Full text: Revision der Streitsache des Herrn Hauptpastor Sturm mit dem Herrn Hauptpastor Goeze in Hamburg, oder Prüfung und Entscheidung der Frage: ist die Gewohnheit, Missethäter durch Prediger zur Vollziehung ihrer Todesstrafe begleiten zu lassen, nützlich oder schädlich? Nebst einer gelegentlichen Anfrage über die vernünftige und moralische Freyheit der Menschen

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Gegenwart und ungehinderte Wirksamkeit einer deutlichen und vernünftigen Vorfiel« üingSkraft eigentlich dasjenige , waS den Unterschied des Vernünftigen von dem Verrückte» zunächst verursacht und ausmacht ; folglich ist klar , daß die Vorstellungskraft bey dem Menschen . eine selbstchätige Kraft , und also auch eine selbsttbätig mitwirkende Ursache seiner Handlungen seyn muß . — Sollte es deuu also nicht richtig geschlossen seyn> wenn Ich folgende Sätze hieraus ableite ? — Der Verrückte haudelr nicht ftey , weit und in so fern seine selbstchätige und vernünftige Vorstellungskraft durch die Uebermacht ihr entgegenwirkender Kräfte ausser Thätigkeit gesetzt ist . Nun ist aber der Vernünftige das Gegentheil von dem Verrückten . Folglich handelt der Vernünftige ftey , weil und in so fern selbstlhätigeuttdveruünftigeVorstelluugS ? raft bey ihm wirksam und geschäftig ist . Zwar wird die Vorstelluugskraft auch bey dem Vernünftigen durch das Verhaltuiß , in welchem sie mit andern physischen und Moralische» Kräften steht , mannigfaltig modificirt , und in so fern ist sie freylich von ihnen abhängig ; aber deswegen kann sie doch , so lange der Mensch ein vernünftiger Mensch bleibt , nimmermehr aufhören , eiue selbstchätige Kraft zu seyn ; denn sonst müßte notwendig , wie aus dem vorhergehende» klar ist , zwischen dem Vernünftigen uud Verrückten aller Unterschied wegfallen . — Deutliche und vernünftige Vorstellungskraft ist bey dem vernünftigen Menschen die Regentin der Maschine . Sie kann zwar allerdings auch aufAntrieb fremder Kräfte und fremder Eindrücke wirken ; aber wenn sie wirkt und so lange sie wirkt , so wirkt sie doch unläugbar auch jedesmahl selbstthätig ; und tu so fern sie selbstthätig wirkt ; in so fern wirkt sie auch frey und von'ftemden Kräften unabhängig . Denn bey ihren Vorstellungen und Willensbestimmungen muß sie sich zwar allerdings nach dem Stoff richten , der dazu vorralhigifi ; so wie sich der Werkmeisternach der Beschaffenheit seiner zu verarbeitenden Materialien richten muß ; aber der Stoff - zu ihren Vorstellungen und Willensbestimmungeu ist doch unläugbar ihrer Selbsttätigkeit uutergeorduet , so wie die Materialien ihrem Werkmeister untergeordnet sind . — Man sage also nicht : „ Die Vorstelluugskraft ist bey dem Meuscheu ebeu das , was die Feder in der Uhr ist ; so wie die Uhrfeder nuralsdeuu erst wirkt , wenn sie aufgespannt ist , und so wie man dann auch sag ? » kann , daß sie gewissermaassen selbstthätig wirkt ; so verhält es sich auch mit der Vorstelluugskraft der Menschen . Sie wirkt nur alsdeuu erst , wenn sie durch andere Kräfte gleichsam aufgespannt ist . " Gut ; — aber mich düukr , dieß ist blosse sehr einseitige Aehnlichkeit ; keinesweges aber völlige Gleichheit . Deuu die Uhrfeder ist bloß eine blinde Kraft , die nicht nach eigenen Vorstellungen , nicht nach deutlichen Begriffe» tvirkt ; oder vielmehr , sie ist ein blosses Instrument , das der Werkmeister zu einem bestimmten Endzwecke anwendet . Ganz anders aber verhält es sich mit der vennmftigen Vorstelluugskraft des Meuscheu . Sie ist selbst , sozusagen , Werkmeister , und zwar selbstthatiger Werkmeister , da'S . heißt , ein solcher , der den vorhandenen Stoff zu Unser» Vorstellungen und WillenSbe , slimmuugeu selbst verarbeitet und anwendet , und also nicht blindlings , wie die Uhrfeder , sondern nach eigenen Vorstellungen und nach deutlichen Begriffen wirkt . Sollte denn nun das nicht wirklich einen grossen und sehr wesentliche» Uuterschied zwischen selbstthatiger und vernünftiger Vorstelluugskraft und zwischen einer aufgespannten Uhrfeder ausmachen ? — Meinem Bedünken nach handelt der Mensch also ftey , in so fern er nach selbstthätiger und vernünftiger Vorstellungskraft handelt ; und ungehindertes MitwirkungsvermSgen . seiner seldftthätigen und vernünftigen Vorstellungskraft macht das Wesen und den Umfang seiner vernünftigen und moralischen Freyheit aus . Kann man also diese» dem Menschen nicht absprechen , sokann man auch seine Freyheit ihm nicht absprechen , Hahs ich Recht , oder Unrecht ? ' - 7 - ■ ■ 7 , - V
	        

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