TRAUM DURCH DIE JAHRHUNDERTE : 
Nordlandfahrten 
Michael Engelbrecht 
Der Norden , welche Assoziationen weckt dieses Wort ? Kälte , Wasser , Wälder , überhaupt großartige tur , aber auch Abenteuer und Einsamkeit sind die hervorstechenden Merkmale , die man im deutschsprachigen Raum damit verbindet , und zwar spätestens seit dem 18 . Jahrhundert . Die Liste derer , die von Deutschland nach Norden reisten , ist lang , unter ihnen viele , die schriftlich ihre drücke niederlegten und die diese tionen hinterließen . Einer der ersten war der Herrenhuter David Cranz , der 1761 über Kopenhagen nach Grönland fuhr . Er stellte nach seiner Rückkehr dann in nem Buch „ Historie von Grönland " dem deutschen Publikum die Eskimos vor , jene edlen Wilden , die „ zwar in unsren Augen ein armseliges , beschwerliches Leben " führen , sie „ sind aber dabei vergnügt , nen mit dem Wenigen , das sie besitzen , gut zurechtkommen . " Cranz zeigte im weiteren den Norden und seine Bewohner als ein Vorbild der Einfachheit für den ropäischen Leser , ähnlich wie dies schon Tacitus in der Germania für seine schen Zeitgenossen getan hatte . 
Auch Herder in seiner Rezension von Mallets dänischer Geschichte sah den Norden und alles , was im hang mit ihm stand , als Quell des Guten für die Deutschen . „ Norden " wurde zu nem Synonym für Einfachheit , Klarheit , Natur und edle Menschen . Auf der Suche nach der eigenen Vergangenheit kam ser Norden rechtzeitig ins Bild . nentum , Wikinger , der Gegensatz zu lem Südlichen und die Tugenden des Natürlichen waren die Gaben zur vollständigung des Geschichtsbildes , das man in Deutschland zu dieser Zeit sammenbaute , der „ Nordische Gedanke " entstand . Skandinavien schien bewahrt zu haben , was in Deutschland längst durch Einflüsse moderner Zivilisation 
NORDEUROPA 
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verlorengegangen war . In den Bauern Norwegens glaubte man die eigenen , dem Bauerntum und der Scholle verhafteten Ahnen zu sehen , auf Island schienen te gemeingermanische Rechtsformen wahrt zu sein , Schweden zeugte ebenfalls mit seinen Felszeichnungen und steinen von der Größe der eigenen fahren , und je weiter man nach Norden fuhr , desto urwüchsiger wurde die Natur und der Reisende schien mit der Distanz zu Mitteleuropa auch Distanz zum Jetzt zu gewinnen . 
Wie Nansen in der Einleitung zu „ Nacht und Eis " auch den deutschen sern suggerierte , „ . . . dort im Norden , in Dunkelheit und Kälte , lag Heiheim . . . " , und „ unsere Vorväter , die alten Wikinger , waren die ersten Polarfahrer . " So wurde die Reise nach Norden zur Reise in die Vergangenheit . Einer der bekanntesten Reisenden um die Jahrhundertwende ist das typische Beispiel für einen deutschen Nordlandbesucher . Wilhelm IL , seines Zeichens oberster Deutscher , wandelte des Jahr in nördlichen Gefilden und terließ ziemlich deutlich ein Zeichen für das , was er in den Fjorden Norwegens suchte . Im Sognefjord ließ er eine große Frithiof - Statue errichten , in Erinnerung an einen wikingischen Romanhelden des schwedischen Dichters Tegnér . Ein scher Kaiser setzt einer nordischen manfigur ein Denkmal , dies konnte nur als ein Zeichen verstanden werden dafür , daß der Kaiser den Wikinger mit dem suchten Land verband . In der heit war also die Nahtstelle zu finden , die den Norden als etwas eigenes erleben ließ . Dabei wurde jedoch das moderne Skandinavien ausgeblendet . 
Just zu der Zeit , als Norwegen als seziel für Deutsche immer beliebter de , gingen von hier wichtige Impulse für 
eine neue Literatur und Malerei aus , doch die Reisenden suchten nicht das Neue , sondern gleich ihrem Kaiser das Alte . Sie verschlossen einfach die Augen vor dem , was war und sahen weiterhin Menschen mit dem Wesen uralter Nordleute . Und diese Ausblendung nahm in ihrer Intensivität ständig zu . Skandinavische Wirklichkeit und Wunschbild des schen Reisenden klafften im Laufe res Jahrhunderts weiter und weiter einander . Das Wunschbild wurde um viele Facetten reicher , aber nicht besser , viele Nordlandbesucher , welcher Couleur auch immer , fuhren auf den Spuren ihrer Träume . Neben das Flair des germanisch Vergangenen traten die Träume von der gleichen Gesellschaft , dem modernen zialen Staat , die Mär von der unberührten Natur . Jeder sah in Skandinavien etwas anderes , meist positives . 
Die Nazis , dem Nordischen Gedanken verhaftet , glaubten noch an die Sage vom germanischen Brudervolk und mußten nach ihrer Invasion 1940 erfahren , daß die Norweger sich inzwischen zu einer genen Nation entwickelt hatten , falls bereit , sich vor den deutschen Karren spannen zu lassen . Umweltbewußte sende von heute finden die unberührte Natur und verschließen die Augen vor dem Zelluloseschaum , der bei der verarbeitung entsteht und auf den Bächen schwimmt . 
Reisende aus Deutschland kommen seit dem 18 . Jahrhundert regelmäßig in den Norden , aber es ist schon Tradition , daß sie nicht das sehen , was es zu sehen gibt , sondern das , was sie sehen wollen . ander Rost drückte das im Vorwort zu Geo Speziai „ Norwegen " vorsichtig so aus : „ Wer Norwegen besucht , stimmt freudig ein in einen Chor , der kein falsches Loblied singt . So manche Note aber wird dabei ausgelassen . . . " Vielleicht ist dieser Chor einer der Gründe dafür , daß trotz der zahlreichen landreisenden aus Deutschland wir so wenig über unsere Nachbarn in ropa wissen . Wie sagte der Skandinavien - Korrespondent des ZDF in einem spräch so schön : „ Das , was in Skandinavien wirklich passiert , kann ich den Zuschauern nicht bieten . Das siert sie nicht . " Wahrscheinlich würden sie es auch nicht glauben wollen . ■ 
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