Full text: (1995)

MITTLERER OSTEN : 
Wichtiger als Öl 
Wasser ist nicht nur die Quelle des Lebens . Wasser kann auch der Grund für tödliche Konflikte sein . 
Morten Ryen 
Im Mittleren Osten ist der Streit um knappe Wasserressourcen ein wichtiges Ingrediens vieler blutiger Kriege sen , und letzten Sommer drohte der flikt um den Zugang zum Wasser mals die Friedensverhandlungen scheitern zu lassen . Heute sind die Jordanier , Israelis und Palästinenser auf dem Weg zur gung , wie das Wasser verteilt und zum sten aller genutzt werden kann , ein großes Stück vorangekommen . Der damalige vertretende Außenminister Ägyptens , tros Boutros - Ghali , prophezeite 1985 , daß der nächste Krieg im Mittleren Osten gen des Wassers ausbrechen würde , nicht wegen des Öls . Selbst wenn ihm die schichte nicht recht gegeben hat , legte Boutros - Ghali den Finger auf eine ge Stelle . Die Kontrolle über das Wasser , über Flüsse und Grundwasserquellen , ist in dieser Region viel wichtiger als Öl es mals sein wird . 
Wasser sei der Schlüssel zum nis der Konflikte im ganzen Mittleren Osten , meint Terje Tvedt , Historiker und Senior Research Fellow am Zentrum für Entwicklungsstudien der Universität gen , Norwegen . Tvedt hat sich auf das Studium der politischen , ökonomischen und kulturellen Bedeutung des Wassers im Mittleren Osten spezialisiert . Er meint , daß das Wasserproblem im Mittleren Osten lange Zeit unterschätzt oder sogar übersehen wurde . Der Westen habe meist nur im Öl die große Konfliktquelle hen , dies sei aber , laut Tvedt , mehr ein Ausdruck für die Abhängigkeit des 
Morten Ryen ist Mitarbeiter beim Norwegischen Forschungsrat . 
stens vom Öl als ein Verstehen dessen , was in der Region für Konflikte sorge . 
Wasser ist wichtig für alles , was lebt . Der Mensch kann mehrere Wochen ohne Essen leben , aber ohne Wasser sterben wir bereits nach wenigen Tagen . wohl ist selten der Mangel an Trinkwasser das eigentliche Problem , sei es nun im Mittleren Osten oder in anderen nen Regionen . Ein paar Liter pro Tag sind mehr als ausreichend , um den Bedarf des Menschen an Trinkwasser zu decken . Rechnen wir die Menge an Wasser , die für die persönliche Hygiene , das Waschen von Kleidern und zur Essenszubereitung nötig ist , hinzu , sind wir schnell bei hundert Litern Wasser pro Person und Tag . Aber auch das stellt noch kein großes Problem dar , selbst in den trockensten Gebieten . Der wirklich große Wasserverbrauch spielt sich in Industrie und Landwirtschaft ab . Hier werden zum Beispiel 1 . 000 Liter Wasser verbraucht , um die Nahrungsmittel zu produzieren , die ein Mensch täglich benötigt . Ein gramm Papier herzustellen , erfordert hundert Liter Wasser , eine Tonne Zement 4 . 500 Liter , eine Tonne Leder 50 . 000 ter Wasser . Der Zugang zu reichhaltigen Vorkommen sauberen Wassers ist deshalb mehr als eine Frage der friedigung und persönlicher Hygiene . Wasser ist nichts weniger als die setzung für wirtschaftliche , soziale und kulturelle Entwicklung eines Landes oder einer Region . Es ist deshalb nicht derlich , daß Wasser zum Konfliktthema in trockenen Gebieten wird . 
Trockene Länder sind meist arme der . Reiche Länder können sich bis zu nem gewissen Grad von den Problemen 
durch kostspielige Investitionen zur sergewinnung , - reinigung oder - entsal - zung loskaufen . Viele der ölreichen ten des Mittleren Ostens haben Geld in enorme Entsalzungsanlagen investiert . Die Israelis sind zu Spezialisten auf dem Gebiet der Irrigationstechnik geworden und nutzen ihr Wasser buchstäblich bis zum letzten Tropfen aus . 
Die Realisierung des israelischen Schlagwortes , „ die Wüste zum Blühen zu bringen“ , wäre ohne den Zugang zu chen Wasservorkommen nicht möglich . Das war den Israelis bereits klar , als der Staat Israel 1948 gegründet wurde . sche Sicherheitspolitik war deshalb nicht nur darauf ausgerichtet , das Land und ne Grenzen , sondern ebenso den Zugang zum Wasser zu sichern , betont Tvedt . 
Während des Sechstagekrieges 1967 eroberte Israel von Syrien die höhen . Der Gebirgszug hat natürlich eine wichtige militärstrategische tung in dieser Gegend , aber ebenso wichtig war es wahrscheinlich , daß die Golanhöhen Israel die Kontrolle über den Wasserlauf des Jordan und den See Genezareth sicherten . So sind auch viele der Meinung , daß es beim Einmarsch der Israelis nach Libanon 1982 nicht nur darum ging , eine Sicherheitszone gegen Angriffe der palästinensischen Guerilla zu schaffen . Mindestens ebenso wichtig sei es gewesen , Israel die Wasserzufuhr von Norden her durch die Kontrolle des Litani zu sichern . 
Bewegliche Ressource 
Das , was das Wasser zu einer solch ziellen Ressource macht , ist die Tatsache , daß es fließt . Flüsse kreuzen Grenzen , und alle , die an einem Fluß wohnen , befinden sich in einem gegenseitigen verhältnis . Das bedeutet , daß die Anrainer sich darüber einig werden müssen , wie man das Wasser eines Flusses nutzen kann und soll . Wird am Oberlauf eines Flusses das Wasser verunreinigt , aufgestaut oder abgeleitet , betrifft dies alle diejenigen , die weiter unten am Fluß wohnen . Dasselbe gilt für die Grundwasservorkommen , die meist große Flächen abdecken und falls Grenzen kreuzen . Wenn eines der Länder das Grundwasser anzapft oder den Fluß umleitet , nimmt es sich etwas , an dem die anderen Länder gleichfalls Rechte haben , erklärt Tvedt . 
Nr . 2 , 1995 
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