FORUM
Nordisches Instituí d»r Universität Kiel
0®r Universität Kiel /
u . H - . Z - ßv - J ) âùi'i
Korrespondent in Stockholm
Frank - Michael Kirsch
Mittsommer 1990 . Mit Frau und Kindern sitze ich im Zug nach Stockholm . Hinter uns liegt ein Land , in dem es nur noch ein Thema zu geben scheint : die bevorstehende führung der D - Mark .
Für unser letztes DDR - Geld kaufen wir beim schaffner Sekt und trinken ihn auf Stockholm - jene Stadt , die wir nun in ein paar Stunden wiedersehen sollen , nach fast fünf Jahren Sehnsucht . Im „ DDR - Kulturcentrum " in der Upplandsgatan 32 dröhnen ein Jahr später die Preßlufthämmer . „ Ommöblering " heißt das schwedisch . Wehmut kann ich nicht empfinden . Hier und in der ostdeutschen Botschaft erlebte Demütigungen sitzen zu tief .
Über Globen , das 1989 eingeweihte Sport - , Kongreß - und turzentrum , schreibt es sich leichter . Das Bauwerk selbst jedoch hat es heute in der Gunst der Stockholmer weniger leicht . Es stet zu viele Steuern , zudem ist die Bilanz des Jahres 1991 negativ . Auf fast 22 Millionen Kronen wird das Defizit geschätzt . „ mensionierte Bowlingkugel " und „ graustaubiger Glatzkopf " sind noch geradezu liebevolle Bezeichnungen . Ein ähnliches , wenn auch viel kleineres Bauwerk in Borlänge nennt man dort drastisch „ Schwedens größte Titte " , stellte unlängst die Dagens Nyheter - Causeurin Kajsa Olsson fest . „ Wie soll man da erst Globen nen ? Ich glaube , das will ich gar nicht wissen . " Sie macht den Vorschlag , ihn nach Lillehammer zu verschiffen . . .
„ Das Wort 'natürlich' ist mein Lieblingswort " hat Lars Gustafsson einmal geäußert . Natürlichkeit ist die Grundsubstanz schwedischer Lebensart . Manchmal verhilft sie auch Ausländern zur kenntnis . „ Wir Deutschen sind irgendwie so komisch laut " , sagt mir ein deutscher Entscheidungsträger nach drei Jahren Aufenthalt im Lande . Recht hat er . Lautes , Aufgesetztes , Gekünstelt - Effektvolles wird in Schweden schnell durchschaut , preußische Striktheit wirkt einfach belustigend . Leider sehen viele Studenten auch deutsche Kommaregeln als Relikt aus preußischen Ur - Zeiten an , für einen Lektor eine wenig entgegenkommende Einstellung . Doch hier setzt die sprichwörtliche schwedische Konfliktlösungsbereitschaft von oben ein und schafft beidseitiges Wohlgefallen . Kommafehler den bei Prüfungen nicht geahndet .
Trotz komplizierter Kommaregeln : Die deutsche Sprache ist in Schweden in . Von 40 auf 51 Prozent stieg in den letzten 3 Jahren die Zahl jener Schüler , die Deutsch als zweite Fremdsprache wählen . Deutschkurse sind heute häufig überbelegt - nicht nur an der Stockholmer Universität . Mit dem Interesse an der Sprache wächst endlich wieder das an deutscher Literatur und de . Es ist beruhigend zu sehen , auf welch menschliches nis für die Probleme der fünf neuen Bundesländer man hier meinhin stößt . Traditionell wird dabei jede Einseitigkeit gemieden .
Nichts ist dem Schweden so zuwider wie eine arrogante Siegerpose , für die sich in deutschen Medien leider zahlreiche Beispiele finden . Daraus zieht man seine Schlüsse für die Wirklichkeit . Man hat sie schon damals gezogen . Wenn einhundertfünfzigprozentige DDR - gesandte den Schweden die Parteitagslieder sangen , ernteten sie ein stilles Lächeln . Viel Wissendes war darin und machmal Traurigkeit .
Treten Sie e
Sie ihre traur ab , hier dürfen Sie schweigen .
heißt es in einem Gedicht von Rainer Kunze . Es ist mir , als wenn es von Schweden handelt .
Frank - Michael Kirsch
geboren 1954 in Burg bei Magdeburg Dolmetscher - und Übersetzerstudium in Greifswald 1980 Promotion zur schwedischen Literaturgeschichte 1990 Habilitation
1986 nach knapp einem Jahr als Cheflektor am DDR - zentrum Stockholm gefeuert , da er laut DDR - sterium „ den politischen Erwartungen nicht entsprach , die die DDR an ihn hatte . " Arbeitet heute als Lektor an der Universität Stockholm , verheiratet , zwei Kinder .
NORDEUROPA
forum
3

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.