Full text: (1995)

Toves Frage nach der Identität ist zwar philosophisch , ihr gang jedoch nicht intellektuell , sondern intuitiv . Wo in den frühen Kinderbüchern die Frage nicht geklärt , sondern nur angerissen wird , bevor sie im Geschehen untergeht , ist sie später zum len Thema geworden . Allerdings bleibt es zumeist bei dem bloßen Versuch einer tiefergehenden Analyse . 
Ihr grafisches und erzählerisches Können stellen Toves sche und literarische Fähigkeiten weit in den Schatten . In ihren Gemälden , den Titelbildern für die Muminbücher und ihren derbüchern - beispielsweise in Den farliga resan ( Die gefährliche Reise , 1977 ) - offenbart sich eine Unsicherheit in Farbgebung und Texturierung . In ihren Erwachsenenromanen gelingen ihr vor lem die plastischen Beschreibungen von Stimmungen , ten und Handlungen , etwa die einfühlsame Schilderung von den und Ängsten , weniger jedoch die dialogische Erzählform . Zudem verästeln sich ihre Geschichten nicht selten in nen Stilrichtungen , die unter einem Buchdeckel nicht passen . 
Oftmals sind gerade die ersten Veröffentlichungen bei Autoren und Illustratoren die besten und auch erfolgreichsten , weil sie tuitiv und ohne Druck entstehen . Die Schwerelosigkeit vieler lingswerke entsteht durch eine oft kaum wahrnehmbare Unbehol - fenheit in Stil und Ausdruck , die ihnen einen eigenen Zauber des Experiments verleiht , der sich später häufig verliert . Der Grat schen Professionalität und Routine ist sehr schmal . Routine und haargenaue Planung gehen leicht auf Kosten von Spontaneität und Originalität . 
Toves Erfolg kam früh und war so groß , daß sie nicht daran zuknüpfen vermochte . Durch die unvermeidliche Modernisierung verloren die Mumins , wie zahllose andere Fantasiefiguren ihrer Zeit , mit den Jahrzehnten ihren Charme an allzuviel Glätte . Aber erst durch die öffentlichkeitsgerechte Fast - Food - Kommerzialisie - rung begann der Verrat an Tausenden von Kindheiten . 
Die Muminwelt von heute ist in Skandinavien seit langem höchst geschäftsträchtig . Seitdem die verletzliche Lyrik und tiefe Philosophie des Mumintals über Bord gekippt wurden , verbuchen Toves Lizenzträger kommerzielle Gewinne : In butterweichen Amusement - Parks kann man das Tal hautnah miterleben , während Comic - Mumin und seine Kumpanen bleich vor zen von Plastikuhren , Poesiealben und Zahnbürsten ren . 
Dabei nahmen die Dinge nach der weltweiten positiven nanz der Muminbücher zunächst einen vielversprechenden lauf . 1953 begann eine siebenjährige Zusammenarbeit mit der Londoner Evening News , für die Tove Comic - Strips mit den rakteren aus ihren Büchern erstellte . Bis in die achtziger Jahre hinein entwarf sie ihre Strips selbst , später wurden sie von ihrem jüngeren Bruder Lars übernommen . 
Mit Lars' Unterstützung entstand vor einigen Jahren eine sche Zeichentrickserie der Mumin fürs Fernsehen . Obwohl lich eng an den Originalbüchern angelehnt , ist sie jedoch derart haarsträubend schlecht gezeichnet , daß man Schwierigkeiten hat , die Vorlage zu erkennen . Der Soundtrack und die deutsche chronisation - allein das unsägliche Titellied - tun ein übriges . Weder Qualität noch Stimmung werden auch nur annähernd reicht . Der Versuch einer zeitgemäßen tung für eine große Öffentlichkeit konnte nicht weiter daneben gehen . 
Vor kurzem sind in Deutschland die häßlichen Neuauflagen der Muminge - schichten bei Benziger / Arena erschienen . 
Nach dem finanziellen Mißerfolg der letzten Auflagen , bei denen man nicht nur einen , sondern gleich zwei Romane ter einen großformatigen Hardcoverumschlag preßte , bemühte man nach „ two in one“ einen weiteren modernen Trend und gestaltete neue Titelbilder mit je einem Comic - Motiv in peppi - gen Plastikfarben . Der Schuß ging zum Teil in den eigenen Bauch , da die Aufmachung jeden potentiellen Kunden von vornherein vergrault ; viel schlimmer doch , wurde Tove selbst mitten ins Mark getroffen , da die grafiker von Gameboys und Gartenzwergen zum Maßstab ihres Werks geworden sind . 
Kaum mag es da trösten , daß Tove Jansson zumindest für nigen , die ihren Namen nicht nur mit Fotoalben verbinden , eine anerkannte und aktuelle Künstlerin ist . Sie gewann mehrere se , darunter die Hans - Christian - Andersen - Medaille und den Sel - ma - Lagerlöf - Preis für Literatur . 1992 wurden einige farbige Mu - minbilder als Vorlagen für eine finnische Briefmarkenserie verwendet . Anläßlich ihres achtzigsten Geburtstags trafen sich geisterte Referenten zu einer internationalen Konferenz in pere : versöhnliche Zeichen in Zeiten von Mumin - Havarie . ■ 
Für ihre Unterstützung herzlichen Dank an Dr . Andreas Bode , Direktor der Internationalen Jugendbibliothek Schloß Bluten - burg in München , und an Dr . Riitta Kuivasmäki , Direktorin des Finnischen Instituts für Kinderliteratur in Tampere . 
Nr . 1 , 1995 
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