Zeiten die Mittel für den Bau neuer Kirchen fehlten . Es war ganz einfach Armut , die dazu beitrug , das kulturelle Vermächtnis des terlichen Norwegens bis in die heutige Zeit zu sichern . 
Diesem kulturellen Vermächtnis haben sich Gunnar Bugge und Bernardino Mezzanotte mit dem Buch Stabkirchen : Mittelalterliche Baukunst in Norwegen in Text und Bildern gewidmet . Der formatige Band , der in diesem Frühjahr im Regensburger Verlag Friedrich Pustet erschien , wendet sich vornehmlich an Kunstfreunde , Kunsthistoriker und tekten . In den prächtigen Gesamt - und Detailaufnahmen des italienischen grafen Bernardino Mezzanotte zeigt er die einzigartige Konstruktion der alten chen wie den beeindruckenden reichtum ihrer Schnitzereien . Ergänzt werden die Fotos durch zahlreiche Pläne , Grundrisse und historische Illustrationen . Der Text Gunnar Bugges behandelt ben ausführlich Architektur , Stilistik und Ausstattung der Kirchen . Der Autor , der als Architekt in Oslo lebt , widmet sich aber auch kulturhistorischen Aspekten und bietet dem ambitionierten Entdecker in einem zweiten Teil Vorschläge für serouten zu den erhaltenen werken . Hierbei vermittelt er de Informationen zur Architektur der heute noch zu besichtigenden Kirchen - von der größten in Heddal bis zur sten in Undredal . 
Der schweizerisch - französische tekt Le Corbusier stellte in seinem berühmt gewordenen Manifest Vers une Architecture 1923 fest : „ Das Haus ist eine Maschine , in der man leben kann . “ In Analogie hierzu bezeichnet Gunnar ge die norwegische Stabkirche als eine 
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