KULTUR
ERKENNTNIS IN DER MITTERNACHTSSONNE :
Nicht nur in land wird gejoikt
Raimund Wolfert
Als Piet Hieronymus sich im trag der Groninger mission auf die Reise nach Kauto - keino im Norden Norwegens macht , um Licht in einen rätselhaften Mordfall zu bringen , weiß er noch nicht , was ihn im Land der Mitternachtssonne erwartet . Nur so viel steht fest : Vor kurzem erst war hier in der endlosen Weite Lapplands ein pelmord geschehen . Ein holländisches Ehepaar war erstochen in seinem Zelt gefunden worden . Ein Motiv , sofern es ein solches überhaupt gegeben hat , ist nicht erkennbar . Die örtliche Polizei steht vor einem Rätsel .
Für den abgehalfterten Therapeuten Hieronymus , der jetzt als Polizeiinspektor seinen Lebensunterhalt verdient , ist doch das fehlende Motiv nicht das einzige Rätsel an diesem Fall . Für ihn ist allein der Ort des Geschehens schon ein Mysterium , der hohe Norden Europas eine gänzlich unbekannte Welt . In seinem Gepäck hat er zwei Bücher des schwedischen Naturforschers Carl von Linné , die ihm sein alter Bekannter - seines Zeichens Professor für Nordistik - samt einigen zwar wohlgemeinten aber doch eher wirrenden Kommentaren mitgegeben hat : Die Lappländische Reise und die Nemesis divina .
Unter dem Einfluß seiner Lektüre scheint ihm die karge Landschaft selbst bald als die geeigneteste Bühne für das Walten der Nemesis divina , dem Prinzip der göttlichen Vergeltung , dem Carl von Linné mit seinem gleichnamigen Buch auf der Spur war . Aus der Überzeugung her -
Raimund Wolfert ist Skandinavist und freier Journalist in Berlin .
aus , daß es eine höhere Gerechtigkeit gibt , die sich tödlicher Mittel bedient , hatte Linné in säuberlicher Handschrift derte von grausamen Verbrechen seiner Zeit festgehalten .
Hüter über Gesetz und Ordnung in ner Gegend , die Hieronymus als voller Schwermut und von fast gewalttätiger samkeit erlebt , und in der fast nur Samen leben , ist ein norwegischer inspektor . Von diesem Inspektor erfährt Hieronymus auch , daß die tätsrate der Gegend sich in etwa kehrt proportional dazu verhält , wie der Bevölkerungsanteil der Samen im Sommer abnimmt , wenn sich einige Fremde - Sportfischer vor allem und Touristen - hier aufhalten .
Doch sind es die Samen , denen bald Piet Hieronymus' lebhaftes Interesse gilt . Sie sind in seinen Augen die Indianer des Nordens , die Norweger ihr weißer Mann . Seit Urzeiten haben sie in diesem Land in Einklang mit seiner überwältigenden tur gelebt . Ihre jüngere Geschichte aber ist von Leid geprägt , von Ausbeutung und Unterdrückung . Der Alkohol bestimmt ihre Gegenwart , und nur Reste ihrer alten Kultur scheinen ihnen noch geblieben : Formen des Schamanismus und das Joi - ken , dieser für mitteleuropäische Ohren so ungewohnte Sprechgesang . Joiken heißt für sie , die geheime und individuelle che ihrer Seelen zu sprechen , frei und bedarft der fragwürdigen ten der westlichen Zivilisation .
Mit dem Mord an dem holländischen Ehepaar in der tiefen Stille Lapplands hält es sich jedoch wie mit der berühmten Spitze des Eisberges , stellt Hieronymus
bald fest . Unter der Oberfläche des baren und direkt Erfahrbaren herrschen ungeahnte Kräfte , die zur Durchsetzung ihrer Interessen nicht nur einen chen Mord begehen . Um sie zu stellen , muß der holländische Inspektor sich auf ein gefährliches Spiel einlassen . Dabei fällt er selbst fast einem hinterhältigen Attentat zum Opfer . Schließlich befindet er sich aber doch auf der richtigen Spur , und er taucht ein in eine Welt , in der die Grenzen zwischen Traum und Wirklichkeit verschwimmen , in der die Musik Sibelius' auch die Kalevala wieder zu neuem Leben erweckt .
Henning Boëtius hat mit Joiken einen Roman geschrieben , der weit davon fernt ist , bloße Unterhaltungslektüre für passionierte Nordland - Reisende zu sein . Joiken ist mehr als ein Verschnitt von minalroman und Reisebeschreibung . Das Buch beeindruckt nicht nur durch Land - schaftsbeschreibungen aus einer für uns Mitteleuropäer fremden Welt , einer Welt , in der Mythen noch Wirklichkeit werden können . Hinter dem Roman , der sich ebenso spannend lesen läßt , wie er sphärisch dicht ist , steht nicht nur der am - bitionierte Versuch , eine der letzten wei -
Henning Boëtius : Joiken .
Eichborn Verlag ; 1992 , DM 29 , 80 .
ßen Flächen auf der literarischen Weltkarte zu beschreiben . Denn mit nem Buch über Lappland demaskiert Henning Boëtius auch den Teil der Welt , in dem wir leben . Hier wie dort führt das Verbrechen unter dem schützenden tel des kollektiven Einvernehmens längst kein Schattendasein mehr .
Henning Boëtius berührt mit Joiken nes der brisantesten Themen unserer Zeit , denn vor der Kulisse eines der letzten natürlichen Reservate auf diesem nent weist er auf ein Verbrechen hin , das auch hierzulande immer noch allzu häufig verschwiegen wird : dem seelischen Mord an den Kindern . Die Nemesis divina gibt es nicht , sie ist eine Erfindung der schen , das wird Piet Hieronymus im hen Norden schließlich klar . Und noch mehr wird ihm hier bewußt : Nicht nur in Lappland wird gejoikt . „ Jeder Poet joikt auf seine Weise , und jedes Kind , das noch nicht zerstört worden ist von den wachsenen . " ■
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