VOM ERSTKONTAKT ZUR LEIDENSCHAFT :
Zur Psychologie der Nordlandreisenden
Frank Keil
Im gutbesetzten Hörsaal des Amerika -
Hauses geht langsam das Licht aus .
Holzstühle knarren , Synthesizer - ge ertönen vom Band , und dann die ersten ineinandergeschobenen Bilder : eine rissene Wolkendecke , schneebedeckte Bergspitzen werden sichtbar , plötzlich ein Fluß , der sich durch eine braune , unbesie - delte Landschaft schlängelt . Ein Land im Anflug .
„ Island , diese Insel am Rande der wohnbaren Welt , ist ein Land voller gensätze " , sagt eine Stimme von einem Pult aus , und : „ Reykjavik wird auch die Stadt der bunten Dächer genannt . " Mehr wird man an diesem Abend allerdings über die Menschen , die diesen seltsamen Flecken tagtäglich beleben , nicht ren . Nur : „ Ein Blick in die ne ; die Menschen sind hier sehr modern und fortschrittlich eingestellt . " Island ist vor allem Landschaft , die schon mal rauh und feindlich , also ungemütlich sein kann . Und fotogen und damit genug terial hergibt , um zu versuchen , zwei Stunden lang immerhin 300 Personen zu unterhalten .
Derartige Vorträge , vorzugsweise im Frühjahr und Herbst , d . h . vor und nach der Hauptreisesaison großflächig in jeder deutschen Kleinstadt plakatiert , gehören zum festen Bestandteil der abteilung der Klischee - Industrie . Ob 'Feuer und Eis' . 'Am Ufer der Fjorde' , oder 'Ein Jahr mit dem Fahrrad durch . . . ' , ob Island , Finnland oder Nordnorwegen , die Botschaften gleichen sich stets : Wei -
Frank Keil ist freier journalist in Hamburg .
te , unberührte Natur , nach außen hin ökologisch intakt , und ( deshalb ? ) nierend menschenleer , soweit das Auge reicht . Schließlich sind auch die kontrollen zwischen den Staaten , die se Natur unterteilen , längst abgeschafft . Eine Reise in diese Region verspricht lebnis statt Konsum , Ferne ohne den 'Ruch der Dritten Welt' und flucht ohne Verweigerung . Schließlich muß man für eine derartige Reise adäquat ausgerüstet sein , und das ist nicht sonst zu haben .
Wasserdichte Schlafsäcke , sturmsichere Zelte , leicht zu trocknende Thermohosen und bruchfeste Thermoskannen findet man auf Reisemessen und in speziellen Ausrüstungsläden , die wiederum darauf achten , nur spezielle Markenprodukte zu führen . Der Verkäufer im den , wo auch die Karten für besagten Vortrag im Vorverkauf erhältlich sind , hat noch niemanden getroffen , der dort 'hoch' gefahren ist und dem es dann nicht gefallen hat . Aus dem Erstkontakt wird schnell eine echte Leidenschaft . Da heißt es : Dranbleiben und eingliedern . Und die Kunden kommen immer wieder .
Die Skandinavien - Reisenden sind re liebsten Kunden , lautet daher auch die Auskunft im größten Reisebuchladen der Stadt . Ob Reiseführer in Sachen Preiswert oder Kultur , Sprachbücher , Bildbände oder topografische Karten im Maßstab 1 : 50 . 000 , es mache Spaß , diese Kunden zu beraten . Sie wüßten stets genau , wo sie hinwollten , die Unterkünfte hätten sie reits im Voraus fest gebucht . Nun ginge es nur noch darum , sich detailliert über die nähere Umgebung zu erkunden . Routen abzustecken , mit dem Kanu , Faltboot ,
Fahrrad oder zu Fuß . Nordlandreisende sind wie keine andere Zielgruppe hochmotiviert . Schade nur , daß das gebot nicht mit dem Bedarf Schritt hält . An Reiseführern würde zu wenig les erscheinen . So würde einem Finnland - Reisenden , der an Südfinnland siert sei , der Gesamt - Finnland - Reisefüh - rer wenig helfen , zumal er sich diesen bei seiner ersten Finnlandreise bereits legt hätte . Lange hat es beispielsweise dauert , bis Merian ein aktuelles Island - Heft nachgeschoben hat . Und auch das ist jetzt 3 Jahre her .
Es ist verständlich , daß diejenigen , die professionell mit dem Nord - Tourismus zu tun haben , rundweg abstreiten , es gäbe einen Nordeuropa - Boom .
Denn gäbe es ihn , wäre ein Teil der Faszination unwiderruflich dahin . mandem wäre damit geholfen , wenn sich herumsprechen würde , Nordeuropa könnte das künftige Reisziel werden .
Deshalb wird gern behauptet , der den sei schon immer 'in' gewesen und habe daher Werbung nicht nötig . Sicher , noch ist dort 'oben' Platz genug den , man tritt sich nicht auf die Füße . Versprechen doch auch die kommenden Jahrzehnte ein von regionalen und schen Konflikten freies Reisegebiet , dem wiederum eine treue Gemeinde sicher ist . Nur bleibt eine Gemeinde nur eine meinde , wenn sie klein bleibt .
Schwierig ist es , diese Gemeinde auch außerhalb der Reisezeit ten . Solche eingangs skizzierten Vorträge sind derartige Versuche , und doch ist man hinterher von dem Ergebnis immer etwas enttäuscht . Der höchste oder ste Wasserfall auf der Halbinsel X hat nen schon vor Ort nicht recht überzeugt , und der Berg Y oder das Tal Z sieht als Dia auch nicht viel anders aus als in dem band , den man damals vor der Erst - Reise in wahrer Vorfreude durchgeblättert hatte .
Nach der Pause sind nicht wenige gen . Vergeblich bemüht sich der de , seine Rede etwas aufzuladen : „ send - gegensätzlich . . . aufregend - spannend " , versucht er es und muß sich hin und der eine Pause gönnen . Er sagt dann : „ spannen Sie sich nun , versuchen Sie sich zu entspannen ; ich lasse Sie jetzt mal mit den Bildern allein . " ■
NORDEUROPA
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