Full text: Lebenserinnerungen von Christoph Heinrich Pfaff, Doctor der Philosophie und Medicin ...

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Rückblick . Meine gesellschaftliche» Beziehungen in Kiel . Schluß . 
Wenn ich nun noch einen Rückblick auf diese Erinnerungen werfe , so ergreift mich eine gewisse Wehmuth , daß ich lange nicht jene Erwartungen , welche meine erste einigermaßen glänzende Aufnahme auf meiner wissenschaftlichen Laufbahn , als auch die enthusiastischen Briefe meiner Freunde erwecken mußten , nur un - vollkommen erfüllt habe . Es vereinigten sich hier mehrere Ur - fachen , namentlich das Schwankende in der Wahl meines Berufes und der Wissenschaften , denen ich mich vorzugsweise widmen wollte ; dann die Zersplitterung durch spätere Umtsgeschäfte ; ferner jene Augenschwäche , die frühzeitig hemmend für mich war , endlich die eigenthümliche Richtung meines Geistes , der nicht die Befähigung hatte , mit einer wirklich ausdauernden Beharrlichkeit die Tiefe einer Materie zu erschöpfen , sondern der , ohne jedoch blos an der Oberfläche hinzugleiten , mit einiger Vorliebe den Stoff seiner Betrachtung und Bearbeitung wechselte . Diesem Umstände aber habe ich es vielleicht zu danken , daß ich in meinem hohen Alter eine gewisse geistige Frische erhalten habe , da man im entgegengesetzten Falle bei Männern , die einseitig , aber mit angestrengter Ausdauer in die Tiefen eines Studiums eindrangen , eine gewisse Abstumpfung des Geistes beobachtet hat . Ich darf bei dieser Gelegenheit es nicht verbergen , daß meine lichen Verhältnisse , von denen in diesen Erinnerungen nur wenig die Rede war , auch ihren Antheil an jenem Resultate gehabt haben . Eine gewisse Jovialität , die mich charakterisirt , machte mich zu einem beliebten Gesellschafter , und die Gelegenheit bot sich in früheren Zeiten nur zu oft dar , theils öffentliche Gastmahle , durch welche politische Ereignisse gefeiert wurden , theils auch Privat - gesellschaften durch Toaste , in welchen mir nun einmal eine ge - wisse Meisterschaft zugeschrieben wurde , zu beleben , wobei denn freilich manche Stunde verloren ging , und der Geist nicht immer die nöthige Nüchternheit und Sammlung für gründliche Studien und entsprechende Arbeiten bewahren konnte . 
Hierzu kam nun noch der Umstand , daß die Anmuth der Frauen mich immer mächtig anzog . Schon in Kopenhagen war 
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