Full text: Lebenserinnerungen von Christoph Heinrich Pfaff, Doctor der Philosophie und Medicin ...

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Interesse haben müßte . Denn damals fühlte ich einen neuen Schwung meiner Kräfte , meine Phantasie flog in höheren gionen , mein Geist erhob sich gleichsam über seine Hülle , und überließ sich entfesselt dem Strome edlerer Gefühle und nicht ge - meiner Ideen . Alles dies war die Folge der Mittheilung oder vielmehr der Atmosphären - Einwirkung eines Geistes höherer Art , der in mir ein Feuer entzündete , das leider nun bei Entfernung desselben wieder erloschen ist . Unter dem Schutze von außer - ordentlichen Menschen wollte auch ich mich gewiß über das Ge - meine und Gewöhnliche , wenigstens in moralischer Hinsicht , er - heben , wollte meiner vernünftigen Natur Ehre machen , und , wenn es seyn müßte , für das Gesetz sterben ; aber mir selbst überlassen komme ich nur zu leicht wieder unter die Herrschaft sinnlicher Begierden und niedriger Triebe , und sinke in die Knechtschaft zurück . Der Hauch , der mich mit neuem Leben an - wehte , und gleichsam eine neue Welt von Kräften in mir ent - wickelte , der die süßesten Schwärmereien in mir erregte , kam von Baggesen . Ich habe mich in die Tiefe dieses außerordentlichen Geistes eingetaucht , und bin mit neuer Ehrfurcht gegen die Menschheit erfüllt worden , da ich diese Grundlosigkeit und Uner - meßlichkeit kennen lernte . Sie haben vielleicht Reise - Fragmente in dem Merkur von diesem lyrischen Kopfe gelesen , das sind aber Stümper - Arbeiten gegen Briefe an Reinhold , welche voll der schönsten Blumen , der fruchtbarsten Phantasie , des tiefsten Gefühls , des wunderbarsten Witzes sind , und sich dabei oft in die Regionen der transcendentesten Philosophie versteigen , so daß man über dies außerordentliche Gemisch von Sinnlichkeit und reiner Vernunft , von niederen und höheren Seelenkräften in gleicher Vollkommenheit erstaunen muß . O Freund , wenn ich es Ihnen ausdrücken könnte , was ich empfand , da Reinhold den Brief vorlas , in welchem Baggesen fein Entzücken schildert , da seine theure Sophie ihm den ersten Sohn gebar , seine Dualen ausmahlt , da beide am Rande des Todes schwebten , und die Wunderkraft des Gebetes , d . h . der Resignation seines Willens in den Willen des Vaters im Himmel , das ihn in diesem schreck - lichen Augenblicke ausrecht erhielt , beschreibt . O , wenn ich Ihnen all' die heiligen Gefühle und Entschlüsse mittheilen könnte , die
	        

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