ESSAY 
Es offenbart sich Widersprüchliches 
Überall im Baltikum - nicht nur auf offizieller politischer Ebene - hört man momentan sehr genau hin , wenn neue schrille Töne aus dem Osten dringen . Bei der historischen Erfahrung , die alle drei Länder miteinander teilen , ist Sorge zumindest nicht unbegründet . Sie alle suchen Schutz unter dem Dach des Westens - militärisch gesprochen : 
als Vollmitglieder der NATO . 
Stephan Muschick 
In der Politik - so lehrte uns eine batte des Deutschen Bundestages - darf eine Rede auf gar keinen Fall mit folgenden Worten begonnen werden : „ Beim Blick auf die politische Lage bart sich Widersprüchliches . “ onsführer Rudolf Scharping machte sen Fehler und wurde dafür mit Spott und Häme aus den gegnerischen und den nen Reihen bestraft . In der schen politischen Auseinandersetzung ist ein anderer Ton gefragt , denn es geht um die Macht . Und im Kampf um die Macht haben es Differenzierungen - offenbar - schwer . Doch gottlob gibt es da noch dere Textsorten als die Kategorie tagsrede . Zum Beispiel den Essay : Hier ist es geradezu Pflicht , ausgewogen und eben nicht plakativ aufzutreten . Oder anders ausgedrückt : Ein Essay ist besser geeignet , Unsicherheit und Konzeptionslosigkeit zu verbergen als eine Bundestagsrede . dolf Scharping mußte diese Erfahrung machen , und träte der Verfasser dieses Essays mit seinen Ideen zum Verhältnis zwischen Rußland , den baltischen ten und dem Westen im Gewände eines Politikers auf , stünde er keinen Deut ser da als all die anderen Strategen in Bonn und Brüssel , die - in Scharping - nier - herumlavieren . Lediglich aus land und den baltischen Staaten ist da Handfestes - kaum weniger liches indes - zu vernehmen . 
Stephan Muschick ist Skandinavist in Berlin . 
Letztere wissen vermeintlich recht nau , wo der Feind steht : im Osten . In allen drei baltischen Staaten ist die Furcht vor den Umarmungen des großen Bruders endlich viel größer als in den übrigen Ex - Satelliten des Sowjet - Imperiums . Oder aber - Beispiel Weißrußland - : Man sucht den Bruderbund geradezu . Die sich tende panslawische Union faßt man im Baltikum wiederum als weitere Bedrohung auf . In der Tat lassen sich solche Ängste nicht unter dem Stichwort „ irrational“ kanzeln , beobachtet man die digkeit , mit der sich der weißrussische postkommunistische Präsident Alexander Lukaschenka in den Schoß der Mutter Rußland zurückbewegt - und damit lich offene Türen einläuft . Ein tor der litauischen Tageszeitung Lietuvos Ritas meinte kürzlich recht genau zu sen , wohin der Hase läuft : Bei der mischen Schwäche der Weißrussen könne es auf keinen Fall um eine wirtschaftliche Kooperation gehen . Rußland wolle - und hier fühle sich das Baltikum an einer findlichen Stelle getroffen - seine „ digung“ reorganisieren . 
Die härtesten Töne sind indessen aus Tallinn zu vernehmen . Daß Präsident Lennart Meri nicht nur ein charismatischer und perfekt Deutsch und Englisch chender Intellektueller , sondern auch ein konsequenter Hardliner ist , wenn es um das Verhältnis zu Rußland geht , dürfte mittlerweile auch im Westen bekannt sein . Letztes Beispiel : Auf einer Rede vor dem Stockholmer Außenpolitischen Institut meinte er unumwunden , daß in der 
schen Politik etwas Verrottetes liege und daß demokratische Spielregeln in Rußland kaum eine Chance besäßen . Einzig che Konsequenz : der Weg in die NATO , denn dem östlichen Nachbarn sei auf nen Fall zu trauen . Einen ähnlichen Kurs fährt - allerdings von der Oppositionsbank aus - Litauens Ex - Präsident Vytautis Landsbergis . Auch er hält Rußland für durch und durch verbrecherisch , was man schon daran erkenne , daß Litauen noch immer nicht seine ehemaligen gebäude zurückerhalten habe , die sich die Sowjetunion nach der Annektion des tikums 1940 einverleibt hatte . Die quenz : Rußland dürfe auf keinen Fall glied des Europarates werden . 
Dafür sieht die jetzige , von der kommunistischen Arbeiterpartei LDDP dominierte litauische Führung gelassener in Richtung Moskau . Bei der den Abstimmung im Europarat enthielten sich Litauen ( und Lettland ) lediglich der Stimme , während Estland mit Nein tierte . „ Kein Ja für Rußland in Straßburg“ - so lautete der Minimalkonsens der drei baltischen Länder . 
So weit , so gut . Doch gibt es kausale Beziehungen zwischen den schrillen nen aus Moskau und der militärischen Zukunftsmusik , die im Westen - nicht mer sehr überzeugend - gespielt wird ? Was ist da Ursache , was Folge ? Und che Rolle spielen in diesem Wirrwarr die baltischen Staaten ? Deutlich ist im ment nur eines : Die „ winds of change“ aus Richtung Osten , einst hoffnungsvoll besungen , sind deutlich kühler geworden . 
Nr . 4 , 1995 
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