Grundtvig hat - ganz anders als seine dänischen Zeitgenossen Hans Christian Andersen und Soren Kierkegaard - nie Weltgeltung erlangt . Es besteht ein zunächst merkwürdig anmutendes Mißverhältnis zwischen seiner den Unbekanntheit südlich der Eider und seiner bis auf den heutigen Tag allfälligen Präsenz in Dänemark . Hier spricht man nur in Superlativen von dem Mann , der während seines langen Lebens unseren nördlichen Nachbarn geprägt hat wie wohl kein zweiter : Als Theologe hat er nach seiner Maßgabe „ Mensch ist man erst , dann wird man Christ " zur Reformie - rung der dänischen Kirche beigetragen und ihre Umwandlung in eine che betrieben ; als Pädagoge gilt er als der geistige Vater der Heimvolksschule und der Freischulen ; als Schriftsteller schuf er volkstümliche Übersetzungen cher Literatur und verfaßte gleich 217 der Lieder im heutigen dänischen buch , außerdem 109 der 572 Lieder , die sich heute im populären gesangbuch finden ; als Politiker und blizist machte er sich zum Sprachrohr ner geistig verstandenen Liberalisierung der dänischen Gesellschaft und wirkte als Abgeordneter sowohl in der ersten wie später auch in der zweiten Kammer des Parlamentes .
Das Grundtvigsche Werk
Diese Aufzählung vermittelt bereits nen Eindruck von der Ruhelosigkeit ses Mannes , von seiner unbedingten denschaftlichkeit , mit der er sich für seine Meinung einsetzte ( und eine Meinung te er zu allem , und sei es , daß er Elephan - ten als die klügsten Tiere ansah , da sie über einen so ausgeprägten Tastsinn in ihrem Rüssel verfügten ) . Eine gabe der Grundtvigschen Schriften , so hat man berechnet , würde dicke 130 Bände füllen . Glücklicherweise , so muß man fast sagen , war für dieses Vorhaben bisher kein Geld vorhanden . Denn Grundtvigs schriftliche Hinterlassenschaft ähnelt unter einem Steinbruch an Ideen und Ausführungen . In Dänemark kursiert die Anekdote , daß Grundtvig , während er an seinem Stehpult schrieb , seine Füße in nem Bottich mit Eiswasser stehen hatte , um nicht einzuschlafen . Tat er es noch , so schrieb er nach dem Aufwachen

Porträt Grundtvigs von P . C . Stougaard , 1847
sofort dort weiter , wo er aufgehört hatte . Wahr oder nicht : Neben fältig ten Teilen stößt man auch auf te Gedanken und mancherlei assoziative Exkurse . Es fällt leicht , sich über manche Eitelkeit und Koketterie , manch krauses Räsonnement und bombastisches Pathos lustig zu machen oder sich bei Grundtvig mit Zitaten für fast jede Diskussion über fast jedes Thema zu munitionieren .
Aber gerade eine solche Haltung der akademisch - amüsierten Arroganz würde
Paul Röhrig ( Hrsg . ) , Um des Menschen willen . Grundtvigs geistiges Erbe als ausforderung für Erwachsenenbildung , Schule , Kirche und soziales Leben . kumentation des Grundtvig - Kongresses vom 7 . bis 10 . September 1988 an der Universität zu Köln . Weinheim : scher Studien Verlag , 1991 , 49 , - DM .
einen wesentlichen Zug des schen Schaffens übersehen : seinen - wie er es nannte - „ Sitz im Leben " , sein kret bezogenes Denken und Schreiben . Hieraus resultiert seine Abneigung gegen trocken - wissenschaftlich - analysierende Darstellung , seine streitbare Natur , seine Abscheu vor spekulativer hegelsch - deut - scher Systembauerei ( in diesem Punkt traf
er sich mit Soren Kierkegaard , der zwar mit Grundtvig theologisch nicht einig war , diesen aber durchaus als Genie te ) .
Da Grundtvig selbst also keine tisierung seiner Überlegungen men hat und zugleich manchen punkt im Laufe seines langen Lebens änderte , fällt es nicht leicht , die Leitlinien seines Denkens von den Geröllbrocken ner titanischen Arbeitswut zu trennen . zu kommt Grundtvigs Schreibweise , die selbst Dänen einiges an Einarbeitung verlangt . „ Grundtvig braucht Deuter und Deutungen " , brachte der bedeutende sche Grundtvig - Forscher Flemming Lund - green - Nielsen den Sachverhalt auf den Punkt . Der des Dänischen Unkundige ist ohnehin auf Sekundärliteratur verwiesen , gibt es bislang doch nur eine einzige be ausgewählter Werke Grundtvigs auf Deutsch ( einzelne Texte Grundtvigs waren allerdings im 19 . Jahrhundert , ins Deutsche übersetzt worden ) . Diese nach heutigen Maßstäben unbrauchbare „ Werkausgabe " erschien 1927 und war von dem „ schen Protestanten " Johannes Tiedje sorgt worden . Die Nationalsozialisten ha -
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