KULTUR
GRUNDTVIG II :
Der mißverstandene Däne
Wenn man über Dänemark spricht , ist N . F . S . Grundtvig ( 1783 - 1872 ) immer allgegenwärtig . Kaum jemand hat mark so geprägt wie er . Im Anschluß an den Grundtvig - Artikel aus Heft 2192 muß man jedoch die Frage stellen , ob sich seine Gedanken heute in Deutschland aktualisieren lassen , 120 Jahre nach seinem Tod , in einer säkularisierten Gesellschaft ?
Stephan Michael Schröder
Organismusdenken
Geistesgeschichtlich steht Grundtvig in einer Tradition , die man in Dänemark als „ Organismusdenken " bezeichnet hat . Die Bekanntschaft hiermit verdankte er nem Vetter Henrich Steffens ( 1773 - 1845 ) , der 1802 und 1803 in Kopenhagen sungen über „ Die romantische losophie' und Goethe " hielt . Für den mantischen Traum einer ganzheitlichen Universalerkenntnis , der dem musdenken zugrundeliegt , prägte vig gar einen Neologismus : Statt kömmlich - aufklärerischer „ Videnskab " ( „ Wissenschaft " als Kunde vom Wissen ) mit ihrer rationalistischen Reduktion der Welt und des Menschen forderte er „ Vid - skab " ( vid = „ Verstand " , aber auch „ Witz " ) , verstanden als das Streben nach umfassenderer Erkenntnis , als lung des Wissens mit der Poesie , die mer auf die Ewigkeit verweist .
Für Grundtvig ist nur eine che Sicht eine sinnvolle Sicht ( und auch dies hat bestimmt zu seiner „ deckung " in einer Zeit beigetragen , in der ganzheitliche Systemmodelle à la pra groß im Kurs sind ) . Dies hat kungen auf Methode wie Gegenstand . So verweigert Grundtvig sich der ( in der Quantenphysik ja als nicht hinreichend entlarvten ) cartesianischen
chungsmethode , der Analyse durch den vom Untersuchungsgegenstand gigen Untersuchenden . Für ihn ist eine solche Analyse eine „ Auflösung " , ein „ Zerlegen " , aber keine Erklärung . Als Beispiel führt er das vergebliche ben an , durch das Sezieren einer Leiche dem Geheimnis des Menschen auf die Spur zu kommen . Durch ein solches Vorgehen verfehle man notwendig das Eigentliche eines jeden Organismus , ne emergente Eigenschaft , die ihn zu mehr werden läßt als die Summe seiner Teile : das Leben .
Organismen ( und auch die Welt ist für Grundtvig ein solcher Organismus ) lassen sich für ihn nur als lebendige begreifen , daher sein Beharren auf der kung zwischen Lehrer und Schüler , auf dem Vorrang der Mündlichkeit vor der ten Buchstabenschrift , auf dem „ gen Wort " als Zentralbegriff seiner logie , daher auch seine Abwendung von der Bibel und seine Hinwendung zur meinde und deren Bekenntnis als lage des christlichen Glaubens .
Sein Augenmerk auf den hang einer organisch verstandenen Welt zeigt sich auch nicht zuletzt in seinem lenden individualistischen Denken . Für ihn ist der Mensch immer Teil einer nisch verstandenen Gemeinschaft , eines Volkes , einer Volkskirche .
Grundtvig heute
Theodor Jorgensen hat auf der Grundt - vig - Konferenz in Köln 1988 während der Schlußdiskussion Grundtvigs Frage nach dem Zusammenhang der Dinge der als drohlich empfundenen Ausdifferenzierung unserer Welt in verschiedene , weitgehend autonome Bereiche gegenübergestellt . nerell schätzte man auf der Konferenz den „ Gebrauchswert " Grundtvigs in der gen Zeit hoch ein . Besonders galt dies für die Teilnehmer aus der Dritten Welt , die sich mit dem Problem einer kulturellen Identitätsfindung konfrontiert sehen . „ We need Grundtvig more than Western ciety does " , hieß es bei einem indischen Teilnehmer . So soll z . B . nächstes Jahr in Camela in Brasilien eine grundtvigiani - sche Volkshochschule errichtet werden .
Kritische Stimmen hingegen wurden plizit kaum laut , und dies mag erstaunen . Denn gerade ein historisches Verständnis des Historikers Grundtvig müßte die gen öffnen für die historische Begrenztheit seines Diskurses . Seinem idealistischen Organismus - Denken sind unauflösliche Antagonismen oder Interessensgegensätze fremd ; sein soziales Denken kann seine li - beralistische Herkunft nicht verhüllen , auch wenn dieses einer biedermeierlichen Humanisierung unterworfen wurde . Die nationale Dimension seiner „ Volklichkeit " basiert auf dem Konzept von staaten des 19 . Jahrhunderts , auf der stellung einer volklich - kulturellen genen Bevölkerung . Diese nationale Dimension hat zweifellos einen wichtigen , kaum zu überschätzenden Beitrag zur Herausbildung der heutigen dänischen Identität geleistet ; sie mag dies auch heute noch für einzelne Staaten der Dritten Welt tun . Aber angesichts sich entwickelnder multikultureller Gesellschaften z . B . in ropa drängt sich die Frage auf , ob vigs Antworten der Komplexität unserer heutigen Welt eigentlich noch gerecht werden können . Immerhin - sein sches Verständnis mag ein , versteht man es kybernetisch , erfolgversprechender satz sein .
Hans Henningsen erhob Grundtvig auf der Kölner Tagung zum Vertreter einer dritten Position in der gegenwärtigen batte um den Sinn und Unsinn der ropäischen Aufklärung , neben stischen Strömungen einerseits und sprachphilosophischer Verteidigung des
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