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Abend , den ich ihm nach sechsjähriger Trennung widmen konnte , in seiner Gesellschaft zu verbringen . Aber es sollte anders kommen . Nietzsche war nicht zu Hause , wohl aber der im selben Hause wohnende Professor Overbeck . Ich begrüßte ihn , er empfing mich freundlichst und nötigte mich zu bleiben ; Nietzsche sei bei Burck - Hardt und könne jeden Augenblick zurückkommen . Ein frugales Abendbrot , bestehend aus Tee und Butterbrot , wurde aufgetragen , und ich mußte teilnehmen . Es war herzlich gut gemeint , aber im stillen sehnte ich mich nach einem substantielleren Diner im Hotel . Eine Stunde nach der andern verging : endlich , nach 11 Uhr , er - schien Nietzsche . Er war in höchst animierter Stimmung , erzählte von seinem Gastmahl bei Burckhardt und wie sie nicht versäumt hatten , von dem getrunkenen Weine eine Spende für die Götter auszugießen . Alsbald entschloß er sich , mich in mein Hotel zu bringen , aber ein Wiedersehen nach sechsjähriger Trennung war nicht so kurz zu fassen . Unter mancherlei Gesprächen gingen wir bis 2 Uhr nachts von einem Ende der Stadt zum andern auf und ab . Nietzsche erläuterte mir die intermontane Lage des Kan - tons Basel , wie er es nannte , und belustigte sich darüber , daß ich keine Ahnung hatte , in welchem Teile der Stadt wir uns jedes - mal befanden . Er erschien an jenem Abend lebendiger , feuriger , übermütiger , als ich ihn je gesehen . Immer wieder kam er darauf zurück , daß ich nach Marburg telegraphieren solle , um noch für einen Tag länger Urlaub zu erhalten . Jetzt wird es mir schwer zu begreifen , daß ich auf diesen Wunsch nicht einging . Aber die Ansichten des jungen , so früh in die Fesseln des Gymnasial - lehrerdienstes eingeschmiedeten , weltunkundigen Gelehrten waren zu eng , um eine solche Extravaganz zu wagen . Mit Schmerzen nahm ich um 2 Uhr nachts vor meinem Hotel von dem Freunde Abschied , und in trauriger Stimmung dampfte ich am andern Morgen an den blauen Bergen des Schwarzwaldes vorüber auf Marburg zu . Ich hatte zwar keinen Schaden gehabt , meine Reise war mir reichlich vergütet worden , aber die Hoffnung auf Ver - änderung meiner Lebenslage war in die Ferne gerückt , wer weiß , ob sie sich nun überhaupt verwirklichen werde . Bis zu den nächsten Sommerferien , wo ich mich der Verabredung gemäß wieder bei den Russen einfinden sollte , war noch fast ein Jahr zu

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