33 . NORDISCHE FILMTAGE LÜBECK 
Überbordende Programm 
Helmut Schulzeck 
Nordische Filmtage Anfang November 1991 im vorwin - • terlich kalten Lübeck : ein Filmfest , das beinahe aus allen Nähten platzte . Über 100 Filme , meist in vier Kinos parallel laufend , wurden in dreieinhalb gen gezeigt . Spielfilme , Dokumentarisches , Kurzfilme , Experimentelles aus den schen Ländern , dem Baltikum , Schleswig - Holstein und Mecklenburg - Vorpommern . Die Grenze des Machbaren scheint , was die Programmfülle anbetrifft , erreicht . 
Neben dem Hauptprogramm , das außer den traditionell vertretenen Spielfilmen aus den nordischen Ländern besonders durch beachtliche Filme der baltischen Produktion bereichert wurde , gab es verse Sonderschauen und Retrospektiven . Trickfilme aus Estland , eine Retrospektive mit Filmen aus Island und die Informationsschau mit skandinavischen Kinder - und Jugendfilmen , um nur einige Beiprogramme zu nennen , buhlten so um die Gunst der zahlreichen Zuschauer . 
Der Kurs der Festivalleitung scheint klar zu sein . Um im Konzert der vielen , lerweile leider auch inflationär z . T . fast aus dem Boden gestampften , mittleren und großen europäischen Filmfestivals weiterhin mitspielen zu können , bedarf es der Aufmerksamkeit der überregionalen Medien . Das heißt dann , nicht mehr so klein und fein , sondern lieber etwas größer und auch marktschreierischer mit dennoch soviel Qualität und Originalität wie möglich . Also , endgültig „ ade " du kleines , intimes , gemütliches Familienfest des skandinavischen Films ( das gab es früher tatsächlich in Lübeck ! ) , und „ hallo " Ostseefilmfestival mit allen Anrainern ( 1991 fehlten nur noch Polen und land ) und aller Hektik und Anstrengung einer solchen Leistungsschau . 
50 
Das bringt dann bestenfalls nicht nur mehr Besucher und öffentliche Beachtung , sondern auch verstärktes Interesse von Filmproduzenten und Regisseuren . Und das ist bitter nötig . Viele der nen aus Skandinavien „ schielen " auf den Weltmarkt und werden eben lieber zu den großen Festivals nach Cannes , Venedig oder Berlin zur Uraufführung gegeben , vor sie dann in Lübeck zu sehen sind . Ob „ Babettes Fest " , „ Pelle , der Eroberer " oder „ Europa " , alle liefen sie in Lübeck quasi nur in Zweitauswertung . Und auch dieses Jahr wurde der schwedische Beitrag „ Guten Abend , Herr Wallenberg " schon im Winter vorher auf der Berlinale gezeigt , allerdings nur mit geringem Erfolg . 
Das Hauptprogramm 
Das Hauptprogramm der Nordischen Filmtage war nicht so niveauvoll bestückt wie im Vorjahr . Sicherlich , es gab einige Spitzenfilme , besonders aus dem Baltikum und Island ; daneben war aber zumeist die gewohnte skandinavische „ kost " zu sehen . Wenig neues , man vertraute auf bewährte Rezepte : tung und ein wenig Sozialkritik aus den „ Guten Abend , Herr Wallenberg " und „ Ein Paradies ohne Billard " , die leicht sche , amüsante Jugendkomödie aus gen „ Frida und die Liebe " und natürlich die nostalgische Kleinbürger - Milieuzeichnung aus Dänemark „ Der große Badetag " . Alles recht unterhaltsam , doch eben wenig raschend ; aber auf der anderen Seite ist es auch bewundernswert , mit welch scheinbar nordischer Dickköpfigkeit diese Filme sich dagegen wehren , dem am Hollywoodfilm orientierten Massengeschmack zu gen . Diese Filme haben ihren spezifisch skandinavischen Charakter bewahrt und zählen so neben ihren eigentlichen 
schichten auch von den Menschen und dem Leben in diesen Ländern . 
Ein Höhepunkt , der viele andere Filme besonders wegen seiner bildlichen litäten überragte , war der isländische Film „ Kinder der Natur " von Friörik t>or Friö - riksson . Zurecht gewann er den Preis der Nordischen Filminstitute . Der Film erzählt die Geschichte eines ins Altersheim schobenen ehemaligen Bauern und seiner dort wiedergetroffenen Jugendfreundin . Gemeinsam brechen sie aus dem tristen , städtischen „ Sozialkäfig " Altersheim aus , der eher Bevormundung und Entrechtung als Fürsorge , Achtung und Geborgenheit für seine Bewohner bereit hält . Es folgt fast ein Roadmovie , aber eines , das vom isländischen Geist und Sinn zu Heimat und Natur getragen wird . Eindrucksvoll filmisch umgesetzt wird die Reise mit nem gestohlenen Landrover durch noch heil erscheinende isländische Landschaft . Die kargen Dialoge treten hinter einer ren Bildsprache zurück . Eine Reise in die Natur der Jugend im doppelten Sinne . Leicht ironische Kritik am Abschieben der Alten aus der Gesellschaft paart sich in diesem Film mit der Liebe zur chen , rauhen Wildheit der feen - und sterhaften , ungebändigten Natur des dens , die mit den Alten auch aus unserer Welt zu verschwinden scheint . 
Mein Favorit des Festivals stammt aus Litauen . Es ist der Film „ Ticket zum Taj Mahal " von Algimantas Puipa . Die schichte kommt eher schwermütig daher , läßt aber ebenso eindrucksvoll wie der ländische Beitrag , Fantasie und stand gegen Entmündigung und Verlust von Menschenwürde aufleben . dert wird das aussichtslos scheinende harren der baltischen Landbevölkerung auf Selbständigkeit gegen die sowjetische Zwangskollektivierung nach 1945 . Kahle , braungetönte und überschwemmte jahrslandschaften geben den chiffreartigen Hintergrund ab für trostloses Leiden und stilles , meist passives Widersetzen . sam plump zeigt sich der trübe Terror von bornierten , harten Besatzungsoffizieren . Die stur von sich gegebenen gehirnwä - scherischen Umerziehungsparolen vom paradieschen Kommunismus wirken len - und verstandstötend auf die verstörte Bevölkerung . Dazu noch der hysterische 
NORDEUROPA 
fortini
	        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.