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ASTRID LINDGREN : 
Die gute Frau von Bullerbü 
Astrid Lindgren revolutionierte nicht nur die Kinderliteratur , sie kämpfte auch zeitlebens für die Rechte von Kindern und für eine lebenswertere Welt . Für dieses Engagement wurde die 88jährige im letzten Jahr mit dem Alternativen Nobelpreis ausgezeichnet . 
Janine Klein 
Es gab eine Zeit - aber es ist noch gar nicht so lange her 
da gaben die großen Leute ihren Kindern Steine statt Brot . - Ein Märchen ? - Nein , aber der Anfang der Geschichte der Jugendliteratur . 
So charakterisiert Richard Bamberger zutreffend die Zeit , als man begann , Bücher für Kinder zu machen . Es waren Bücher , die nicht den Sehnsüchten , Nöten , Ängsten und Träumen der Kinder entsprachen , sondern solche , die die Welt der Erwachsenen derspiegelten . Sie boten den Kindern Bücher an , „ die von 
weile nur so trieften und geeignet waren , ihnen alle Weisheit und Vernunft ein für allemal zu verekeln . “ ( Paul Hazard ) Diese tur war so haarsträubend moralinversetzt , daß gegen Ende des 19 . Jahrhunderts Heinrich Wolgast eine Kampfschrift herausgab , die er Vom Elend der Jugendliteratur betitelte . Trotzdem änderte sich die Lage nicht . 
Erst nach dem Zweiten Weltkrieg trat mit Astrid Lindgren eine Wende ein . Denn hier trat eine Autorin auf , die mit beachtlicher Zivilcourage konsequent ihren Respekt vor dem Kind als Kind 
janine Klein ist Skandinavistin und Kunsthistorikerin in Berlin . 
lebte und dies auch von allen anderen forderte . Sie stand fend wie eine Löwin vor dem Recht des Kindes , Kind sein zu dürfen . Eine ihrer Stellungnahmen - oder besser : ihre sage erschien bereits am 7 . Dezember 1939 in Dagens Nyheter und ist heute noch so aktuell , daß sie hier zitiert werden soll , charakterisiert sie doch auch in weitem Maße Astrid Lindgren als Mensch : 
„ Es ist nicht leicht , ein Kind zu sein , las ich neulich in einer tung , und ich war baß erstaunt , denn schließlich liest man nicht jeden Tag etwas in der Zeitung , das wirklich wahr ist . Hier spricht ein Revolutionär . 
Nein , es ist nicht leicht , Kind zu sein ! Es ist schwer , geheuer schwer . Was bedeutet es denn - Kind zu sein . Es bedeutet , daß man ins Bett gehen , aufstehen , sich anzie - hen , essen , Zähne und Nase putzen muß , wenn es den Großen paßt , nicht wenn man selbst es möchte . Es tet , daß man Knäckebrot essen muß , wenn man viel lieber eine Scheibe vom frischen Brot hätte , und daß man ohne mit der Wimper zu zucken in den Milchladen rennen muß , um eine Marke für den Gasautomaten zu holen , obwohl man es sich gerade mit einem dicken Buch gemütlich macht hat . Es bedeutet ferner , daß man ohne zu klagen die ganz persönlichen Ansichten jedes x - beliebigen nen über sein Aussehen , seinen Gesundheitszustand , seine Kleidungsstücke und Zukunftsaussichten anhören muß . 
Ich habe mich oft gefragt , was passieren würde , wenn man anfinge , die Großen in dieser Art zu behandeln . 
Revolte der Jugend 
Große Leute haben einen unangenehmen Hang , mit chen zu kommen . Sie sprechen gern von ihrer eigenen Kindheit . Soweit ich verstanden habe , hat es in der ganzen schichte keine solche Ansammlung von begabten und genen Rangen gegeben wie zu der Zeit , als meine Eltern sen . Zu jener Zeit waren die Kinder wirklich reizend . Sie bekamen in der Schule nie eine Mahnung , sondern hatten immer nur die besten Zensuren im Zeugnis , sie putzten sich die Schuhe stets selbst und machten täglich ihr Bett , sie wuschen Ohren und Hals jeden Morgen mit kaltem Wasser , und sie liebten gutes und nahrhaftes Essen , vor allem gekochten Fisch und Gemüse . Auf 
Nr . 3 , 1995 
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