Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-13514

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180 V . Diests hat einen Schaum erwecket , woraus die Göttinn Benus gebogen worden . Die Kinder des Saturnus nnd der Rhea sind Vesta , Ceres , Juno , Pluto , Neptunus , Jupiter gewesen , 453 B . Dieses habe ich aus des Hesiodus Gedichte gezogen . Es hat andre schreiber gegeben , ( siehe Cicer . de Nat . Deor . Lib . III . cap . XVII . ) che gesaget , daß Aether und der Tag , die Kinder desErebus und der Nacht , der Vater und die Mutter des Himmels gewesen ; und zu Brü - dern und Schwestern die Liebe , den Betrug , die Furcht , die Arbeit , den Neid , das Verhangniß , das Alter , den Tod , die Finsterniß . das Elend , die Träume , u . s . w . gehabt . Wir haben oben in dem Artikel Rarnea - des gesehen , wie sich Karneades dieses Geschlechtregisters bedienet hat , die Theologie der Stoiker zu widerlegen , Hier wollen wir nur sagen , daß nach diesem Stammbaume nothwendig ein oder der andre Gott wesen , der keinen Gott zum Vater gehabt ; denn wenn man eines theils dem Karneades zugestanden hätte , daß der Himmel , Aether , der Tag , Erebus , und die Nacht Götter gewesen : so hätte man ihm andern Theils geleugnet , daß das Chaos , welches allen diesen gottlichen Wesen gen , Gott gewesen ; und folglich ist man gezwungen gewesen , zu sagen , daß die Gotter von einer Materie gemacht gewesen , die nicht Gott war , und ohne eine wirkende Ursache , welche die Natur Gottes hatte . Dieß ist ein Gedanke , der die allergründlichste» und ailerdeutlichsten Begriffe des natürlichen Lichts angreift ; gleichwohl hat es große Philosophen ge - geben , weiche die Zeugung der Götter vorausgesehet , und ihnen ein sen zum Anfange gegeben haben , das nicht Gott war . Anaximenes onmes rerum caufas infinito a'eri dedit , nec deos negauit aut tacuit : non tarnen ab ipfis aerem fadtiim , fed ipsos ex aere ortos credidit . Auguftin . de Ciuit . Dei , Lib . VIII . cap . II . p . m . 711 . Man sehe den Artikel Diogenes von Apollonien . A116 diesen Worten des H . Augustins kann man die Lehre des Anaximenes besser verstehen , als aus diesen Worten Cicerons : Anaximenes aera denrn ftatuit , eumque gigni , efleque immenfuni et infinitum , et feniper in motu . Cicero , de Natura Deomm , Lib . L cap . X . Es ist keine Wahrscheinlichkeit , daß Cicero die Meynung dieses Philosophen wohl angeführet hat : denn weil Anaximenes der Luft die Natur des Ursprungs aller Dinge , die Uner - mäßlichkeit und Unendlichkeit gegeben hat ; so muß man glauben , daß et sie als ewig und »»erschaffen voraus gesetzet , nnd daß , wenn er Gott un - ter diesem Begriffe genennet , er in diesem Stücke die Zeugung Gottes nicht geglaubet hat . Wenn er also gesagt , daß die unendliche Luft die Ursache aller Wesen sey , und daß die 'Götter selbst von derselben hervor - gebracht wären : so hat er ihr den Namen und die Natur Gottes , nicht in eben demselben Sinne zugeeignet , den er den Göttern beylegte , die ih - ren Ursprung und ihrDaseyn , der Lust schuldig waren . Vielleicht ist dieß sein Gedanke gewesen . Er hat wohl um allen Wortstreit zu ver - meiden , die unermäßlicl ) e nnd unendliche Luft Gott nennen wollen ; die er als den Ursprung aller Dinge ansah ; allein er hat nicht gewollt , daß Saturnus , Rhea , Jupiter , Juno , Neptunus , Minerva , und die andern Götter , die man in dem Heidenthume angebethet , die Luft waren , oder dieselbe hervorgebracht hätten ; hingegen hat er gewollt , daß diese Luft ihr Ursprung nicht weniger , als aller andrer Wesen sey , daraus das ganze Weltgebäude zusammen gesetzet ist . Er har diesem Ursprünge eine be - ständige Bewegung gegeben , und daraus kann man schließen , daß er sie für eine selbständige Ursache gehalten , die in sich selbst unzählige Wirkungen ohne Ende und ohne Aufkören hervorgebracht hat ; und er hat unter diese Wirkungen , nicht allein die Sterne nnd die Lufterfclximingcn , die Pflanzen , die Steine und Metalle , sondern auch die Götter und die Menschen gerechnet . Eme solche Lehre war im Grunde der Spinosis - mns ; denn nach derselben war der Gott , oder das ewige und »othwen - dige Wesen des Anaximenes , die einziae Substanz , davon der Himmel , und die Erde , die Thiere , u . s . w . nur Modifikationen waren . Vielleicht hat Thales eine gleichmäßige Meynung gehabt , welcher qelehret , daß das Wasser der erste Ursprung aller Dinge sey Diog . Laert . Lib I . num . 27 . Er harte es vielleicht in dieser Absicht Gott genenncc ; dieses war der Gott , von dem er reden wollen , wenn er gesägt , daß Gott , in so fem er nicht erschaffen wäre , das allerälteste von allen Wesen sey . v . ficßv -
Ttrrov cvroiv , 3eo' { , aytWo» yu ? . x»AA<«v , xöcno< . ncitißa y & ? äfS . Antiquiffimum eorum omnium quae funt , Dens ; ingenitus enini . Pulcherrinnim , inundus ; a Deo enini faöus eft . Diog . Laert . Lib . I . mim . z5 . Er hat dazu gesetzt , daß die Welt , als das Werk Gottes , das allerschönste von allen Wesen sey . Siehe die vorhergehende Anführung . Spinosa würde eben so viel zngeben ; er leugnet nicht , daß nicht Gott die Ursache aller Dinge wäre , das heißt , die caufa immanens , die sich auf unendliche Arten modifieiret , »voraus alles das entspringt , was man Welt , oder das ganze Weltgebäude nennet . Wenn Thales auch gesagt , daß die Welt belebt und voller Geist ist , ( t«v koVi«v s / / ^vxn xai vuv xAnimatum inundum ac daemonibus plenuni . Diog . Laert . Libr . I . num . 27 . S . auch den Aristoteles , de Anima , Libr . I . cap . V . ) so hat dieses vielleicht bedeutet , daß das Wasser , der Ursprung aller Dm - ge , der unerschaffene Gott , sich dergestalt mvdifieirt , daß es eine allen Körpern mitgetheilte Seele und absonderliche Geister gebildet hat . die den Göttern ähnlich gewesen , welche man in demHeidenthume anbethtte . Dieses würde dasjenige begreifen helfen , was man in der Anmerkung ( D ) zu dem Artikel Anaxagoras gesetzet hat , nnd welches gewiß sehr er - stauulich ist : daß nämlich thales und die andern Naturkündiger , die vor dem Anaxagoras hergegangen , die Zeugung der Welt , ohne daß sie die göttliche Weisheit etwas dabey thun lassen , erklärt haben . ThaleS und Anaximenes haben sie nicht dabey anwenden wollen , da sie vorausge - setzt : der eine , daß das Wasser , der andre , daß die Lnft der erste Anfang aller Dinge , der ewige und unerschaffene Ursprung sey ; denn ob sie gleich , alle Wortzänkereyen zu vermeiden . diesen allgemeinen und uner - schaffenen Ursprung Gott nennten , so haben sie doch dmselben als keine verständige Ursache ansehen können , die eher bestanden , als die liche» Wesen , die sie gebildet hat : weil sie dieselben in sich selbst . ^ und aus sich selbst , als eine selbstständige Ursache , und nicht , als eine liche und von seiner Materie unterschiedene Ursache , hervorgebracht har . Weil aber Anaxagoras der erste gewesen , ( Siehe eben dieselbe An , »er - kung . ) welcher einen von der Materie der Welt unterschiedenen Geist , einen reinen , und mit den Körpern unvermischten Geist erkannt har ; so hat er anders urtheilen müssen . als die Naturkündiger , seine Vor - gänger , aethan hatten : er hat sagen können , wenn er bündig geschlossen , daß die Welt nach der Aufsicht eines Geistes gebildet worden , der die Materie aus einander gewickelt und geordnet hat . Sein Lehrgebäude hat einen Verstand zugegeben , der vor der Bildung der Welt hergieng :
die andern Lehrgebäude haben vor der Welt nichts hergehen lassen , als das Chaos , oder das Wasser , oder die Luft , u . d . m . und also haben sie den verständlichen Naturen nicht weniger einen Anfang geben müssen , als den allergröbsten . Alles war aus dem ersten Anfange vermittelst der Zeugung oder der Hervorbringung entsprossen . Jupiter der größte von den Göttern , Saturnus sein Vater , der Himmel sein Großvater , der Aether sein Aeltervater , und alles , was man in aufsteigender Linie mehr nennen kann , war ein absonderliches Wesen , welches seinen Ur - sprung , sein ? Geburt , sein Daseyn , dem ewigen und unerschaffenen Ur - sprunge aller Dinge , dem Chaos nach dem Hesiodus , dem Wasser nach Thales , der Lust nach dem Anaximenes zu verdanken hatte . Allein , wird man sagen , hat Thales nicht bekannt , daß die Götter auch so gac die Gedanken der Menschen gewußt ? äülev « a»'9o< äeSt
O« «SiKÜv . 'A * a' Jii Simowivof ttpif . Interrogatus : lateretne Deos homo male agens : ne cogitans quidem , inquit . Diog . Laert . L . I . num . 36 . Was thut dieses ? werde ich antworten : man kann nur daraus schließen , daß er einigen von dem Wasser erzeugten Wesen , die man Jupiter , Juno , Venus , Neptunus , u . s . w . genennt , eine sehr weit - läuftige Erkenntniß gegeben hat . Man merke , daß Homer , der von der Macht der Götter so prächtig redet , sie alle vom Ocean gebohren wer - den läßt .
'sittavSv ts QtSv y ( - jterj * 3 ]
Oceanumque Deomm parentem et matrem Tethyn .
Homer Iliad . Libr . XIV , v . 201 . Die große und erstaunliche Abgeschmacktheit dieser Lehrsatze ist , zu sagen» daß die mit einer großen Wissenschaft gezierten Götter , von einem Ur - sprunge gebildet worden , der nichts erkannt hat : denn weder das Chaos , noch die Lnft , »och das Meer sind denkende Wesen . Wie haben sie also die gänzliche Ursache dieser göttlichen Naturen seyn können , die In dem Lehrgebäude der Poeten , nnd alten Naturkundiger so viele Din - ge gewußt haben ? Allein , so falsch und unvernünftig auch diese Lehrsähe seyn könne» , so verwundere ich mich doch nicht mehr so sehr darüber , als ich gethan habe , daß sie bey den Philosophen haben Eingang finden kön - neu . Die meisten unter iyuen habe» vorausgesetzt , daß die Seele des Mensche» körperlich sey . Siehe de» Plutarch , de Placitis PhiJofophor . Libr . IV . cap . III . p . 898 . und Ariftot . Libr . I . de Anima . Sie ben also geglaubet , daß sie sich von den subtilsten Theilchen des Blutes , oder des Samens bilde . So bald man nur diesen Schritt gethan hat , so geht man in kurzer Zeit sehr weit . Man setze die Erfahrung bey Sei - te : man ziehe nur die theoretischen Begriffe zu Rache , so wird eö nicht viel leichter scheinen , daß eine in der Mutter empfangene Materie sich in ein Kiyd verwandelt , welches durch vieles Essen und Trinken ein sehr scharfsinniger Mensch wird , als daß ein Kind von einem Baume geboh - ren wird . Deswegen hält eS ein Heide für möglich , daß im Anfange die Menschen entweder von dem Leime der Erde , oder von einem , vom Himmel gefallenen Safte gebohren worden . Siehe oben die Anmer - küng ( B ) bey dem Artikel Archelaus , der Philosoph . So bald dieses möglich zu sevn scheint , so glaubet man gar leicht , was die Poeten von der Geburt der Venus geschwatzt haben . Man sehe oben die Anmerkung ( C ) des Artikels , Diogenes von Apollonien . Man wundert sich nicht , daß durch die Gähruna , welche das Chaos auseinander gewickelt , oder gewisse Grade der Verdünnung und Verdickung in dem « „ endlich ? » Räume gebildet hat , die Sterne an dem Firmament ? , und die Götter in dem Himmel zu entstehen angefangen haben , wie die Pflanzen und die Tbier ? auf der Erdkugel . Die gemeine Meynung der Heiden von der göttlichen Natur , har keine» Unterschied , weder qroßm , noch kleinen , zwischen den Göttern und Menschen gesetzt . Nun kann man die - sein zu Folge sich ohne alle Hinderniß einbilden , daß die Theile der Ma - terie , die sich auf das Feinste v ? rdünn ? t hatten , die Götter zusammen ge - setzet hätten , weil diejeniqen , die dicht und grob geblieben waren , welche als die Häfen und der Bodensatz des ganzen , woraus die Erde besteht , gleichwohl Mensen gebildet hätten . Man merke , daß man sich einge - bildet , es sey zur Belebung dieser groben und indischen Theile zureichend gewesen , daß einige geistige Theile vom Himmel gefallen ; und daher kömmt es . daß Lurrez an den lebendigen Körpern einen himmlischen Ur - sprung erkannt hat .
Denique coelefti fiimus omnes femine oriundi :
Omnibus ille idem Pater eft , vnde alma liquenteis Humorum guttas Mater cum Terra recepit ,
Foeta parit nitidas fruges , arbuftaque laeta ,
Et genus humanuni , et parit oinriia faecla feraram ,
Pabula cum praebet , quibus omnes corpora pafcunt ,
Et dulcem ducunt vitam , prolemque propagant .
Quapropter merito Maternum nomen adepta'ft .
Lucret . Libr . II . v . 990 .
Man füge diese Worte Virgils , Georg . Libr . IL v . 325 darzu ; Tum pater omnipotens foecundis imbribus Aether Coniugis in gremium iaetae defcendit , et omnes Magnus atit magno comniifttis corpore foetus .
Wir wollen aus allem liefen schließen , daß nichts gefährlicher« , noch ansteckenders ist , als die Einführung eines falschen Grundsatzes . Dieß ist ein böser Sauerteig , welcher , so klein er auch ist , den ganzen Teig ver - derben kann . Eine einmal gesetzte Abgeschmacktheit zieht viel andre nach sich . Man irre nur wegen der Natur der menschlichen Seele : man bilde sich ein , daß sie keine von dem Umfange unterschiedene Sub - stanz sey ; diese Falschheit wird vermögend seyn , glaubend zu machen , daß es Götter gegeben hat , die im Anfange durch die Gährung gebohren wor - den . und die sich nach der Zeit durch Heirathe» vermehrt Hab ? » Ich kann nicht beschließen , ohne daß ich eine Sache beobachte , die mich in Er - starmcu gesetzt hat . Nichts scheint mir auf deutlichere und klärere Be - griffe gegründet zu seyn . als das unmaterialische Wesen alles desjenigen , was denket ; und qleichwohl giebt es unter den Christen Philosophen , welche behaupten , daß eine ausgedehnte Substanz vermögend ist . zu ken : ( man sel>e die Anmerkung ( L ) bey dem Artikel D>«archu« , de« Aristoteles Schüler , ) und dieses sind Philosophen von einem sehr großen Verstand ? und von einem sehr tiefe» Nachdenken . Kami man sich hierauf auf die Klarheit der Begriffe verlassen ? Allein haben diese Phi - losophen außerdem nicht gesehen , daß sich die alten Heiden nach einem jölchen Grunde so weit vergehen können , daß sie gesagt , es haben alle
verstände

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