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Unterhaltung poetisch war . Jhrc Sentimentalität ging so weit , daß sie bis zu einer Art von Ohnmacht gerührt werden konnte . Im hohen Grade war es zu bedauern , daß ihre im Alter immer mehr zunehmende Taubheit dem Genüsse eines Wechsel - gespräches sehr hinderlich wurde . Den auffallendsten Contrast bildete sie mit ihrem Manne , einem in seinen kaufmännischen Spekulationen höchst klugen Gemahl , der auch zu großen Reich - thümern dadurch gelangte , dabei aber im täglichen Umgange fast die personisicirte Prosa war , und es vorzog , das plattdeutsche Idiom zu gebrauchen . Die mir sehr gewogene Freundin wurde , wie ich schon oben gesagt , zur Hauptveranlassung der Entwicke - lung meines weiteren Schicksals .
Im Frühjahr 1795 trat sie nämlich eine Reise nach Italien an ; der Hofmeister ihrer Kinder , aus Lübeck gebürtig , der in hohem Grade schwindsüchtig geworden war , sollte die Uebersahrt von Kopenhagen nach Kiel mitmachen . Die edle Frau war sehr besorgt , daß dem Kranken unterwegs irgend ein besonderer Zufall begegnen konnte und er dann ganz ohne ärztliche Hülfe wäre . Am Abend vor der Abreise äußerte sie diese Besorgniß gegen mich , und ich entschloß mich auf der Stelle , ihr Begleiter nach Kiel zu werden . Nur . traf es sich glücklich , daß das Packetboot , welches uns dahin bringen sollte , von einer Privatgesellschaft gemiethet war , welche , außer der Familie Brun , aus dem hol - steinischen Grafen Rantzau zu Rastorf , damaligem Gardeofsizier , der mit seiner jungen , schönen und liebenswürdigen Gemahlin , einer Tochter des hochgeseierten Staatsministers Grasen Andreas von Bernstorff , nach seinem Landgute Rastorf sich begab , das schon nach wenigen Jahren meiner ärztlichen Thätigkeit einen interessanten Wirkungskreis gewähren sollte ; ferner einer Schwester der Letzteren , Gräsin Louise , in hohem Grade anziehend , durch den idealen Ausdruck einer schönen Seele , sie war damals noch unverheirathet , später Gemahlin des Staatsministers Cay von Reventlow , und endlich dem bekannten Kapellmeister Schulze , bestand . Da die Reise einige Tage dauerte , so hatte ich das Glück , auch den übrigen Personen der Gesellschaft bekannter zu werden , und , durch meine schwäbische Unbefangenheit wahrschein - lich , mir ihre Gunst zu erwerben , so daß ich sogar am Ende der
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