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Religion unserer Vorfahren bedeutsamen Elemente zuerkennen . Als ein seltener Glücksfall aber ist es zu begrüssen , wenn an einem und demselben Orte zwei Volkserzählungen neben einander sich finden , welche — ich möchte sagen entwickelungsgeschichtlich — die morphosen beleuchten , die eine alte Mythe im Laufe der Jahrhunderte erlitten hat .
Südöstlich von Breslau am linken Oderufer unweit des Dörfchens Kottwitz liegt im Forste verborgen der „ Jungfernsee " , ein wegen seiner landschaftlichen Schönheit von den Breslauern viel besuchter Ausflugsort . Einst , so geht die Sage , in einer ganz fernen Zeit , als noch der weite Wald und die Wiesen ringsum dem Sandstift in Breslau gehörten , stand an dem Damme , der jetzt zur Oberförsterei führt , eine Kapelle , deren Glockenklänge die Gläubigen oft zu frommem Gebete luden . Da waren nun auch drei schöne Jungfrauen , die nicht gern zur Kirche gingen und Spiel und Tanz dem Worte Gottes zogen . Als nun an einem Sonntage die Glocken wieder zur Andacht riefen , schmückten und putzten sie sich , als ob sie zur Kirche gehen wollten ; sie wanderten aber nur abseits in den Wald und als sie einen freien Platz fanden , fingen sie an zu tanzen . Doch dem Frevel folgte die Strafe auf dem Fusse : ein Blitzstrahl fuhr vom heiteren Himmel hernieder , die Waldwiese barst krachend einander , und der Abgrund verschlang die Jungfrauen . Wasserfluten drangen hervor und füllten die Tiefe zum Teiche . Noch heute steht gerade in der Mitte des Sees , dort , wo die Unseligen hinabgefahren sind , ein grosses Schilfbüschel ; wem es gelingt , dasselbe mit der Wurzel herauszureissen , der wird die armen Seelen aus der Hölle erlösen . ' ) .
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' ) Die Sage ist , abgesehen von einer vor Jahren erschienenen Notiz einer Breslauer Zeitung , bisher nicht veröffentlicht . Im vorigen Jahre hat A . Kirchner in den „ Monatsblättern " ( 20 . Jahrg . No . 4 ) die Erzählung poetisch behandelt , wobei aber ihre ursprüngliche Färbung

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