AUFBRUCH NACH NORDEN 
Viel Glück , Charlotte 
Vierzig Jahre real existierender Sozialismus hat sie ungebeugt überstanden . Vier Jahre real existierendes Deutschland der Nachwendezelt haben sie mürbe gemacht . Nun ist es genug - Charlotte von Mahlsdorf steigt aus . 
Dagmar Lendt 
Vom Dörfchen Mahlsdorf am chen Stadtrand Berlins ist nicht mehr viel übrig , seit es in den ger Jahren dem Bezirk Hellersdorf mit seinen berüchtigten Hochhaussilos eingemeindet wurde . Heute schnüren monotone bauten dem einstmals grünen Ortskem die Luft ab . Die Felder und Wälder von 1928 , als Charlotte von Mahlsdorf hier unter dem men Lothar Berfelde geboren wurde , sind längst ausradiert . Dies ist nur einer der weggründe dafür , daß Berlins derzeit kannteste Kulturpersönlichkeit ihrer Heimat den Rücken kehrt , um sich in Schweden eine neue Existenz aufzubauen - in einem Alter , in dem Menschen für gewöhnlich nen Neuanfang in einem fremden Land mehr wagen . Die Sehnsucht nach einer takten Natur ist jedoch nicht der einzige Grund für ihren Aufbruch nach Norden . 
Charlotte von Mahlsdorf hat sich , treu ihrem Motto „ Ich bin meine eigene Frau“ , nie unterkriegen lassen . Die zeit überstand sie als Transvestit und mosexueller mit sehr viel Glück ohne ternierung . In der DDR galt sie als Asoziale . Heute ist sie Medienstar und Kultfigur , die bewundert und geachtet wird . Sie ist Buchautorin , stellerin , Trägerin des kreuzes und , das ist ihre ganze Passion , Schöpferin und Eigentümerin des derzeitmuseums in Mahlsdorf , der wohl vollständigsten privaten Sammlung dieser Art in Deutschland , die sie unter größten Entbehrungen zusammengetragen hat - mit nichts als ihrer Hände Arbeit , einem schmalen Gehalt als Nachtwächter und ihrem unbeirrbaren Willen , das Interieur und die Atmosphäre der Jahrhundertwen - 
de zu erhalten . Ihre Erklärung , daß sie nun nach all den Jahren in dieser Stadt nicht mehr leben will und kann , hat nicht nur in Berlin wie eine Bombe gen . Der Berliner Kultursenator äußerte „ Betroffenheit und Unverständnis“ und war „ sprachlos , weil Charlotte von dorf ihr Lebenswerk zerstört“ . 
Die Zerstörung geht wohl kaum von Charlotte aus . Den Anfang machten rechte Schlägertrupps , die im Mai 1991 ein sames Fest von Lesben , Schwulen und teras im Gründerzeitmuseum mit Baseball - schlägem und Eisenstangen zerschlugen . Daß die folgenden Veranstaltungen nur ter Polizeischutz stattfinden konnten , störte Charlotte und ihre beiden rinnen Beate und Silvia ebenso wie das zunehmend menschenverachtende Klima in Deutschland : „ Wenn wir schon so weit sind , daß man wieder Häuser und Synagogen zündet , daß man einen Schwarzen aus der S - Bahn schmeißt und fünfzehn Leute sitzen dabei und keiner rührt sich , da fragt man sich , was muß denn nun noch passieren ! Uns hat das dann einfach gereicht . Wenn so etwas möglich ist , müssen wir eine derung ins Auge fassen . “ 
So reifte der Entschluß , Deutschland zu verlassen . Charlotte und ihre beiden trauten dachten an ein Land , in dem ranz noch nicht zum bloßen kenntnis gefroren ist . Zunächst wurden die Niederlande und Dänemark ins Auge faßt , „ aber nun ist es also Schweden , fang 1994 wurde es konkret , durch die fälle u . a . in Berlin“ . Das freundliche und herzliche Interesse , auf das sie in Schweden traf , und die „ Standing ovations“ des kums , als sie mit Rosa von Praunheim dort 
Nr . 1 , 1995 
seinen Film über Charlotte von Mahlsdorf vorstellte , gaben den Ausschlag . 
Inzwischen ist ein Haus gefunden und reits angezahlt . Ganz stilecht wurde es um 1900 erbaut . Wo es steht , will sie lieber nicht sagen , „ erst , wenn es bezogen ist und wir es eingerichtet haben“ . Ausgestattet werden sollen die Räume natürlich mit möbeln , und das Haus und seine Umgebung sollen auch wieder der Öffentlichkeit gänglich sein : „ Wir werden da keinen Zaun und kein Tor haben , wie das in Schweden eben üblich ist , wir werden Bänke len , die Leute können sich hinsetzen , es soll gemeinnützig sein für alle . “ 
Befürchtet Charlotte von Mahlsdorf nicht , daß sie und ihre Freundinnen in Schweden ähnliche Übergriffe wie in Berlin erleben könnten ? Die Liberalität und Toleranz der Schweden sei ja sprichwörtlich , meint lotte dazu , außerdem „ gehen wir in keine Großstadt , wir sind auf dem Lande , und das Land ist weit . “ Und überhaupt , „ das ist ja nicht der alleinige Grund“ , sondern auch die finanzielle Misere und die Querelen um eine mögliche Unterstützung durch das Land lin . Gebäude und Sammlung mögen ein paar Millionen wert sein , obwohl Charlotte mit ner Schätzung „ eher sehr , sehr vorsichtig“ sein und lieber auf einen Fachgutachter trauen möchte . Aber sie selbst hat nur eine monatliche Rente von 683 , - DM , und davon sind die an allen Ecken und Enden den Sanierungsarbeiten nicht zu bezahlen . Deshalb hat sie als Eigentümerin des seums ein offenes Ohr für die Gebote jedes Kaufinteressenten unter der Bedingung , daß ihr Museum erhalten bleibt und fortgeführt wird . Der Berliner Kultursenator jedoch kann sich zu einer Übernahme nicht recht ringen : „ Wir haben die Millionen schließlich auch nicht einfach so rumliegen“ , sagt natssprecher Klemke . Allerdings scheint nug Geld vorhanden zu sein , um die lage rund um das Museum - Grund und Boden gehören dem Land Berlin - für sende von Mark neu zu gestalten . Aber dieses Geld , so der Senatssprecher , „ kommt ja auch aus einem ganz anderen Topf1 . 
Was sagen Charlotte und ihre beiden Kolleginnen dazu ? „ Wir pokern nicht um den Preis , wir wollen kein Kapital schlagen . Wir sind auch nicht verbittert . Wir kommen in ein Land mit einem derbaren und vor allem äußerst toleranten Menschenschlag . Darauf freuen wir uns“ . 
Alles Gute , Charlotte von Mahlsdorf . Wir werden Ihren Weg mit Interesse verfolgen . ■ 
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