also kein Staatsgründungsjubiläum . Aber seit wann gab es diesen Staat , und wie war er entstanden ?
Der Landtag von Porvoo
Die finnischen Geschichtsbücher schreiben den Vorgang noch immer so : Als im Jahre 1808 Zar Alexander I . in che mit Napoleon Schweden angriff und dabei Finnland schnell besetzte , berief er die vier Stände ( Adel , Geistlichkeit , Bürger und Bauern ) zu einem Landtag in die kirche von Porvoo , um die ten des Landes noch vor der chen Abtretung durch Schweden zu regeln . Finnland erkannte den Zaren von Rußland als Großfürsten von Finnland an , der wiederum für sich und seine ger versprach , die Grundgesetze dens als Verfassung für Finnland
ten . Da diese aber bestimmten , daß das Land nur mit einheimischen Beamten giert werden dürfe und daß Gesetze - und damit auch eben diese Grundgesetze selbst - nur mit der Zustimmung der Stände Finnlands geändert werden dürften , war nach dieser Theorie die staatsrechtliche genständigkeit zementiert . Begründet de damit eine Realunion ; das Russische Reich und Finnland bildeten einen mengesetzten Staat , für den nur die Außenpolitik gemeinsam war . Aber sollte wirklich das „ eine und unteilbare Rußland " ohne Änderung seiner eigenen Gesetze durch diese Zeremonie seinen rakter so umgestaltet haben ?
Der erste Schönheitsfehler liegt auf der Hand : Die Stände versammelten sich auf Befehl des Zaren - wie hätten sie das tun können , wenn sie ihn erst auf dem Landtag als Herrscher anerkannten ? Aber die Zaren waren nach 191 7 die doppelten Verlierer - und Geschichte ist eben auch hier von den Siegern geschrieben worden . Erst 1969 hat ein finnischer Historiker , Osmo lussila , die Konstruktion vom Separatfrieden in Porvoo nachhaltig erschüttert . Er bewies des : Nirgends hat Alexander I . bestimmte schwedische Gesetze - also z . B . die
rungsform von 1772 - oder eine sung überhaupt erwähnt . Bestätigt wurden in allgemeiner Form die angestammten setze , die Privilegien der Stände - z . B . die Freiheit der Bauern vor Leibeigenschaft , die lutherische Religion - und die materielle Rechtsordnung . Der Zar beschwor keine Verfassung , sondern gab eine cherung ab , wie etwa Peter der Große sie gut 100 Jahre vorher abgegeben hatte , als er die deutschen Ostseeprovinzen Livland und Estland mitten im Großen Nordischen Krieg auf seine Seite zog . Eine solche cherung war durchaus ernsthaft , aber neswegs bindend ; die Staatsrechtslehrer des Absolutismus hatten ja ausdrücklich die Lehre vom Recht des Monarchen auf derruf seiner eigenen Zusagen im Interesse des gesamtstaatlichen Nutzens entwickelt .
Nachdem nun bewiesen worden war , was der Staatsakt auf dem Landtag von Porvoo nicht bedeutet hat , blieb natürlich immer die Frage offen , was er denn nun gentlich bedeutete . Denn es konnte ja nicht von ungefähr sein , daß der Kaiser von knapp 100 Millionen Russen sich in Person in eine südfinnische Kleinstadt begab , um vor Vertretern von einer Million Menschen eines besetzten Landes aufzutreten . In der Domkirche fand mehr statt , als die rung von Religionsfreiheit und einiger gestammter Rechte , die auch ein fehlshaber hätte geben können - es war eine alteuropäische Huldigungszeremonie , zu der die Anwesenheit des Zaren fast abdingbar war . Die Stände verkörperten das Land , das der Zar seinen bisherigen Ländern zugefügt hatte , und nahmen ihn als seinen Herrscher an . Finnland war ein Staat in dem alten Sinne , daß es eine ne Finanzverwaltung bekam - das sche Wort „ état " , das Staat , aber auch Staatshaushalt bedeutet , hält diese tung noch fest . Es war ein Land mit stimmten unveräußerlichen Rechten , die der Herrscher respektierte - z . B . hatte ander I . akzeptiert , daß er diese gungszeremonie nicht mit einer nach tersburg angereisten Deputation führen könne .
Allerdings zeichnet eine gewisse stimmtheit dieses Verhältnis von Land und Herrscher im alteuropäischen Sinne aus . Die Geschichte hat den Pendelausschlag in de Richtungen gesehen : die Habsburger ben ihren Königreichen Ungarn und men allmählich den Absolutismus aufgezwungen , die Polen hingegen ihre
nige von dem Veto eines einzelnen Adligen des Sejm abhängig gemacht . So war auch in Finnland jedem klar , daß die ze nicht in allen Punkten weitergelten ten : Die Bestimmung , daß der Herrscher therischer Religion sein mußte , war sicher überholt - war es auch die Bestimmung , daß alle Beamten Lutheraner und finnische Bürger sein mußten ? Finnland war ein Teil Schwedens ohne Sonderrechte gewesen : die Reichstagsmänner gingen nach holm , wie auch die Steuern dorthin flössen und die dort gemachten Gesetze in land galten , ohne daß es einer besonderen Zustimmung der finnischen glieder bedurfte . War an Stockholms Stelle nun Petersburg getreten ? Der Herrscher sidierte dort ; die Deputierten dorthin schicken ging aber nicht , denn es gab nen russischen Reichstag , in dem sie ihre Sitze hätten einnehmen können . Alexander I . , der einer der großen Reformzaren war , schwebte langfristig in der Tat die tung einer solchen Duma für Rußland vor , deshalb sah er keinen Grund , in einem Randgebiet abzuschaffen , was als Modell für sein ganzes Reich dienen konnte . Dieser Status als Modellversuchsgebiet bedeutete aber eigentlich , daß Finnlands lung überholt war , wenn Rußland auch nen Landtag bekäme . Das war aber kanntlich erst fast 100 jähre später der Fall - zum Glück für Finnland ! Bis dahin war es auch sinnvoll , nicht nur Gesetze , sondern auch Verordnungen für Finnland besonders zu erlassen . Schon im Krieg hatte Alexander I . verfügt , daß alle Angelegenheiten des Landes ihm unter Umgehung der schen Ministerien direkt vorgelegt werden mußten ; 1811 richtete er dafür sogar ein besonderes Kommitee für finnische genheiten mit Sitz in St . Petersburg ein . Weiterhin schuf er mit dem Senat von land den Eckpfeiler von Finnlands ger Staatlichkeit . Aber weder Senat noch finnisches Kommitee waren in den alten schwedischen Gesetzen mit einem Wort wähnt - es waren also nicht die Garantien von Porvoo , sondern die Verordnungen Alexanders I . , die Finnland zum Staat im Staate Rußland zu machen begannen .
Staat im Staate
Neben seinen Reformideen hatte der Zar freilich andere gute Gründe , Finnland so zuvorkommend zu behandeln . Die
Darstellung des Unionsaktes von Porvoo 1809 am Ständehaus in Helsinki
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