VISUELLES ERLEBEN : 
Gibt es nordisches Design ? 
Unter dem Begriff Scandinavian modern setzte sich die tungskunst aus Nordeuropa international durch . 
Karl - Rainer von der Ahé 
Skandinavien erschließt sich visuell . Die Ankunft mit der Fähre aus beck , Kiel , Rostock oder Saßnitz bringt immer ein mehr oder weniger kes visuelles Erleben mit sich . Sicherlich ist es etwas anderes langsam durch den Oslofjord nach Norwegen hineinzugleiten als aus Lübeck oder Saßnitz kommend in Trelleborg anzulanden . Doch das Auge sucht den Vergleich zum Ausgangshafen . Der Betrachter versucht ein inneres Bild mit dem ersten Eindruck Skandinaviens in Deckungs zu bringen . 
Woher stammen unsere Bilder des dens ? Wodurch konstituieren sie sich ? Ich habe in zahlreichen Seminaren zum Design Nordeuropas zwei Fragen immer wieder gestellt : „ Welche Farbe assoziiert ihr mit Nordeuropa ? “ und „ Welches terial entspricht eurer Meinung nach am besten Nordeuropa ? “ Die Antworten sen immer wieder eine enorme und staunliche Homogenität auf . Auf die erste Frage wird von 80% der Studenten die Farbe „ Blau“ genannt . Die zweite Frage beantworten 90% mit „ Holz“ . Bei den Befragten handelt es sich sowohl um gereiste Studenten , die oft schon ein Jahr im Norden verbracht haben , als auch Neueinsteiger in die Nordistik . 
Es ist unbestritten , daß man auf einer Fahrt durch Nordeuropa - sehen wir mal von Dänemark und den äußersten Süden Schwedens ab - mit Holz massiv 
Dr . Karl - Rainer von der Ahe ist Dozent am Nordischen Institut der Ernst - Mo - ritz - Arndt - Universität Greifswald . 
konfrontiert wird . Holz sehen wir als Wald , Holz sehen wir als Material der meisten Häuser und Holz sehen wir als Werkstoff für zahlreiche Bereiche ropäischer Inneneinrichtungen . Das urteil vom Holz als zentralem Element nordeuropäischen Lebens wird bestätigt . 
Blau ist etwas anderes . Blau ist der Himmel , Blau ist das Meer und sind Seen und Flüsse , wenn das Licht im richtigen Winkel darauf trifft . Blau will aber auch heißen : klar , weit , sauber , ehrlich . Für weitere Deutungen der Farblehre können wir Goethe bemühen . „ Blau“ ist eine findlichkeit , eine psychische Disposition . 
Betrachten wir es einmal anders herum . Ich denke an ein großes , schwedisches Möbelhaus , das seit Jahrzehnten auf dem deutschen Markt präsent ist . Es war vor 20 Jahren mit dem Slogan „ Das che Möbelhaus aus Schweden“ und sentierte daneben einen Elch . Es waren zahlreiche Studentengenerationen , die sich dem wissenschaftlichen Niveau der Baubeschreibungen der Beipackzettel mit Blasen und Wunden näherten , um Ivar und Billy ins Lot zu bringen . Doch trotz aller Mühen und Schmerzen blieb ein Eindruck von skandinavischem Design haften . Nicht nur bei den wenigen sten , sondern bei einer breiten Schicht deutscher Jungakademiker . sches Design war ein Teil von 1968 , war Widerstand gegen bürgerliche mer aus Eiche furniert , war Widerstand gegen den Vietnamkrieg im Geiste Olof Palm , war eben eine Revolution für die das Leiden mit Schraubenzieher und 
belschlössern durchaus angemessen war : „ Die Revolution ist kein Deckensticken“ . Auch nicht im Möbelbau . Nebenbei war es irgenwie „ natürlich“ , trotz allen maldehyd - Geruchs atmeten diese Möbel mit dem Elch etwas von Freiheit , teuer und Drittem Weg . IKEA startete nau zwischen 1968 und den frühen logischen Versuchen der späten Siebziger und niemand ahnte damals , daß ein Teil dieser Möbel in den Gefängnissen der DDR entstand . 
Die Bilder verfestigten sich . Tradierte Bilder von den alten Germanen , die schon Tacitus beschrieb , mythische zählungen über die Wikinger , die alle sten des Kontinents heimsuchten , die suche unseres Kaisers Wilhelm II . in Norwegen , Olaf Gulbranssons „ Ewig schende Wälder“ , Selma Lagerlöf und Nils Holgerssons wunderbare Reise , lich „ Die Kinder von Bullerbü“ aus dem schwarz / weiß Kasten der ersten kriegsgeneration . Und nun der Elch vorm Möbelhaus und Sofas , die man ren konnte und ein Restaurant im haus und einheitlich gekleidete nung und das Selber - mit - Anpacken des großen Kollektivs . Das fröhliche , liche und kollektive Kinderleben aus lerbü wurde für uns selbst erfahrbar , wir konnten mitmachen . Die erste Fahrt nach Norden sollte zur Bestätigung all der der aus unseren Träumen werden : von der Weite , dem Licht , dem Kollektiv , der Einfachheit , dem Dritten Weg . 
Schönheit für alle 
Der Begriff des Nordischen Designs hat pädagogische Quellen . Es war die dische Autorin und Sozialreformerin len Key , die 1899 ein anderes Leben in anderen ästhetischen Räumen als Teil der Befreiung der Arbeiterklasse forderte . Sie rief das aus , was die Engländer William Morris und John Ruskin Jahrzehnte zuvor in ihren romantischen und schen Entwürfen formuliert hatten . Der Mensch wird gut , wenn man ihm Gutes tut . Man schaffe dem Menschen eine gute , menschenfreundliche Umgebung und er wird sich ändern . Der schwedische und später nordeuropäische Weg wurde aus dem Leitspruch geboren : Sozialismus ist Design plus Gewerkschaften plus alkoholismus . „ . . . man arbeitet besser , fühlt sich wohler , wird freundlicher und 
Nr . 4 , 1995 
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