ESSAY 
Graffiti beim Parlament in Vilnius 
Glaubten zu Beginn der neunziger Jahre viele an ein Ende der nuklearen Ära ( mindest auf militärischem Gebiet ) , spricht man heute bereits wieder von Kernwaf - fen - Stationierungen und - kriegen sowie Truppenverlagerungen an die russische Westgrenze ( übrigens in Kooperation mit Weißrußland , wie aus dem Moskauer neralstab verlautete ) . Über den Ernst der Lage läßt sich in diesem Fall sicher ten , doch daß die Zeiten des Lächelns und Händedrückens zwischen Boris , Bill und Helmut unvermindert anhalten , mag nur der Naive wirklich glauben . Allzu naiv ist auch jener , der jedes unpassende Wort aus Rußland unter dem Thema Wahlkampf verbucht . Es mag zwar sein , daß in Wahlkampfzeiten die Sprüche ter und populistischer werden und daß man das gedemütigte einstige Sowjetvolk am besten mit Demonstrationen von ke und Supermacht - Ambitionen druckt . Doch wenn Außenminister Kosy - rew das Baltikum als „ nahes Ausland“ und Interessensphäre Rußlands net und der Ex - Reformer Jelzin mit der Fackel des Krieges , mit der er ganz pa anzünden will , droht , dann greift die „ Formel Wahlkampf“ zu kurz . Vielmehr haben es der Westen und nicht zuletzt die baltischen Staaten mit einem launischen Bären zu tun , dessen Verhalten sich nicht deshalb schwer abschätzen läßt , weil rade der Wahlkampf im Gange ist , dern weil er bei der Neuaufteilung der 
Welt zu kurz gekommen ist oder sich zu kurz gekommen glaubt . Und in den maligen baltischen Sowjetrepubliken weiß man sehr genau , wozu ein solches ( Un ) tier in der Lage ist , wenn es sich so richtig in Form fühlt . 
Immerhin - darüber sind sich die schen Kreise im Westen einig - ist rie das am wenigsten geeignete Mittel , auf die Unwägbarkeiten in Rußland zu gieren . „ Rußland wird in absehbarer Zeit kein demokratisches , saturiertes und wohlhabendes Land sein“ , schreibt hard Stölting im Augustheft der schrift Kommune . „ Aber es wird , wenn alles gutgeht , auch nicht faschistisch . Rußland wird die anderen Länder der ehemaligen Sowjetunion weiterhin als hes Ausland betrachten und sich in deren Angelegenheiten mischen , soweit es dringlich scheint . Es wird innenpolitische Pressionen in äußere verwandeln und in begrenztem Maße antiwestlich sein . litär aber wird es nicht mehr . Die lationen , die sich zum trüben Ende Jelzins hin aufdrängen , sind nicht optimistisch . Aber auf eine Katastrophe deuten sie auch nicht . “ 
Unterdessen schickt sich der Westen an , den katastrophalen Part zu spielen . Die Reaktionen auf die Situation in einem zersplitterten , ehemals homogenen block lassen eine Konzeptionslosigkeit kennen , die ihresgleichen sucht . Doch da Politik von Politikern gemacht wird ( sie - 
he oben ) , sucht man zumindest , mit promißlerischen Offerten und men aufzuwarten und diese als tionen zu verkaufen . Von diesem Chaos profitiert momentan nur Rußland : Die Angst vor den Atomraketen ist zu groß , die ökonomischen Interessen zu stark , die Furcht vor weiteren „ gen“ aus dem Osten sitzt zu tief , als daß man die Interessen des Riesen unbeachtet lassen könnte . Leidtragende dieses Spei - chelleckens sind - vereinfacht betrachtet - die anderen osteuropäischen Staaten , vor allem die drei baltischen . Dort trachtet man denn auch die Kniefälle des Westens mit Verbitterung . Versprechen der Allianz , Ideen über eine rung der NATO nicht vor 1997 zu tieren , werden von russischer Seite - mentlich von Außenminister Kosyrew - mit Lob honoriert . Es gebe , so meldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung ter der skurrilen Überschrift „ Rußland grüßt geplante Ost - Erweiterung“ , eine stillschweigende Absprache zwischen den Vereinigten Staaten und Rußland , mit diesen Entscheidungen bis nach den Wahlen in beiden Ländern zu warten . fenbar gehe es in all der Diplomatie mehr um Rußland als um potentielle neue NATO - Partner , so Lietuvos Ritas , die sich - aus dem Organ des litauischen kommunistischen Jugendverbandes wachsen - zu einer der liberalsten zeitungen des Landes gemausert hat . Und wenn man Rußland krampfhaft chern wolle , die NATO - Erweiterung sei nicht gegen das Land gerichtet , sei das mehr als lächerlich . 
Die NATO - und namentlich land als großer westlicher ger der Balten - ist unterdessen nur in nem Punkt deutlicher geworden : Sollte es zu einer Ost - Erweiterung des Bündnisses kommen , stünden Litauen , Lettland und Estland auf keinen Fall ganz oben auf der Liste der Kandidaten . Deutschlands rit ist Polen , die amerikanischen Lieblinge sind Tschechien und Ungarn . Strobe bott , der als stellvertretender US - minister als äußerst rücksichtsvoll genüber den russischen Interessen gilt , schrieb zum Auftakt einer Serie zum ma Ost - Erweiterung in der ZEIT , daß die baltischen Staaten und die Ukraine an rer Unabhängigkeit und den Reformen festhalten sollten , daß sie sich in punkto NATO allerdings zu gedulden hätten . 
NORDEUROPA
	        

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