THORILD IN GREIFSWALD :
Wi ( e ) der die Nostalgie
Die Pflege des kulturellen Erbes in der DDR war bei weitem nicht das , wonach sie nach außen hin aussah . Mitunter waren erhebliche politische Hürden zu nehmen .
Frank - Michael Kirsch
Die Menschen in Greifswald den im deutschen Jargon gentlich noch immer als „ die schweden " bezeichnet . Und dies ist nicht merkwürdig , denn von 1638 bis 1815 war Greifswald schwedisch .
Die Universität in Greifswald , die undzwanzig Jahre früher als die in la gegründet wurde , hat durch die Zeiten hindurch eine besondere Verbindung zu Schweden gehabt .
Georg Stiernhielm , der Vater der dischen Dichtkunst , studierte hier , ebenso Lasse Lucidor . Bengt Lidner schrieb seine Doktorarbeit in Greifswald und Selma gerlöf wurde hier Ehrendoktorin .
1795 war es für einen anderen Dichter und großen Schweden Zeit , kommen - für Tomas Thorild . Seit zwei Jahren befand er sich im Exil . An der Greifswalder Universität , welche von Schweden aus geleitet wurde , konnte er Bibliothekar und Professor bis zu seinem Tod 1808 werden . Thorilds Grab befindet sich nicht in Greifswald , sondern in enkirchen , einem zwei Kilometer vor Greifswald gelegenen Dorf . Vielleicht lag Thorild auch mit Greifswalds
tern in großem Streit . Wer weiß ? . Nun ruht der alte Landesvater jedenfalls in Neuenkirchen unter einer riesengroßen Linde auf dem Friedhof .
Seit 1980 hat die Universität Greifswald einen schwedischen Gastprofessor . Er heißt Stellan Arvidson und ist der größte Thorildanhänger der Welt . Bereits fünfzig Jahre früher war er Schwedischlektor an der Greifswalder Universität . Im Frühjahr
1933 wurde er von den Faschisten setzt , die zu diesem Zeitpunkt auch im akademischen Leben Fuß gefaßt hatten . „ Auf der Liste meiner Verdienste " , schreibt Arvidson in dem Gedicht Die tastrophe , „ steht diese Absetzung ganz oben " . Die heutigen Studierenden mögen ihren Professor . Mindestens ein Mal im Jahr kommt er zu Besuch und liest mit gendlicher Stimme Gedichte von Fröding und Heidenstam . Und in der Sektion Nordeuropawissenschaften hält er eine Vorlesung über Gösta Berling und viele über Thorild . Er steht wie ein barer Baum am Rednerpult . Selbst weit über achtzig , fragt er nach zwei Stunden die Studierenden , ob sie eine Pause chen .
Ich hatte schon als Forschungsstudent die ehrenvolle Aufgabe , Stellans Guide zu sein . Ich glaube , sehr gut verstehen zu können , daß er immer zuerst einen stecher zu Thorild machen muß , ehe er nach Greifswald kommt . Andernfalls wäre er gar nicht richtig hier gewesen . Zusammen stehen wir vor dem gen Grabstein mit dem Erdhügel und dem Kreuz darauf .
Mit jedem Jahr , in dem Stellan kommt , verwittert der Stein etwas mehr . Die Schrift verschwindet und ist nicht mehr zu lesen . Hochgestellte Leute an der sität versprechen Engagement und derung . Aber nichts passiert . Im ter 1984 glaube ich , Tränen in den Augen des Gastprofessors zu sehen . Wenn dieses Mal nichts geschieht , sagt er , werde ich die Schwedische Akademie um Hilfe
ten . Ich finde , daß das für die Universität peinlich wäre und habe in diesem ment eine Idee , erwähne sie noch nicht , aber bitte Stellan , mir eine Chance zu ben , etwas zu tun . Ich bin Assistent und ohne Macht und Einfluß . Aber diejenigen , die Macht und Einfluß haben , tun ja nichts . Sie lassen es nur geschehen , daß Thorilds Haus abgerissen wird . . .
Was ich über die Sache zu sagen habe , klingt logisch . Stellan Arvidson gibt mir freie Hand .
Von der Universität erhalte ich den trag , den üblichen Artikel über den such des hohen Gastes an der Universität für die Uni ( versitäts ) zeitung zu schreiben . Diese wird im Scherz „ Uni - Bummi " nannt . Bummi heißt die bekannteste DDR - Zeitschrift für Kinder . Der Uni - Bummi beschreibt die sozialistische lichkeit der Universität in rosaroten ben : strahlend , leuchtend , problemlos und verdummend ; besser gesagt , erwartet man
Tomas Thorild ( 1759 - 1808 ) , schwedischer Schriftsteller und Philosoph
- ab 1775 Studium der schaften , Geschichte , Philosophie , klassische Sprachen , Deutsch , Musik , später Jura und Medizin in Lund
- brach 1779 mit dem Christentum
- zehnjährige Literaturfehde zwischen ihm und Kellgren , T . griff die gustavia - nische Hofkultur an
- ab 1784 Herausgeber der Zeitschrift „ Den nye granskaren "
- Anschluß an die politische tion
- 1793 wegen kritischer Schrift teilung zu vier Jahren nung ; die Weltpresse begrüßte ihn als schwedischen Freiheitsmärtyrer
- Aufenthalte in Kopenhagen , Hamburg und Lübeck
- ab 1795 bis zu seinem Tod kar und Professor an der Universität Greifswald
Tomas Thorild galt als ein scher Erneuerer und ist ein Vertrter der schwedischen Sturm - und - Drang - Bewe - gung . Seine gesammelten Schriften den von Stellan Arvidson ben .
Nr . 4 , 1992
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