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Dagmar Lendt
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3 . Umschlagseite
Editorial
Liebe Leserinnen . . .
wollte ich eigentlich anfangen und hinzufügen : Sie , liebe Leser , sind lich mitgemeint - so wie Frauen mitgemeint sein sollen bei all den lich dominierten Kollektivbegriffen , die ganz , ganz allmählich erst durch die explizite Mit ( ! ) - Anrede von Frauen ergänzt werden . Und auch das kann nur ein allererster Schritt sein , denn das Anhängen femininer Endungen an die maskuline Stammform eines Wortes allein erweist uns Frauen mit cherheit keinen Dienst , weder sprachlich noch gesellschaftlich . Die Erbitterung , mit der alle wirklich sprachradikalen Vorschläge schon im Keim niedergemetzelt werden , zeigt doch :
Hier verteidigt das Patriarchat verzweifelt sein wirksamstes - und unauffälligstes - Herrschaftsinstrument . Solange maskulin setzte Begriffe für Frauen eine Auszeichnung sein sollen ( „ Klara ist ein prima Kerl " ) , nin besetzte Begriffe für Männer aber eine Geringschätzung bedeuten ( „ Karl ist unser Mädchen für alles " ) , solange sollten Frauen sich keine Illusionen über die Wertschätzung machen , die sie in der Männergesellschaft nießen . Die Sprache spiegelt bekanntlich nicht nur unser Weltbild wider , sie prägt es auch , und in der Form , wie Frauen in der Sprache existent sind ( oder nicht ) , zverden sie als Frauen auch im Bewußtsein der chenden und Hörenden existent ( oder eben nicht ) . „ Ihre Sprache ist ihr Geist , und ihr Geist ist ihre Sprache " , sagte schon Wilhelm von Humboldt über die sellschaft , „ man kann sich beides nie identisch genug denken ! "
Als wir uns entschieden , Frauen zum Thema dieses Heftes zu machen , kam uns Redaktionsfrauen die Idee , für alle Beiträge ausschließlich das tische Femininum zuzulassen , und euphorisch schrieben wir einen Beitrag probeweise um . Ich will nicht verschweigen , wie es uns erging : Als immer ter Sätze nach dem Muster „ Nur 10% aller Politikerinnen sind Frauen " dabei herauskamen und wir schließlich unsere männlichen Kolleginnen zum feekochen schicken mußten ( sie wären sonst an ihrem Gelächter erstickt ) , ben wir diese Radikalität schweren Herzens auf - jedenfalls vorläufig .
Das Thema der vorliegenden Ausgabe heißt also „ Frauen " und nicht , wie noch vor einem Jahr angekündigt , „ Gleichstellung " . Nicht nur , daß das Wort Gleichstellung verschweigt , wer oder was denn wem oder was gleichgestellt werden soll , es suggeriert auch einen Prozeß , der so nicht stattfindet . Daß das Wort „ gleich " außerdem noch andere Tücken haben kann , zeigte mir ein sischer Freund . Als ich ihm erklärte , „ Gleichheit " bedeute etwa dasselbe wie das französische Wort „ égalité " , versicherte er mir glaubhaft : „ In Rußland ben wir keine Probleme damit . Bei uns sind die Frauen den Männern egal . "
Ich wünsche Ihnen und uns nach - denkliche Lektüre . . .
Dagmar Lendt
Nr . 4 , 1992
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