Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4776

80 Caßius .
Schutzgeister die gerechte Sache vertheidigen , wie Caßiu« voraus setzet ?
Allein da man auf gleiche Art die bösen Dienste der Geister zu fürchten und ihre guten Dienste zu hoffen hat ; ist dieses da nicht eben so viel , als wenn gar keine wären ? Ich antworte , daß , wenn man bloß dem natürlichen Lichte folget , man geneigter ist , sich vorzustellen , daß die Schutzgeister gut« thatig sind , als sich vorzustellen , daß sie boshaft sind ; und also konnte das Herz des Brutus leichter durch die Betrachtungen deö Caßius , als durch die Rede des Gespenstes gerührt worden seyn .
( L ) Jd> werde die Redensarten 0er Religion untersuchen , die er , wie man vorgiebr , angewendet haben soll , wenn er seine daten anqereder bat . Z Da Brutus und Caßius ihr Kriegsheer nahe bey dem Meerbusen Menas , in Thracien , gemustert , so haben sie die Ge - wohnheit nicht vergessen , eine Rede an dasselbe zu halten : CaßiuS , als der älteste , hat das Wort geführt , und feine Sache so wohl gemacht , daß alle Soldaten ausgerufen : XDit wollen rnarschiren , führet uns hin , wohin ihr woller . Voller Vergnügen über dieser Ausrufung , hat er wieder angefangen , sie anzureden und mit diesem Wunsche angehoben : die Gotter , welche für die mit Gerechtigkeit unternommenen Kriege , Sor - ge tragen , geben , daß ihr die Belohnung eurer Treue erhaltet ! & io )
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vjrf Tfo5w / Lt / « { «nelßonra . Dii quibus iufta bella curae funt pro hac fide vobis , commilitones , faxint bene . Appian . Libr . IV . Bdl . Ciuil . pag . 646 . Nach diesem hat er ihnen den Zustand vorgestellt , in welchen ihre Heerführer die Sachen nach den allerklügsten Regeln gefetzt , welche die Kriegskunst darbiethet : Sehet , hat er fortgefahren , die ten , welche die menschliche Klugheit besorgen kann ; das übrige kömmt
auf eure Tapferkeit und auf den göttlichen Seegen an . t« H
korie ievi / iryov itirccjTycw ; xaqit tc iji & v yg ] infu rfiv eefiv . Reliqua et a veftra virtute et a Diis propitiis expedfanda funt . Ebendas . 647 S - Wir wollen euch alles bezahlen , was euch versprochen worden ; und wie wir eurer Treue bereits Belohnungen zugedacht haben , so werden wir unter dem Beystande der Götter Kar * ©es» , Dii» volentibus ,
( ebendas . ) nicht ermangeln , euch da« große Werk des Sieges nach Wür - den zu vergelten . Geht ein Mann , der auf diese Art redet , nicht von der Secte EpikurS ab ? Muß man nicht sagen , daß Caßius in Absicht auf diese entscheidende Schlacht , daraufsein ganzes Glücke beruhet , zu eben denselben Göttern Zuflucht genommen , deren Vorsehung zu leugnen man ihn gelehrt hatte ? Ist er nicht einer von denen gewesen , die bev gefährlichen Umständen alle Grundsätze der Gotteeleugnung vergesien ? Ich antworte zweyerley : zum ersten , daß es ungewiß ist , 00 seine Rede in den Büchern AppianS vollständig so eingeschaltet worden , wie er sie hergesagt . Die Geschichrschreiber haben sich über dergleichen Reden die Herrschaft genommen ; sie haben dieselben nach ihrer Phantasie eingeklei - dct , und von ihrem Gewächse alles dazu gethan , was sie für nöthig ge« halten . Meine andere Antwort ist ; daß CaßiuS , ob er gleich mehr als jemals von der Lehre EpikurS überzeugt gewesen , nichts destoweniger eine solche Rede Hat halten können , wie sie der Geschichtschreiber anführet . Er hat gewußt , daß dergleichen Ausdrücke den Soldaten sehr angenehm waren . Er fand darinnen einen großen Bewegungsgrund zur Hoff - nung ; er mußte sich also denselben zu Nutze machen . Ein geschickter Feldherr richtet bey dergleichen Borfällen seine Sprache nicht nach seinen philosophischen Grundsätzen , sondern nach den Vorurcheilen seines Kriegs - Heers ein .
Caßlus Longinus ( Cajus ) ein großer Rechtsgelehrler unter der Regierung des Nero . Einige Kunstrichter ae - ben vor , daß ihn Pomponius \ mit dem Lucius Caßius Longinus vermengt hat , der eine Tochter des Germanicus gebeirachet hat ( A ) . Dieß wäre weniger zu verwundern , als die wenige Gleichheit , die sich in den Schriftstellern , die zu gleicher Zeit gele - het haben , wegen der Strafe findet , damit Nero unfern Rechtsgelehrten beleget hat ( Ii ) . Einige sagen , er habe ihn ins Elend geschickt , andre , er habe ihn hinrichten lassen . Die Ausleger sind sehr nachlaßig gewesen , diese Verwirrungen auö einander zu wickeln ( C ) . Diejenigen , welche vorgeben , daß des Germanicus Schwiegersohn der Rechtsgelehrte gewesenb , haben , wie mich dünkt , keinen Grund ( D ) . Die Auslassung eines Wortes hat in der Historie des Chevreau eine große Lügen chet ( E ) . « ) de Origine Iuris 1 . 2 . § vlt . i ) Glandorp . Onomaft . pag . 204 . und 468 .
( A ) Einige Runstrichter aeben vor , daß ihn Pomponius , mit dem Lucius Caßius Longinus vermengt hat , der eine Tochter des Germanicus geheirathet hat . ] Ich will mich weder für , noch wider ihn in einen Streit einlassen . Man giebt vor , er habe auö zwo Personen eine gen , acht , indem er den Lucius Caßius Longinus , und den CajuS Caßius Longinus vermengt ; wovon jener im 78z Jahre Roms Consul , nach diesem mit des Germanicus Tochter , Drusilla 78 ; vermahlt , und endlich auf Befehl des Caligula ermordet worden ; der andre ist Statthalter in Syrien unter dem Kaiser Claudius gewesen , und unter dem Nero zur Verbannung verdammt worden . LipsiuS , welcher dem Pomponius dieserwegen nach dem Glandorp den Proeeß gemacht hat , ist seinerseits von dem Präsidenten Bertrand und dem Wilhelm Grotius getadelt worden . Man wird diese Sache bey einer andern Gelegenheit untersuchen können .
Jtzo begnüge ich mich nur folgendes zu beobachten : wenn es anders wahr lst , wieLipsius inTaciti Annales Libr . VI . c . XV . vorgiebt , daß dieser , der im785 Jahre Roms mit der Drusilla vermahlet worden , im Jahre 78z , Consul gewesen , so ist es etwas seltsames , daß TaeituS kein Wort davon ermähnt , wenn er uns bey Gelegenheit dieser Vermählunq saget : daß e« dieser Caßius Longinus gewesen , welchen Tiberius zum Bräutigam sei - ner an Kindes statt angenommenen Enkelinn erwählt gehabt ; und da er sich in eine ziemlich umständliche Beschreibung einläßt , uns zu ren . daß dieser Mensch zwar aus einer plebejischen , aber alten undwegen verwalterer Bedienungen bey der Republik geehrten Familie gewesen ; und daß dieser Caßius unter der strengen Zucht seines Vaters erzogen worden , und sich durch seine Gelehrigkeit in größeres Ansehen , als durch die Größe seines Geistes gebracht hat . Caflius plebei Romae genens , verum antiqui honoratique , et feuera patris dileiplina ediiaus , faci - litate faepius , quam induftria commendabatur . Tacit . Annal . Lib . VI . cap . XV . Kann es wohl eine so gezwungene Kürze geben , so übermäßig dieselbe auch seyn mag , die be» ) dergleichen Gelegenheit erlauben sollte , nicht dazu zu setzen , wenn man eS anders weis , daß ein Mann Consul gewesen , und wie er diesem Amte vorgestanden hat ? Also muß dieser Caßius entweder im 78z Jahre , nicht Consul gewesen seyn , oder TacituS , welches wenig wahrscheinlich ist , muß keine Wissenschaft davon gehabt haben Wenn Pomponius an der andern Seite geglaubt hat , daß sein CaßiuS Longinus im Jahr« 78z , Consul gewesen ; wie hat ihm eine Sa - che die viel rühmlicher ist , als das Consulat , unbekannt seyn können ? wie saa ? ick hat es ihm unbekannt seyn können , daß eben dieser Caßius , iwey ^ahre darauf , die Ehre gehabt , sich mir der - Enkelinn des Tiberius zu vermählen ? Man kann es nicht begreifen , daß er I'ch gen hätte , indem er dem Caiu« Caßius das Consi^lat de« Lucius Caßius gegeben , und nach diesem ihm doch nicht die Gemahlinn des LueiuS CaßiuS beyqeleget Hat . . _ , , , «
Wollte man endlich für dm LlpsiuS sagen : Sueton bemerke lich , daß Drusilla an den Lucius Caßius Longmuö . eine consularische son , vermählt worden ; so antworte ich , Sueton saget nur , daß Call - aula seine Schwester Drusilla dem Caßius , ihrem Gemahle , einer com sularischen Person , genommen habe . Allein diese zwey Dinge sind sehr unterschieden . Es sind von der Vermählung der Drusilla bis auf die Regierung des Caligula fünf Jahre . In dieser Zwischenzeit kann Lucius Caßius das Confular durch Vollmacht venvaltet haben , und auf diese Art kann der Drusilla Gemahl eonsularisch gewesen seyn , da man ihm seine Gemahlinn genommen ; ohne daß er es gewesen , da er sie qeheirathet har . Dergleichen Schlüssen aus falschen Gründen setzet man sich aus . wenn man nicht mir einer caßianische Scharfe alle Umstände der Stellen un - tersuchet , die man anführen will . Sueton in dem Caligula XXIV Cap . saget , Lucio Calfio Longino confulan collocatam ( DrufilUm ) abdu - xit ( Caligula ) . LipsiuS begnügt sich , ohne von des Caligula . nochvon dem abduxit zu reden . daß er den Sueton sagen läßt , Drufillam tam L . Calfio Longino Confulari : diese Worte , welche aus eine unbe - dingte An und als ein Beweis der besondem Mevnunq des Lipsiu« an -
geführet worden , haben kein»« natürlicher« Verstand , als diesen : silla ist an den Lucius Caßius üonqinus eine consularische son - vermählt v ? orden . CartesiuS hat sehr wohl gesaget , daß die aller - fruchtbarste Quelle unserer Jrrthümer in den philosophischen Materie» liegt , und daß wir vielmehr Dinge in unserm Urrheile einschließen , als unsere deutlichen Begriffe uns dieselben vorstellen , Man kann auch sa - gen , daß nichts mehr Unwahrheiten in den Schriften der Kunstrichter aus - streuet , als die Frepheit , die man sich nimmt , die Zeugnisse , auf welche man sich gründen will , weiter auszudehnen , als es seyn sollte .
( B ) Ks ist rvenige Gleichheit in den Schriftstellern , die ; u glei - cher 3eit gelebet haben , wegen der Strafe , damit Nero'un - fern Rechtsgelehrten beleger Hat . ] Das Ansehen , in welchem un - ser Cajus Caßius Longinus gelebt hat , scheint nicht erlauben zu können , daß man auf zwo ganz entgegen gesetzte Manieren das Bezeigen des Nero gegen ihn erzählet hat . Einige sagen , daß er ihn hinrichten lassen , andre , daß er ihn nach Sardinien ins Elend geschickt habe . Dieß sind zwo widersprechende Meynungen ; es heißt , Nero hat ihn hinrichten las - sen , und hat ihn nicht hinrichren lassen . Wie ist es zugegangen , daß man hiervon , vermöge desjenigen , was Schriftsteller , die " fast zu gleicher Zeit gelebt , davon gesagt haben , bald Ja bald Nein saget ? Es wäre eben so wunderlich , wenn man itzo vorzugeben anfinge , eSwäre Barneveld uur zur Verbannung verurtheilet , und Fouquet mit der Todesstrafe belegt worden . Allein man mag hier Ursache haben , sich zu verwundern , oder nicht , so ist doch so viel gewiß , daß viele geschickte Personen , die sich auf die Zeugnisse Suetons und JuvenalS gründen , behaupten : es habeNero den Cajus Caßius hinrichten lassen ; hingegen viele Gelehrte , die sich auf das Ansehen des Tacitus und des Pomponius verlasen , auf die drücklichste Art von der Welt versichern , daß er nur ins Elend ge - schickt worden .
Zuerst wollen wir diese letzten Zeugen hören . Time Confulto rams , sägetTaciruS im XVI B . IXCap . Caflio et Silano exsili a decernuntur - - - deportatvsqv E IN INSVLAM sardiniam Caffius , et Senatus ins exfpeöabant . Diese letzten Worte welche dem Lipsius eine unheilbare Wunde zu seyn geschienen " sind ganz einfältig durch den Präsidenren Bertrand und Wilhelm GrctiuS fast nach einerley Begriffe verbessert worden . Der erste liest nec Senatu» 111s exfpettabatur , t>er andre nec Senatus iufliis exfpeflabatur . Die Much - maßung des NicolauS HeinsiuS , welche dem Rijck Anirnadu . ad Tacit .
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afpeftabatur oder defpeclabatur . Man läßt«S hierbey bewenden , ohne uns das geringste zu sagen , wie eS ihm weirer ergangen ist ; allein wir wissen anders woher , daß er vom Vespasian wieder hergestellt worden , und im Frieden gestorben ist . Plurimum in ciuitate auöoritatis habuit , eo vfquedoneceum Caefar CIVITATE PELLERET ; PVLSVS AB EO IN SARDINIAM , reuocatus a Vefpafiano diem futim obiit . Pomponius , in Libr . II . de Orig . Iuris § . vlt . Wir wollen se - ^n . ob uns Sueton und Juvenal mit einer gleichen Klarheit sagen , daß ihn Nero hinrichten lafien . Nclchdem Sueton gesaget . daß Nero wegen der geringsten Ursachen jedermann nach seinem Gefallen hinrichren las - sen . ohne daß er dabey weder Maaß noch Unterschied gebraucht , so setzet er bey vier Personen das Verbrechen dazu , weswegen sie angeklagt wor« den . Sueton im Nero 37 Cap . Der Rechtsgelehrte Caßius Lonainu« , emer von diesen vieren , ist angeklagt worden , säget er , daß er in seinem Stammbaume das Bildniß des Caßius , eines von den Mördern Cäsars , gelassen hätte , quod in vetere gentili ftemmate C . Calfii pereuflbri» Cacfaris imagines retinuifTet . Dieß ist eben eine von den Hauptbe - schuldigungen , die man nach dem Tacitu« , wider diesen großen Mann angebracht hat : obie6tauit Caflio ( Ntrti ) quod inter imagines maiorum etiam C . Caflii ctfigiemcoluiflet , itainferiptara , dvci partivM -
Tacit

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