KOLUMNE 
REINHOLD WULFF : 
Willy Brandt zu Ehren 
„ Seine Biografie lehrt uns doch : Wir Deutsche brauchen kein Asylrecht in Deutschland , wir brauchen höchstens eins in Norwegen oder Schweden . . . " ( Karikatur in der taz vom 16 . 9 . 1992 ) 
Am 8 . Oktober 1992 verstarb Willy Brandt , zender der SPD , nach langer , schwerer Krankheit . Am 17 . Oktober wurde er im Rahmen eines Staatsakts setzt . Zwischen beiden Terminen , am 15 . Oktober , debattierte der deutsche Bundestag eine Änderung des Asylparagraphens im Grundgesetz . Mir sind öffentliche Stellungnahmen von Willy Brandt zu diesem Themenkreis in seinen letzten Lebenswochen nicht bekannt geworden . 
Ich will nicht über Willy Brandts Meinung spekulieren , te aber sein Leben nehmen , um all die , die der rechtsradikalen , ausländerfeindlichen Bewegung hinterherlaufen und das recht verwässern wollen , vor den Folgen ihrer Politik zu warnen . 
Willy Brandt beschrieb in seinen Erinnerungen „ Links und frei " , wie er sich als Abgesandter der Sozialistischen tei im norwegischen Exil ab 1933 fühlte : 
„ Mir wurde zunächst ein dreimonatiger Aufenthalt migt - mit der Auflage , mich erstens nicht politisch zu gen , woran ich mich nicht halten konnte , und zweitens , keiner bezahlten Arbeit nachzugehen . . . Noch lange Jahre bereitete mir jeder Kontakt mit Polizei Unbehagen . Ich weiß von Schicksalsgefährten , daß sie ihre Angst nie mehr loswurden . " 
Keineswegs war man über den Aufenthalt von deutschen Flüchtlingen in dem Land mit über 30 Prozent Arbeitslosigkeit , in dem noch eine konservative Regierung herrschte , erfreut . beiten durften die Asylsuchenden nicht , politische Betätigung war ihnen verboten . Norwegische Polizeistellen waren dem schistischen Regime in Deutschland gegenüber durchaus rationswillig und versorgten die Gestapo mit Informationen über die Deutschen in Norwegen . Nur dank der Unterstützung einiger Persönlichkeiten der norwegischen Sozialdemokratie ( die ab 1935 die Regierung stellte ) konnte Willy Brandt einer drohenden Abschiebung entgehen . 
Die ergreifendste , persönlichste Trauerrede beim Staatsakt für Willy Brandt hielt der Spanier Felipe Gonzales als Vertreter der Sozialistischen Internationale . Er beschrieb Brandts kehr in das durch den Weltkrieg zerstörte Deutschland : als wegischer Staatsbürger . Brandt selbst schrieb und sprach mit einem Augenzwinkern über seine gefälschten Ausweispapiere , mit denen er in Frankreich , Berlin und Spanien während seiner 
Exulantenzeit reiste . Wer erinnert sich noch an dieses sal , an die Geschichte des Asylparagraphen , der gerade wegen der Erfahrungen des Exils in das Grundgesetz aufgenommen wurde ? 
In der Bundesrepublik Deutschland soll heute durchgesetzt werden , daß Asylsuchende ohne oder mit gefälschten Pässen nen Anspruch auf ein Aufnahmeverfahren haben sollen . nern sich denn die , die in ihren Reden und Nachrufen Willy Brandts Leben rühmten , daß dieser schon 1933 seine angaben fälschte und sich einen Kampfnamen gab ? War das mals alles ehrenwert ( im Gegensatz zu den rechten fern der 1960 / 70er Jahre bin ich der Meinung , daß es das war ) - und heute ist keiner der bei uns eintreffenden Ausländerinnen und Ausländer zu ähnlichen , zugegeben illegalen Maßnahmen gezwungen ? 
Viele länderinnen und Ausländer trugen sich in die listen für Willy Brandt ein , wiesen ihm die letzte Ehre . Es scheint , als wenn ihnen die Bedeutung dieser ragenden schen lichkeit des 20 . 
Jahrhunderts bewußter ist als vielen in den Reihen seiner eigenen Partei . 
Asylsuchende in aller Welt werden sich seines Lebens und ner Politik erinnern . Mit ihnen trauern auch wir um einen großen Menschen aus Lübeck , aus Deutschland , in Europa . „ Adios , amigo Willy . " 
Willy Brandt ( Bildmitte ) im Sommerlager der norwegischen Arbeiterjugend 1939 . 
Quelle : Einhart Lorenz , Willy Brandt in Norwegen . Kiel 1989 . 
Nr . 4 , 1992 
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