Full text: (1995)

FORUM 
Ja FS A 
Per Landin 
Ahnenforschung 
Ahnenforschung ist zu einer Volksbewegung in Schweden geworden . Gerade kürzlich wurde in Ramsele , ungefähr sechzig Kilometer nördlich von Östersund , das neue Mekka der schwedischen Ahnenforschung eingeweiht . schungsorganisationen und Privatpersonen wallfahren hin , um sich mit Hilfe von Mikrofiche und Mikrofilm in ihrem persönlichen Stammbaum zu bewegen und vielleicht auf einen König , einen Pfandleiher oder einen Mörder zu stoßen . 
Seit mein letzter Verwandter auf Öland aus dem Leben schied , beginne ich darüber nachzudenken , warum ich mich mit dem Vergangenen immer intensiver beschäftige , grüble ich , warum Menschen in unserer heutigen modernen Zeit so intensiv den Kontakt mit ihrem regionalen und schen Ursprung suchen . Die Industrialisierung und der zug in die Städte sind natürlich Ursachen der keit , reichen aber als Erklärung nicht aus . Ich persönlich versuche Züge bei mir , die ich selbst nicht erklären oder durchschauen kann , zu vergleichen mit denen der Menschen vergangener Generationen , die auch etwas wollten und an etwas glaubten . 
Wenn Krisen und Unruhen dem Menschen das Gefühl ben , aus dem Urschlamm des Nichts geboren zu sein , aus sich selbst oder einem Brustbein oder dem allgemeinen os , dann ist es schön , etwas Größeres haben zu können , an das man sich halten kann : Einen Stammbaum mit Zweigen , gefüllt mit Schicksalsschlägen und gefahrvollen Abenteuern . Sicherlich waren diese Ahnherren zu ihrer Zeit ähnlich von Sinnkrisen in ihren Familien geschüttelt , aber der historische Abstand bewirkt , daß sie angenehm vollkommen und klärt wirken . 
Sogar abgestorbene Zweige können ihren Charme entfalten und verführen so manchen Schweden zu sentimentalen sen in ihrer Väter Heimatort , zu Blumengaben auf zen und zum Besuch auf dem alten Familienhof - heute wahrscheinlich an einen Nachbarn verkauft oder vermietet an eine Kleinfamilie aus Buxtehude . 
Aber was macht das schon . Wenn ich vor der abgenutzten Grabplatte auf dem Landfriedhof von Glömminge auf Öland stehe , dann erwacht etwas Verborgenes in mir . Ich denke an Vater , an Großmutter und an alle , die vor mir gegangen sind . Und ich denke an den Ururgroßvater , den ein Teil seines glücklichen Schicksals auf diesem Kirchhof erfaßte . Er war Pastor und führte einen Familiennamen , der bewies , daß er verwandt war mit einem Karoliner aus der Schar des denkönigs Karl XII . Er legte selbst großen Wert auf seine Herkunft , aber in der Lebenswirklichkeit hatte er große bleme , seinem freiherrlichen Wertvorstellungen zu chen . Er wurde verwarnt wegen seines „ ausschweifenden 
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benswandels“ und wurde schließlich aus seinem amt verabschiedet . Verarmt und geistig verwirrt starb er kurz vor der Jahrhundertwende in Stockholm , wohin er gezogen war , um der Schande zu entkommen . 
In unserer heutigen Welt wäre er ein Fremdling , aber ich te ihn gern getroffen , denn ich glaube , er wäre mir thisch . Das Ahnenportrait zeigt ihn mit weißen Locken über den Ohren und mit gradem Rücken . Aber vielleicht war er nur ein gescheiterter Krieger , ein Hurensohn , ein Prahlhans . Zu seinen merkwürdigen Charakterzügen gehörte , daß er len seinen Kindern acht namen gab . Viel Ehre haben diese zahlreichen Namen ihren Trägerinnen und gern wohl nicht gebracht . 
Man stelle sich die Szene vor , wenn in der Schule nach dem vollständigen Namen gefragt wurde . . . 
Auf jeden Fall sind er und alle anderen Vorväter eine Realität , eine Tradition , an die man sich wenden kann , wenn man selbst fast erstickt an der eigenen Nichtigkeit und den ständigen Forderungen . Ich glaube nicht an das den mit Geistern , aber ich möchte gern , daß die verflossenen Menschen mehr als ein abgeschnittenes Band sind , mehr als alte Erde auf einem Granitstein , der vielleicht schon entfernt wurde . 
Vor einigen fahren forschte ich tiefer in meiner heit nach und fand unter staubigen Dokumenten und ren Masken von Adligen , Pastoren , Bürgern und Bauern borgen einen Ritter des Geistes : Martin Luther . Ich stellte fest , daß ich im zehnten Glied ein Nachfahre des großen formators bin ! 
Vermutlich werden bald viele Schweden ähnliche deckungen machen können , da die Ahnenforschung immer weniger beschwerlich wird ; Kirchenbücher und Archivalien werden zugänglicher mit Hilfe der Datenverarbeitung . Ich will gern zugeben , daß meine Beziehung nach Wittenberg im wesentlichen von anderen Ahnenforschern erhellt den ist , aber trotz alledem : Ich habe einen deutschen fahren . 
Wenn mich die Leute jetzt fragen , warum ich so von schen Fragen fasziniert bin , habe ich nun eine Antwort . 
Dr . Per Landin ist Kulturredakteur bei der len schzoedischen Tageszeitung Dagens Nyheter . 
Nr . 3 , 1995 
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Nordisches Institut der Universität Kie1
	        
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