AUSSTELLUNG : 
Wikinger in Paris 
Birgit Svensson 
Es ist Sonntag in Paris , irgendein Sonntag im April . Eine dreihundert Meter lange Menschenschlange wartet auf Einlaß . In Moskau bilden sich Schlangen vor Lebensmittelgeschäften , in Stockholm vor Nobelrestaurants , in don vor Bushaltestellen , - in Paris vor dem GRAND PALAIS , dem großen turpalast . 
Das Ereignis , wofür die Menschen hier über eine Stunde Schlange stehen , ist die große Ausstellung über die Epoche der Wikinger , die am 2 . April in Paris eröffnet wurde . Auf Initiative des Europarats und in Zusammenarbeit mit diversen stituten und - Organisationen in fast allen west - und osteuropäischen Ländern und natürlich in Skandinavien ist dies der erste umfassende Versuch , die nordische pansion auf den Kontinent in der Zeit von 800 - 1200 unserer Zeitrechnung stellen . 
„ Gott schütze uns vor dem Zorn der Männer aus dem Norden " , betet man um das Jahr 793 in den Kirchen und Klöstern Westeuropas . Das Eindringen der ger auf die europäische Bühne gegen Ende des 8 . Jahrhunderts trifft mit voller Wucht den christlichen Westen , der sich , am Ende der Karolingerherrschaft mit Karl dem Großen , gegen die Außenwelt schottet und sich auf sich selbst zogen hat . Beste Bedingungen für die Männer aus dem Norden also . wachsen in einem Land mit Felsen und Wäldern , Seen und Inseln , fehlt es an fruchtbaren Böden . Eine magere grundlage , von den langen Wintern mit Eis und Schnee ganz zu schweigen , ist der Ausgangspunkt ihrer Eroberungszüge . Das Gebet der Gläubigen wird nicht erhört . Im Gegenteil . 300 Jahre lang fallen die ger über Europa her . Sie dominieren nicht 
Birgit Svensson ist freie Journalistin in Berlin . 
nur die nordischen Meere , sondern wüsten ebenfalls die europäische tikküste bis nach Gibraltar und dringen sogar bis zum östlichen Mittelmeer vor . Im Norden überfallen sie England und land , kolonisieren Island , im Osten reicht ihr Einzugsgebiet bis ans Schwarze Meer , sie gründen die Städte Kiew und rod . Im Westen die Dänen , im Norden die Norweger und im Osten die Schweden . Ein Epos , das rund um den damaligen Mittelpunkt der Welt geht und sogar noch darüber hinaus . Ihre ausgezeichnete Fähigkeit zur Navigation bringt die ger nach Amerika , 500 Jahre vor bus . Jedoch hält sich ihr Ruf als ter , Frauenschänder , Sklavenhändler und Barbaren über Jahrhunderte und haftet nen auch heute noch schwer an . 
Urzeit war es , da nichts noch war : Nicht war Sand , noch See Noch Salzwogen Nicht Erde unten Noch oben Himmel , Gähnung grundlos , Doch Gras nirgend 
Voluspá , Erste Strophe nach der Fassung der Snorra - Edda . 
Die Ausstellung als Versuch einer längst fälligen Rehabilitierung ? Barbarei , ein bloßes Relikt aus der Wikingerzeit ? Was ist es also , das den negativen Ruf jenes Volkes solange unwidersprochen läßt ? „ Wir wissen viel zu wenig von den ländern , obwohl ich gerade gelernt habe , daß die Wikinger in der Normandie ihre kulturellen Spuren hinterlassen haben . Es finden sich sogar noch einige nordische Wörter in der französischen Sprache der " , sagt Gilles , den ich auf dem gang durch die Geschichte der 
vier treffe . „ Mich überzeugt die heit der Dinge . Keine überflüssige rung der Waffen , wie es in den schen Ländern zu jener Zeit üblich war . Selbst der Schmuck ist einfach " . 
Durch die französische Presse geht ein Riß , wenn es um die Beurteilung der stellung geht . Der konservative Figaro wird nicht müde , bei allem Respekt für die künstlerische Leistung der Wikinger deren Greueltaten immer wieder hervorzuheben . So soll die Tatsache , daß einige Wikinger zum Christentum übertreten , um dadurch angeblich besser Geschäfte machen zu können , als Beweis für ihre Skrupellosig - keit und Geldgier gelten . Unerwähnt bleibt allerdings , daß Skandinavien sehr spät erst christianisiert wird , nämlich zum Ende der Wikinger - Ära im 11 . dert . Bis dahin gelten die Götter der nischen Mythologie als höchste Wesen . Es wäre daher nur zu verständlich , wenn das Christentum , das auf dem europäischen Festland bereits jahrhundertelang ziert wird , auf die ankommenden ger eine gewisse Faszination ausübt . Trotzdem bleiben für den Figaro die kinger fremd , barbarisch und erregend . 
„ Nichts ist weniger barbarisch als die Wikinger " , schreibt indes die linke chenzeitung Le Point . Sie sucht den Schlüssel des Expansionsdrangs der dischen Männer in der Seefahrt . Tatsächlich haben sie über Jahre hinweg , aus der geographischen Notwendigkeit heraus , die Kunst des Schiffbaus haft entwickelt . Während andere Völker lediglich an ihren eigenen Küsten ent - langschipperten , besaßen sie bereits Flotten . Schon im 6 . Jahrhundert wird mit dem Bau einfacher Eichenholzkanus begonnen , die mit der Zeit zu Booten und Schiffen perfektioniert werden . se werden sowohl als Handels - als auch als Kriegsschiffe benutzt , was es rig macht zu unterscheiden , ob sie in guter oder böser Absicht kommen . ter , wenn auch nicht einziger Vorteil ser Schiffe ist , daß sie keinen Hafen brauchen , da sie flach gebaut sind . Man zieht sie am Bug an den Strand und kann in Ruhe alles ausladen und von Bord gehen . Den Bug der fe zierte vermutlich ein hölzerner chen . Man nennt sie deshalb schiffe . Doch diese Tiere dienen nicht 
NORDEUROPA 
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