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daß ich mich an die besten und vorzüglichsten Menschen anschließen könne . Wo findet man diese so leicht , und wodurch erhält man sogleich Zugang zu ihnen ? Würde mir nicht der Umgang mit meinen lieben Reisenden so unendlich viel vergüten , so wäre ich wirklich in dieser Rücksicht einsam und verlassen , denn in Italien wird man nicht so freundschaftlich , so vertraulich aufgenommen , als von Landsleuten , der Umgang ist in diesem Land nicht so srey , und besteht fast aus nichts als Ceremonien und Compli - menten . Ich selbst habe diese Erfahrung noch nicht gemacht , weil ich sie nicht machen wollte , weil ich noch keine andere Be - kanntfchast suchte , als mit einigen Gelehrten , mit denen man nur Begriffe , Erfahrungen , keine Empfindungen auswechselt , und mit denen also in so kurzer Zeit nie ein eigentlicher Um - gang sich entspinnt . Höflichkeit ist überall die Fülle und diese genügt mir zum Glück , weil ich schon in einer Familie lebe , die mir Herzlichkeit giebt , aber gesetzt , ich lebte mehr auf einem steifen und ceremoniöfen Fuße mit meinen Kranken , so würde ich wirklich eine große Würze des Lebens entbehren , da mir die Gelegenheit und auch die Zeit fehlen würde , um einen andern Familienumgang zu genießen . Unbegreiflich ist es mir , wie Du glauben kannst , daß ich nur nach Grundsätzen und Ueberzeugungen , nicht nach Rücksichten , die menschliche Schwächen und Aehnliches zu nehmen zwingen , handeln darf . Glaube mir , wo man mit Menschen und Verhältnissen lebt , lebt man auch mit ihren Schwächen und Verhältnissen , kein Mensch ist ganz srey von denselben , selbst derjenige mit dem besten Willen nicht , weil keiner zu seiner vollkommenen Selbsterkenntniß gelangt ; freylich gibt es manche Schwächen , die man leicht verbergen kann und die nicht drückend sind , einen nicht eigentlich vom Wege der Vernunft und der besseren Ueberzeugung ablenken . Ich fühle auch in meiner gegenwärtigen Lage beynahe gar nicht den Druck solcher Rücksichten , aber kann man sich nicht in jeder Lage ziem - lich frei von demselben machen , wenn man genügsam ist und seine Pflicht erfüllt ? Nein , liebe Luise , mäßige Deine Begriffe von den Reizen meiner gegenwärtigen Lage , sie ist gut , sie ge - währt mir manche Freuden , aber gewiß auch manche Sorgen , ich entbehre manches in ihr , was meinem Herzen das Liebste ,

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