Full text: (1995)

phie studiert und mir viele Tips gegeben . “ Der Lektor , Dr . Stoh - ner , schlug ihr übrigens 1992 vor , zunächst einmal „ Sofies verden“ zu übersetzen statt „ Kabalmysteriet“ , dem nun erschienenen „ tengeheimnis“ also , für das sie damals schon einen Verlag suchte . Gabriele ließ sich überzeugen , denn die beiden kannten sich von früheren Projekten und hatten nicht nur ähnliche literarische teressen , sondern auch einen guten Draht zueinander . „ Dieser gute Draht“ , will ich wissen , „ der ist wohl unheimlich wichtig ? “ Ja , sagt sie , der sei absolut vorteilhaft . Manche Lektoren wüßten kaum etwas über skandinavische Literatur , und auch wegen der fehlenden Sprachkenntnisse müßten sie sich dann schon auf das Urteil der Übersetzerinnen und Übersetzer verlassen können . Da sei es ganz gut , wenn man miteinander bekannt sei und sich genseitig einigermaßen einschätzen könne . „ Wie läuft denn das in der Regel überhaupt ab mit so einer Übersetzung ? “ will ich sen . „ Oder willst du das nicht verraten ? “ 
Doch , sie gibt bereitwillig Auskunft : „ Wenn du ein Buch gefunden hast , das du gerne übersetzen würdest , dann wendest du dich als stes an den entsprechenden norwegischen - respektive dänischen , schwedischen - Verlag und fragst , ob du die Option für die zung kriegen kannst . Arbeitet schon ein anderer Übersetzer daran , wird man dir das sagen . Wenn die Option aber noch frei ist , kriegst du sie für einen gewissen Zeitraum , sagen wir mal , für ein Jahr , und dann mußt du versuchen , das Buch in dieser Zeit an einen schen Verlag zu vermitteln . Das heißt , du machst eine zung von ein paar Seiten und ein Exposé , also ein Gutachten mit haltsangabe , und reichst das bei den deutschsprachigen Verlagen ein , von denen du meinst , daß das Buch in ihr Programm paßt . de Verlage handeln dann ihrerseits die weiteren Modalitäten ander aus . Dein Vertragspartner ist aber der inländische Verlag , von dem wirst du bezahlt . Wenn du als Übersetzerin schon bekannt bist , geht das relativ einfach , ansonsten ist das eine Ochsentour , bei der du schon mit einigen Absagen rechnen mußt . Aber das ist wirklich das A und O , du mußt selber aktiv werden , Klinkenputzen gehen und den Lektoren auf der Türschwelle stehen , sonst wirst du als Übersetzerin nichts . Gerade als Anfängerin darf man nicht darauf warten , von den inländischen Verlagen angesprochen zu werden , nach dem Motto : Frau XY , möchten Sie nicht vielleicht dieses Buch übersetzen . . . ? Übrigens ist das Honorar zunächst , besonders bei kleineren Verlagen , leider meist nicht sehr üppig . “ 
Und sie selbst , wie ist sie Übersetzerin geworden - war das auch so mühsam ? „ Naja“ , sagt sie und rührt in ihrem Kaffee , „ ich war ja nach dem Studium Lektorin bei ‘Buntbuch’ und kannte von daher schon eine Reihe von Leuten bei anderen Verlagen . Solche Kontakte helfen natürlich , du weißt einfach , wen du ansprechen kannst , wer interessiert sein könnte , oder wer jemanden weiß , der interessiert sein könnte . “ Buntbuch , war das nicht der Verlag , wo damals de Merians legendärer „ Tod des Märchenprinzen“ erschienen ist ? „ Ja , und vergiß nicht ‘Die Gruft des Märchenprinzen’ von Trautchen Neetix , die Merians Machwerk gehörig auseinandernimmt“ , sagt sie und lacht , denn hinter ‘Trautchen Neetix’ verbirgt sich niemand deres als Gabriele Haefs - wie übrigens auch hinter ‘Jeanette Parisot’ , der Verfasserin einer „ Geschichte des Kondoms“ . 
Hat es ihr geholfen , daß ihre beiden Brüder als Autoren und setzer im Literaturgeschäft gut etabliert sind ? Nein , davon will sie nichts wissen . „ Ich habe meine Erfahrungen als Übersetzerin schon selbst machen müssen , das war für mich auch Neuland . “ Denn diert hat sie nicht etwa Übersetzungswissenschaft , sondern 
kunde , Keltologie , Sprachwissenschaft und nordische Philologie in Bonn und Hamburg . „ Und gerade weil es nicht so leicht war“ , sagt sie und sieht mich direkt an , „ will ich gerne talentierten Newcomern helfen , weißt du . “ Ja , ich weiß , Gabriele Haefs ist wahrscheinlich die einzige Übersetzerin im deutschsprachigen Raum , die ambitionierten Neulingen derart bereitwillig und uneigennützig mit ihren Kontakten und Erfahrungen hilft . Hat sie ihre Unterstützungsarbeit schon mal bereut ? „ Nein , von den Neueinsteigern hat mich bisher lich noch niemand enttäuscht . Ich hoffe und glaube auch nicht , daß mir da jemand schaden würde . Enttäuscht bin ich vielmehr über wisse etablierte Übersetzerinnen oder Übersetzer , die sich al und unkooperativ verhalten , die sich sogar gegenseitig - und auch mir - in den Rücken fallen . Ich halte es für einen ganz miesen Stil , wenn eine Kollegin oder ein Kollege versucht , hinter deinem Rücken bei den Verlagen Stimmung gegen dich zu machen und deine Arbeit in den Dreck zu ziehen ! Natürlich schaden die sich selbst am sten damit , aber trotzdem , über so etwas kann ich mich wirklich regen . Also wenn ich eins hasse , dann ist das Konkurrenzneid ! “ 
Ich möchte sie gern besänftigen : „ Mitleid kriegt man geschenkt , aber Neid muß man sich verdienen . Immerhin bist du 1994 mit dem norwegischen Akademika - Preis ausgezeichnet worden für deine langjährigen Verdienste um die norwegische Literatur in Deutschland , und außerdem hast du ebenfalls 1994 gemeinsam mit Jostein Gaarder den Deutschen Jugendbuchpreis erhalten . Das kommt ja im Übersetzungsgeschäft eher selten vor , und du kannst wirklich stolz darauf sein . Kein Wunder , daß da weniger che Übersetzerinnen oder Übersetzer schon mal neidisch werden . Aber anstatt dich zu ärgern , solltest du mir lieber noch etwas über deine nächsten Pläne verraten . “ Gabriele rückt mit einer kurzen , energischen Bewegung ihre Brille zurecht und seufzt . „ Okay , die meisten Kolleginnen und Kollegen sind ja in Ordnung , und wir beiten teilweise auch gut zusammen . Mit einer Freundin und Übersetzerkollegin von mir , Christel Hildebrandt , habe ich spielsweise schon mehrere Anthologien herausgegeben , und tere sind in Vorbereitung . Das macht übrigens sehr viel Spaß , uns fallen oft ganz spontan neue Projekte ein , manchmal gleich rere auf einmal , und dann überlegen wir uns , welche Erzählungen für die eine oder andere Thematik geeignet sein könnten . ‘Frauen in Skandinavien’ ist so entstanden , oder ‘Mord am Fjord’ , eine Anthologie mit Kriminalerzählungen skandinavischer lerinnen , beide bei dtv als Taschenbuch erschienen . Im Moment planen wir gerade einen neuen Erzählband , über den ich aber noch nichts verraten möchte , weil wir noch an der Konzeption beiten . Also solche Sachen mache ich immer gerne , zumal das eine gute Gelegenheit ist , um junge Übersetzerinnen und zer ins Geschäft zu bringen . “ Sie rutscht unruhig auf ihrem Stuhl . „ Du , jetzt muß ich aber los“ , sie winkt die Bedienung heran , „ ich habe noch einiges vor heute , Verlage in Oslo und Frankfurt anru - fen , demnächst ist in Stavanger die skandinavische messe , da soll ich einen Vortrag halten , außerdem muß ich noch in die Bibliothek , und dann noch eine Lesung organisieren . “ 
Wir brechen auf , und Gabriele ist schon ein Stück weg , da fällt mir etwas ein , was ich sie die ganze Zeit schon fragen wollte , und ich rufe ihr hinterher : „ Sag mal , gibt es eigentlich noch Bücher , die du aus reinem Vergnügen liest ? “ Sie dreht sich noch einmal um : „ Ja , zum Beispiel irische Literatur ! Kennst du . . . ? “ Ich habe den Namen nicht verstanden und schüttle den Kopf . Sie winkt mir zu und lacht : „ Soll ich ihn übersetzen ? “ ■ 
Nr . 2 , 1995 
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