Full text: (1995)

KOLUMNE 
Anna Björkelund : 
Schweden und Schwaben 
Eine Stockholmer Germanistikstudentin vergleicht schwedische und deutsche Verhältnisse und 
entdeckt ihre zweite Heimat in Schwaben . 
Eine Schwedin fährt ein Jahr nach Deutschland . Um etwas radikal anderes zu erleben ? Vermutlich nicht - eher die Geborgenheit im Vertrauten , schon halbwegs Bekannten . Nach Deutschland zu gehen , war für mich keine Schnapsidee . Es war ein Ziel , seit langem . Der Schlußpunkt einer te , meiner Liebe zur deutschen Sprache , die mich so lange schäftigt hatte . 
Es fing ganz normal an : Gute Lehrer , eine alles in allem faßbare Sprache ( im Vergleich zu Französisch . . . ) Neugier auf Land und Leute - als logische Folge die Reisen : Berlin , damals das te , München , Hamburg , die Schweiz . Nach dreieinhalb Monaten in der bayrischen Hauptstadt ging es sprachlich bergauf . Sollte man vielleicht an der Uni weitermachen , nur ein Semester oder so ? Und plötzlich ist die Leidenschaft da . Alles oder nichts ! fektion ist das Ziel . Also ein zweites Semester an der Uni - schließlich kein Zurück mehr : Deutschland lockt . 
Ein Jahr lang Bühlenstraße 85 , 71088 Holzgerlingen . Ich sah die große Leere vor meinem inneren Auge und schaute gleich auf die Karte - zweieinhalb Zentimeter bis Stuttgart , einen ter bis Tübingen , ln Wirklichkeit bedeutete das S - Bahn - Abstand von Stuttgart - im „ Schwabenländle“ bin ich , Anna aus holm , gelandet . Eine immer noch wohlhabende Auto - und putergegend , in der alles auf „ ingen“ endet . 
In der pietistisch geprägten Kleinstadt , nahe der alten genhochburg Tübingen ist alles , was sich im Pfarrhaus tut , von zentraler Bedeutung . Ich war , entdeckte ich , als neue mitbewohnerin automatisch interessant und bekannt . Ich kannte den Bürgermeister und ich kannte auch Thomas , den ter der Stadt . Das Ergebnis war ein Praktikum im Jugendforum , dem städtischen Treffpunkt für Jugendliche . Es gab keine gerin , die Stelle auszufüllen war ganz allein meine Sache . 
Das Jugendforum - Mitarbeiterteam bestand , außer mir , nur aus ehrenamtlichen Jugendlichen . Ihre starke Eigeninitiative hat mich tief beeindruckt . Oder sollte ich vielleicht eher die Eigeninitiative der „ Gymnasiasten“ schreiben ? Im JuFo waren die Schranken zwischen den Jugendlichen aus verschiedenen Schulformen recht hoch . Es kam mir fremd vor und schon erschreckend , die unterschiede ( von , vor allem , den Gymnasiasten und ihren rern gepflegt und gehegt ) , die starke Trennung und dieses schon ausgeprägte Elitedenken , das den Umgang auch außerhalb der Schule bestimmt . 
Da kam ich aus einer anderen Welt - die neunjährige sche Grundschule mit Noten erst ab der 8 . Klasse und so wenig Leistungsgruppen wie möglich , später ein Gymnasium , wo die größte Mehrheit weitermacht . Ein Schulsystem , finde ich , von Gleichberechtigungsbestrebungen geprägt und manchmal auch 
von einem recht wirklichkeitsfremden Idealismus . „ Wir sind alle gleich ( gut ) . “ So einfach ist es aber nicht , klar . 
Noch etwas : die Mittagsschule . Aus einem Land kommend , wo fast alle Frauen berufstätig sind , habe ich als Schwedin kritische Blicke auf diese Schulform geworfen ! Die Frage , ob denn meine Mutter berufstätig sei , habe ich am Anfang als ein bißchen misch empfunden . Klar ist sie berufstätig ! In dieser Gegend weder eine komische Frage noch eine selbstverständliche Antwort , habe ich schnell gelernt . Und die Tatsache , daß es im ganzen Landkreis nur eine Ganztagsschule gab , spielte auf jeden Fall eine Rolle in dieser Geschichte . 
Im Jugendforum durfte ich „ die Frauenbewegung“ in Person sein . Im Leitungsteam saß ich als einzige Mitarbeiterin . Lange Zeit haben die Jungs auch unter den Besuchern stark dominiert . Die Mädchen konnten oder wollten ihren Platz nicht einnehmen . Aber mit der Zeit änderte sich die Einstellung , hoffentlich trug ich dazu bei . 
Ich fühlte mich in Deutschland und Holzgerlingen eigentlich sehr wohl , und ich sah mich selten als Ausländerin . Ich kannte ja Land und Sprache ! Manchmal wurde es mir trotzdem schlagartig bewußt und ich merkte deutlich „ sie ist Schwedin - ist sie gut nug ? “ Ich fühlte Augen auf mich gerichtet , auf vielerlei Art und Weise . Im Gemeindeblatt wurde aus Leitungsteam „ team“ ( Wunschdenken , vielleicht ? ) . 
Kontakte knüpfen war in jenem Jahr eine von meinen schäftigungen . Und gewiß , die Schwaben sind nicht einfacher als die Schweden . Im Grunde genommen haben „ die Einheimischen“ überall schon ihre festen Kreise . Die Neugier ist da , auf die son , aber besonders auf das Land . Aber 350 Tage „ die Schwedin“ , obwohl ein bißchen exotisch , nein danke . Irgendwann wollte ich auch „ die Anna“ werden . Mir dauerte es zu lange - als ich endlich „ meine Kreise“ aufgebaut hatte , war es Zeit zu gehen . 
Ich habe erstaunlich viele Deutsche getroffen , die schon mals in Schweden waren . Aber das Bild von meiner Heimat kam mir manchmal eigenartig vor . Das fast entvölkerte , menschenleere Land mit malerischen , rotweißen Häusern , immer wieder in der kargen Landschaft auftauchend ( wichtig : an einem fischreichen , sauberen See ) . Was ist das für eine Faszination , diese langweilige Idylle zu hüten ? Selber freute ich mich über das dichtbevölkerte Deutschland . Hier ist ja was los ! 
Ich habe ein Jahr in Deutschland gelebt , das , glaube ich , in ner Weise typisch war - naja , vielleicht manchmal . Unerwartet anders ist es auf jeden Fall geworden . Deutschland ist kein Begriff mehr , es sind so viele Geschichten , Gesichter und Ereignisse . Unüberschaubar und einzigartig ! 
Ich habe eine zweite Heimat , wenn das überhaupt möglich ist , und die Liebesgeschichte geht weiter . . . 
Nr . 2 , 1995 
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