Nostalgie und ein Weltrekord
Frank - Michael Kirsch
Schloß Gripsholm im Sommer . ter August . Das weiße Dampfboot aus Stockholm legt nach drei den Fahrt in Mariefred an . Ein idyll , bewahrt durch die Zeiten .
In der Volkshochschule des Roten Kreuzes treffen wir uns - 30 senschaftler , Lehrer , Übersetzer aus aller Welt - , um mit schwedischen Kollegen und Schriftstellern Tendenzen der dischen Gegenwartsliteratur zu ren . Veranstalter des zehntägigen Kurses ist das Schwedische Institut Stockholm .
Schon an den Herkunftsländern der Teilnehmer wird deutlich , daß sche Autoren heute vielerorts gefragt sind .
Übersetzer aus Lettland , Litauen und land , aus Wales , den USA und Japan richten über die von ihnen übersetzten Bücher und deren Schicksale in fremder Sprache .
Es ist nicht mehr nur die schwedische Kinder - und Jugendliteratur mit Namen wie Astrid Lindgren , Maria Gripe oder ter Pohl , die im Ausland Beachtung findet .
Seit Ende der siebziger Jahre die Erzähler zurückkehrten und Autoren wie Sara Lid -
man , Lars Andersson , Torgny Lindgren und P . O . Enquist Romane mit starker Bindung an die heimatlichen ten vorlegten , nahm das Leserinteresse sprunghaft zu - und das trotz Eindringens der Videotechnik in die Wohnstuben . Es war , als wenn die Schönheit der schen Sprache gerade angesichts scher Reizüberflutung wiederentdeckt wurde . Mündliche Erzähltraditionen den lebendig . Leser begaben sich auf die Suche nach Spuren ihrer Kindheit , ten Lebenshilfe , folgten ihren Helden und genossen wie diese das Gefühl der samkeit mit sich und der Natur - ein Grundzug schwedischer Mentalität . ny Lindgren erzählte Legenden aus Norr - land , P . O . Enquist beschrieb , wie schen in einer Landschaft aus Keuschheit
und Stille aufbegehren , weil sie gungen nicht mehr ertragen . Märchen und Mythen hielten Einzug in die Literatur . Göran Tunström erklärte zu seinem Buch Das Weihnachtsoratorium ( deutsch unter dem Titel : Solveigs Vermächtnis ) : „ Es wegt sich , wie ich hoffe , in jenem land der Seelen , wo wir füreinander bar werden . "
Internationale Resonanz blieb nicht aus . Französische Verleger beispielsweise klärten die Erfolge schwedischer steller in Frankreich mit der Einfühlung ins Existentielle , mit der tabubefreiten Darstellung des Seins zwischen Geburt und Tod . Die blutvollen schwedischen zähler seien so ganz anders als die chentrockenen heimischen nen , hieß es , und die stetig zunehmende Zahl der Übersetzungen aus dem dischen scheint diese Meinung zu gen .
Gerade während des Kurses in riefred kam der jüngste Roman einer der bedeutendsten schwedischen Autoren in die Buchhandlungen . Sven Delblanc legt mit Livets ax ( Ähre des Lebens ) seine benserinnerungen vor . „ Wahrscheinlich ist dies mein allerletztes Buch " sagt der schwer an Krebs erkrankte Autor in einem Interview . In Livets ax findet sich ches Bekannte aus früheren Werken der , nun jedoch in einem klareren , brochenen Licht , das den Tag nicht mehr scheut : das private Inferno , das Delblanc als Knd nach einer abenteuerlichen Flucht aus Kanada auf einem sörmländi - schen Hof erlebt , die Schrecken vor einem despotischen Vater , die zeit seines Lebens Rache - und Schuldgefühle wecken .
Von Delblanc sind zahlreiche Romane in Deutschland erschienen . Samuels Buch , Auftakt einer Familiengeschichte ausgangs des 19 . und eingangs des 20 . Jahrhunderts , ist der wohl bekannteste . Als Literaturhistoriker hat Delblanc den
Hauptanteil an einer neuen gen Literaturgeschichte , die unlängst im größten schwedischen Verlag Bonniers schien . „ Ich bin sowohl Virus als auch rologe " - so sein eigener Kommentar zur zeitweise seltsamen Doppelrolle als Schriftsteller und Literaturwissenschaftler .
Holgerssons heißt das jüngste Buch P . C . Jersilds , in Deutschland unter anderem bekannt durch die Romane Das Haus zu Babel und Insel der Kinder . Was sagen gentlich seine Eltern , als Nils Holgersson von seiner abenteuerlichen Reise mit den Wildgänsen nach Hause zurückkehrt ? Mit dieser noch nie gestellten Frage entfacht Jersild ein Feuerwerk phantastischer Ideen . Wir erleben das Verschwinden des nunmehr achtzehnjährigen und 1 , 90 m großen Nils Holgersson bei seiner rung zum Wehrdienst und werden Zeuge seines Besuches bei Selma Lagerlöf auf Màrbacka . Sein Ziel ist es , sie zu schießen , doch dazu kommt es nicht . gerssons ist bei allen gauklerhaften , schen Zügen ein philosophisches Buch . „ Die Ideen der neunziger Jahre durch die Brille Selma Lagerlöfs " nennt es Jersild und lächelt hintergründig .
Auch andere Autoren haben das volle , phantasiereiche Erzählen für sich entdeckt und ziehen es experimentell - tellektuellen Schreibweisen vor . Einen dieser Autoren lernen wir kennen : Björn Ranelid , Jahrgang 1949 , ehemals spieler im Fußballclub Malmö FF , heute anerkannter Schriftsteller und nach nem Roman Sehnsucht des Pfaus ( 1989 ) mit Literaturpreisen überhäuft . „ Gott im Himmel , welche Erzähllust ! Und das auf schwedisch ! " lautete Sara Lidmans sterter Kommentar , und die Grand Lady der schwedischen Autorinnen gab offen zu , dieses Buch regelrecht verschlungen zu haben . Ranelids Prosa ist vom schen Realismus der Lateinamerikaner spiriert , zugleich sind naive , rende Züge augenfällig . „ Wir als Autoren müssen das Phantastische restaurieren und unsere Leser ernst nehmen " bekennt Ranelid . Er bemüht sich , verständlich zu schreiben . „ Literatur muß unrein sein , lustvoll , befreiend wie das Lachen . " Das erste Kapitel in einem Roman bezeichnet er als Lackmuspapier , das er in den Text senkt . „ Darin ist das ganze Buch steckt . "
Die Aufforderung , den Leser ernst zu nehmen , hat reale Hintergründe . Zwar
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