MARY WOLLSTONECRAFT :
Skandinavien vor 200 Jahren
Einen spannenden , persönlichen Einblick in das Nordeuropa des 18 . Jahrhunderts liefern die Reisebriefe aus vien von Mary Wollstonecraft . Jetzt erschien eine preiswerte deutsche Ausgabe dieser Schilderungen der Lebensumstände und Mentalitäten im Norden Europas .
Raimund Wolfert
Faszination für die Natur und die Landschaften Skandinaviens ist nicht ein Phänomen erst dieses hunderts . „ Mich entzücken die schen Ansichten , die ich hier täglich nieße , belebt von reiner Luft " , schrieb Mary Wollstonecraft schon im Sommer 1795 aus Norwegen . Mary Wollstonecraft ( 1759 - 1797 ) ist heute nicht nur als Mutter von Mary Shelley - der Verfasserin des ten Gruselromans Frankenstein - bekannt , sie gilt vor allem als eine der zentralen Identifikationsfiguren der frühen wegung . Sie war eine der ersten Frauen , die sich öffentlich gegen jahrhundertealte Herrschaftsstrukturen in der Gesellschaft aussprachen und sich uneingeschränkt für die Emanzipation der Frau einsetzten . kannt wurde sie in ihrer Zeit einem ren Publikum als Verfasserin der schrift Eine Verteidigung der Rechte der Frau ( 1792 ) . In dieser vertrat sie quent den Anspruch auf Gleichwertigkeit der beiden Geschlechter , sie erntete mit ihr bei den meisten ihrer Zeitgenossen und - genossinnen aber weniger Zustimmung denn krasse Ablehnung und Feindseligkeit . So wurde sie alsbald als „ Hyäne im rock " und „ philosophierende Schlange " verschrien . Um so erstaunter zeigte sich aber die lesende Öffentlichkeit einige Jahre
Raimund Wolfert ist Skandinavist in Berlin .
später , als Mary Wollstonecraft mit Letters written during a Short Residence in den , Norway and Denmark erneut auf die literarische Bühne trat . Diese Briefe standen auf einer Reise durch navien , die die Autorin im Sommer des Jahres 1795 unternahm , um die Geschäfte ihres Geliebten George Imlay men . Durch ihre Reisebriefe legte sie nis ab von einer innigen Liebe zu den dischen Ländern und deren Bewohnern und Bewohnerinnen .
Die Briefe Mary Wollstonecrafts hat der Leipziger Reclam - Verlag unter dem Titel Reisebriefe aus Südskandinavien in deutscher Übersetzung 1991 wieder herausgegeben . Die Autorin beschreibt in ihnen Land und Leute , Natur und sation in Südskandinavien . Sie schildert die Landschaften des Nordens maßen wie sie Bemerkungen etwa über Sitten und Kindererziehung , über Handel und Strafwesen macht . Zwar zeigte sie sich davon überzeugt , daß die schaft in England bereits eine höhere Stufe erreicht habe als in Skandinavien , und es schmachtete ihr Geist während res Aufenthaltes häufig nach derer Gesellschaft , aber ihr Herz fühlte sich von der Natur und den Menschen des Nordens oft angezogen . Am meisten unter den drei skandinavischen Ländern hatte es ihr Norwegen angetan . Hier eindruckte sie sowohl die Wildheit der
Natur als auch die Liebenswürdigkeit der Menschen . Sie verlebte hier nach eigenen Worten den schönsten Sommer ihres bens . Die norwegische Landschaft und die verstreut liegenden Bauernhäuser empfand sie als äußerst malerisch . wegen selbst war in ihren Augen , obwohl es von Dänemark aus regiert wurde , der freieste Staat , der ihr je vorgekommen war . Und die Norweger und nen , auch wenn sie noch in der „ Epoche vor Einführung der Wissenschaften " ten , schätzte sie als ein verständiges Volk , als rechtschaffen und fleißig . Zwar konstatierte sie den norwegischen Frauen einen „ gänzlichen Mangel an dung " , und auch den norwegischen nern stellte sie einen „ engen kreis " anheim , da diese doch vorwiegend Kapi täne und somit „ schen " waren , Mary Wollstonecraft zeigte sich aber besonders von ihrer stelten Gutmütigkeit beeindruckt . Die norwegische Bevölkerung erschien ihr insgesamt gesehen auch fleißiger und wohlhabender als die schwedische . An den Schweden und Schwedinnen störte sie vor allem übertriebene Höflichkeit und sinnlose Formalitäten . Im Vergleich mit ihnen wiederum schloß das dänische Volk aber noch schlechter ab . Es sei , schrieb Mary Wollstonecraft schlichtweg , wohl das Volk , das „ den Grazien am nigsten geopfert " habe . Es habe eine große Abneigung gegen Neuerungen , stellte sie fest und führte gleichsam zum Beweis hierfür das Schicksal des schen Struensee an , der als Geliebter der Königin Mathilda wegen seiner radikalen Reformpolitik schließlich gestürzt und hingerichtet wurde . Überhaupt , fand sie , herrsche in Dänemark auch nicht eine solche „ Atmosphäre der stärkenden Reinheit " wie in Norwegen . Eine Art von Gleichgültigkeit gegenüber allem , was die Dänen und Däninnen nicht selbst he , resümierte sie , scheine einer ihrer Charakterzüge zu sein . Und auf dieser Gleichgültigkeit beruhe wohl auch die vorherrschende Auffassung der schen Bevölkerung , ihr Land sei das glücklichste auf Erden . Diese Ansicht entsprach nach Mary Wollstonecraft nämlich weit weniger den Tatsachen , als sie ihrer Auffassung nach vielmehr als Ausdruck des Unwissens der Dänen und Däninnen über die Zustände in anderen Ländern anzusehen sei .
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