Und Deutschlands Verteidigungsminister Volker Rühe empfahl den baltischen Staaten gleich mehrmals - nämlich im Juni dieses Jahres auf einem riertreffen in Visby und auf seiner kum - Reise im August nicht den Weg „ über Europas Zentrum“ , sondern über eine militärische Zusammenarbeit mit den nordeuropäischen Staaten zu suchen . Was natürlich auf Proteste der vier stieß . Selbst Kohl - Freund Carl Bildt wies die „ Vorschläge“ als gefährlich zurück . Über das militärische Verhältnis der nordischen Länder zu den baltischen müßte indes ein gesonderter Essay verfaßt werden . Alles in allem kann sich hier der Beobachter nicht erwehren , daß es oft eher um ein Abarbeiten eines Balten - Komplexes denn um eine wirkliche operation geht . Vor allem Litauen steht ohne direkten Protagonisten im Norden außenvor . 
Vielleicht ist das der Grund , daß sich die Litauer bislang eher still beim Westen anbiederten , als unverschämte gen zu stellen . Blieb die NATO - Frage in Rühes Protokoll und in einer chenden Pressemitteilung gänzlich wähnt , setzten sie auch die schüchternen Litauer nicht auf die Tagesordnung . In den etwas selbstbewußteren litauischen Medien stieß zumindest die Haltung des Botschafters in Brüssel , Dalius Cekuolis , der wieder und wieder versucht , der lehnenden Haltung der NATO positive Aspekte abzugewinnen , auf mehr als verständnis . Auf die letzten militanten Äußerungen aus Rußland reagierten dessen auch die offiziellen litauischen Stellen mit ungewohnter Schärfe : ens Botschafter in Washington sprach im State Department vor und äußerte seine Besorgnis bezüglich der russischen hungen , im Falle einer Ost - Erweiterung Truppen ins Baltikum zu entsenden ( teressanterweise war in deutschen en lediglich von einer „ rung an die baltischen Grenzen“ die Rede ) , nachdem der sich mit seinen legen aus Lettland und Estland tiert hatte . Allein im Außenministerium schieden sich die Geister noch immer : Minister Gylys erkannte Rußland wie habt das Recht zu , über die Doktrin ner Verteidigung frei zu entscheiden ; Staatssekretär Januska sprach von der größten Bedrohung , die das Land seit 1991 erfahren hatte . 
Wie ist es nun wirklich : Wollen die tischen Staaten um jeden Preis in die NATO , weil die Russen wirklich die fährlichen Nachbarn im Osten sind ? Oder aber reagiert der russische Bär so gereizt , weil die - partielle - NATO - Oster - weiterung die ehemalige Supermacht liert , statt sie in das einst von schow proklamierte „ europäische Haus“ einziehen zu lassen wie andere ropäische Staaten auch ? Es drängt sich die Vermutung auf , daß es die Welt hier mit einem klassischen Teufelskreis zu tun hat , dessen primäre Eigenschaft darin steht , daß eine Lösung des Problems nur dann möglich ist , wenn man ihn schlägt . Immerhin lassen sich einige sequenzen aus der verfahrenen Situation ziehen - wenn auch eine realpolitische Umsetzung papierner Erkenntnisse kaum in Aussicht steht . 
Offenbar ist die NATO in ihrer nellen - und heutigen - Gestalt ein von Grund auf unzureichendes Instrument , um die divergierenden europäischen teressen unter einem Hut zu vereinen . Denn zweifelsohne ist die Allianz noch immer primär ein Militärbündnis , das durch seine für die einen schützende Hand andere ausschließt und fast zwangsläufig fragen läßt : „ Bleiben wir jetzt als Feinde übrig ? “ Alternativen men der kollektiven Sicherheit in Europa , in die man sowohl Russen als auch Balten hätten einbeziehen können , ohne zu larisieren , wurde seit 1989 nie ernsthaft eine Chance gegeben . Die OSZE , damals noch KSZE , war zu Zeiten des Kalten Krieges lebendiger als heute ( wozu nicht viel gehört ) . Die politisch - militärische sammenarbeit innerhalb der schen Union nimmt nur langsam Formen an und hat im ehemaligen Jugoslawien kläglich versagt . Die Politik der NATO ist überholt und daher zwangsläufig tionslos . Sie schafft scheinbar Begünstigte und Neider und schadet am Ende allen Seiten : den Balten , Rußland und der Glaubwürdigkeit des Westens . 
Abgesehen von einer fehlenden teuropäischen Sicherheitskonzeption darf die Hilflosigkeit des Westens nicht so weit gehen , daß der vor Rußland auf die Knie fallt . Momentan entsteht der Eindruck , daß jedes kleinere Opfer vom Westen in Kauf genommen würde ( daher reagierte man im Baltikum besonders sensibel auf das den in Tschetschenien ) , um einer großen 
Explosion tunlichst aus dem Weg zu gehen . Richtig ist , daß Rußland sein Recht auf Mitsprache in Europa und der Welt standen werden muß . Beispiel Ex - Jugosla - wien : Der Konflikt läßt sich auf keinen Fall ohne die Russen lösen . Und - Hand aufs Herz - warum sollten amerikanische essen mehr wert sein als russische ? Daher ist der Ansatz , auch Rußland in eine nationale Friedenstruppe einzubeziehen - unter wessen Kommando auch immer - der einzig richtige . Falsch ist jedoch , den sen in ihrem „ Hinterhof freies Spiel zu währen , denn ansonsten wäre die Gefahr des Übermuts wahrlich zu groß . Offenbar neigt man im Westen dazu , ein Trauma mit einem anderen abzulösen . Und genau halb falsch zu entscheiden : Als man kannte , die Unabhängigkeitsbewegungen in den baltischen Staaten zu spät nommen zu haben , wollte man - dest auf deutscher Seite - bezüglich niens , Kroatiens und Bosniens alles richtig machen . Dabei übersah man , daß die tuation im multinationalen Jugoslawien eine deutlich andere war als in den schen Staaten , die sich faktisch aus den Fängen eines Okkupanten befreiten . Daß der deutsche Übermut das jugoslawische Faß zum Überlaufen brachte , ist heute längst kein Geheimnis mehr . Allerdings darf die Konsequenz nun nicht darin hen , daß der Westen - und insbesondere Deutschland - angesichts anderer eller Konfliktherde in Passivität verfällt und falsche Allianzen schließt . 
Die baltischen Staaten besitzen ein bedingtes Recht auf ihre Unabhängigkeit , wie Rußland ein Recht auf freien Zugang nach Europa . Am meisten in die Pflicht genommen ist jedoch der Westen , denn es steht bestenfalls in seiner Macht , die geln des Zusammenlebens in Europa neu zu definieren und alten Ballast über Bord zu werfen . Den baltischen Staaten bleibt indes nur , ihre Interessen deutlich zu kulieren . Daß da Appelle oder Flehen oder Bitten wenig hilfreich sind , dürften die vergangenen Monate deutlich gezeigt haben . Allein auf die moralische Größe des Westen zu setzen , wäre illusorisch - vielmehr muß ein echtes Gefühl hen , daß das Baltikum ein Teil des großen Europas ist - und zwar als selbständige und bewahrenswerte Einheit . Die cen , über den Hebel der Ökonomie ges in Bewegung zu setzen , stehen noch immer nicht schlecht . ■ 
Nr . 4 , 1995 
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