Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-13164

Judith . 919
Wilhelms des I dieses Namens , Prinzens von Oranien , betrifft ( C ) . Es hat jemand bemerket , daß man der Judith ein Lob von größerer Bedeutung giebt , wenn man versichert , daß die Verleumdung ( V ) sie niemals getroffen habe .
« ) Es ist betitelt : Fi & a Iuditha , zu Verona im 1614 Jahre , undausgesetzet durch Mirabilis deBonacafa , worinnen man beweist , I daß das Buch Judith apokryphisch ist ; II , daß der Judith That böse ist , und daß Rosjäus , Mariana , und andre Monarchenstürmer Unrecht haben , sich derselben zu bedienen . Dieser Mirabilis de Bonacafa , Hat mit seinem wahrhaften Namen Eberhard von rpeihe aeheißen , und ist Kanzler des Prinzens Julius , Herzogs von Braunschweig , gewesen . Siehe Placcius de Pfeudonymis , p . 166 .
( A ) <£s ist ein andächtiger Romans Dom Bernhard von Mont - faucon versichert in der Vorrede , von der Wahrheit der Historie der Ju - dith , zu Paris , 1690 , in 12 , ( die andere Ausgabe ist von >592 , ) daß die Protestanten , um sich von allen Schwierigkeiten loszuwickeln , gesaget haben : es sey dieses Buch nichts , als ein Gedicht oder Gleichniß , und daß einige unter ihnen versichert haben , es sey eine Tragödie . Nach mei - nem Bedünken , bekümmern sich die Protestanten wenig , diese Schwie - rigkeiten zu heben ; denn es ist ihnen daran gelegen , daß sie bestehen , und daß sie sich noch auf eine viel verwintere Art vermehren . Sie bezeu - gen hierdurch , daß sie Recht gehabt , diese Werke zu verwerfen , und daß die römische Kirche dasjenige für ein canonisches Buch annimmt , weiches es nicht ist . Ich glaube also , daß , als dieser Schriftsteller dieses gesaget hat , er nicht an das Lehrgebäude der Protestanten gedacht habe : er hat sich dieselben vorgestellet , als wenn ihnen nicht weniger , als den Katholiken , daran gelegen wäre , die Ehre des heiligen Geistes in diesem Werke zu be - haupten . Wenn man sich nicht durch die Vergleichung einer Sache mit den historischen Wahrheiten retten kann , so nimmt man Zuflucht zu An - spielungen , zu Gleichnissen , zum mystischen Verstände , u . s . w . Dieses würden die Protestanten thun , wenn sie glaubten , daß die Historie der Judith , von Gott eingegeben worden ; wie sie aber dieses nicht glauben , so liegt ihnen wenig daran , zu sagen , daß es ein Gleichniß sey .
( B ) ( Ein gelehrter Benediktiner hat ein Buckgemacht , vre Schwierigkeiten xu beben , die man wider diese - Historie emwen - det . 1 Man kann seinen Namen und den Titel seines Werks , in der vorhergehenden Anmerkung sehen . Die Lehrart , der er gefolget ist , der Historie von der Judith den Rang zu erhalten , der ihr in der romischen Kirche gegeben wird , ist viel lehrreicher und erbaulicher , als diejenige , de - ren sich die römischen Religionsstreiter gemeiniglich bedienen . Diese thun gemeiniglich nichts anders , als daß sie die Einwürfe zurück schieben . Sie bemühen sich , zu beweisen , daß die Vorwürfe der Protestanten , wi - der die apokryphischen Bücker , auch wider die canonischen Bücher ge - braucht werden können . Allein dieses übergeht Dom Bernhard von Montfaucon nur obenhin , und läßt sich gänzlich angelegen scyn , gerade zu zu antworten . Seine ganze Gegenbeichiildigung ist in diesen Worten enthalten : - Hat man nicht viele - Historien in der heil . Schrift , tvo man diese und «od , viel grostre Schwierigkeiten findet , ohne daß man deswegen jemals auf den Einfall gerathen wäre , leugnen , daß sie nicht nach dem buchstäblichen Verstände wahr waren i ? st die - Historie der Esther nicht voller Verwir , runqen und Schwierigkeiten , daraus man sich fast unmöglich wickeln kann< - Hat man wohl jemals mit Gewißheit sagen nen , rver der Ahasverus ist , von Sem in diesem Bücke geredet wird , und in welche Zeit diese - Historie geftyet werden soll 1 - Hat man nicht eben dieselbe Mühe , die Zeiten von den - Historien der Ruth , und des Unterganges von dem Stamme Benjamin , fest ; u siven , ohne daß man sich deswegen ; u sagen erkühnet , daß es nur parabolische und rathselhafte - Historien waren , p . - 8 ? . Ich weis nicht , ob er die Einwürfe des Rainoldus gelesen hat , welcher unter allen protestantischen Seribenttn , die Streitfrage , von den apokryphischen Büchern , mit der meisten Stärke abgehandelt hat .
( C ) Zvieß erinnert mich einer Sacke , die den Meuchelmord Xvilhelms , - - - Prinzen« von Oranien , betrifft . ) Ich rede von dem Bösewichte , Balthasar Gerard , der ihn wirklich getodtet ; denn es hat noch andere Meuchelmörder gegeben , die ihn nur verwundet haben . Ob er gleich ein redlicher Ratbolik gewefen , so bat er sich doch listig , als ein Bettler verstellt . ( £c hat sich bey Ser predigt eingefunden . Er har den Abendgebethen beygewohnet . ' i£t hat beständig die Psalmen Marots , oder ein ander hugonot , lisches Buch in - Händen gehabt . Er hat auch die poetische XVo> che des Bartas gelesen , und man bat gefunden , daß die allerge - brauckteste Stelle die - Historie der ? ud , th war , wie sie dem - Ho - lofernes die Rehle abqeschnitten . Hift . d'Alexandre Farnefe Duc de Parme , Livr . III . p . 205 . - 692 gedruckt . Es ist kein Zweifel , daß das Beyspiel dieser Frau nicht viel Leute überreden könne , man begehe eine heil . That , wenn man sich , unter tausend Lügen , bey einem Pnn - zen einschleichet , welcher dieFreyheitund die Religion unterdruckt ; wenn man sich bey ihm einschleichet , sage ich , um ihm den Dolch durch die Brust zu stoßen , so bald man Gelegenheit dazu hat . Mit einem Worte , diese Historie , wenn sie einmal für canonisch angenommen wird , muntert die Meuchelmörder auf , alles wider das Leben der feindlichen Konige zu «n - ternehmen , und biethet den Rednern eine Krone der Ehren dar , um sie auf den Kopf eines Ravaillaeö und Clemens zu setzen . L^r ist eine Stelle Mrnmbnrgs , aus der Historie der Ligue , p . 358 . Die Ligmsten „ haben auch in ihren zu Lion und Paris gedruckten Schriften bekannt
. gemacht , eS hatte ein Engel dem Jacob Clemens gelager : daß ihnivie ' Märtyrerkrone bestimmt wäre , wenn er Frankreich vom Heinrich m - ''lesius befreyet haben würde , und daß , da er fein Gesicht einem gelehr - ten Mönche eröffnet , dieser es gebilliget , und ihn versichert hätte , daß " r durch die Verrichtung diese - Streichs Gott eben so angenehm s Y» ' würde , als es Judith gewesen , da sie den Holoserne - ermordet . Und sein Prior , NammS Pater Edme Bourgoing , angeklaget wor , " Zn daß er unter allen den Predigern der Ligue , der hitzigste gewesen ,
abscheulichen Königsmord seines Untergebenen am meisten zu " t intim er ihn auf öffentlicher Kanzel angeredet , und ein selige« einen h . Märtyrer Jesu Christ , gmennet , ^Kind seines p . verglichen ; so hat man nicht gezweifelt , daß „ und ihn mit d . 0 mnqe Mensch , der unter seiner Anfuhrung hierauf in se . nem verfluchen -
( D ) SiSSV« sich w K» » - - -
gr'ss - n Habe - ^I Der G^nle , d ^ da Lettres , vom
juge einer Lobrede , in den Nouveue» u
Christmonate 1684 , Art . VIII . p . 1041 . Der Abt , de laChambre , weh cher der seligen Königinn von Frankreich die Leichenrede gehalten , ( man hat dieses den 20 August 1695 geschrieben , ) hat seinen Text ans diesen N Worten des Buches Judith genommen . „ sie harte sich in allen Tun , „ gen sehr berühmt gemacht , famofiffima , weil sie den Herrn sehr „ gefürchtet , und niemand hat das geringste Bose von ihr au »saget . Vielleicht ist dieses das schönste Lob , das man jemals einer FrauenS - „ person gegeben hat : denn ob es gleich , trotz aller entsetzlichen Ungebunden - „ heit der Verleumdung , die seit so langer Zeit in der Welt herrschet , gleich - „ wohl Frauenspersone n giebt , die dieses unversöhnliche und unersättliche „ Ungeheuer nicht anrühret : so begegnet doch dieses Glück denen sehr sel - „ ten , die außer diesem einen sehr großen Namen haben ; und , wie der Text „ saget , famofiflimae sind : so daß man alle Griechen und Römer frisch „ herausfordern kann , uns eine Stelle in ihren Büchern zu zeigen , wo man „ in sehr wenigen Worten einen so hohen Begriff gicbt , als uns das Buch „ Judith in denen Worten giebt , die ich angeführer habe . DieGeschicklich» „ kelt , deren sich Homerus bedienet hat , seinem Leser einen großen Begriff „ von der Helena Schönheit begreiflich zu machen , ( siehe die Anmerkung „ ( A ) , des Artikels - Helena , ) ist doch sicherlich weit unter dem Natürli - „ che» und der Einfalt des jüdischen Schriftstellers zu setzen ; und dasje - „ mge , was das schönste in seiner Art zu loben ist , ist , daß er in seinem Lobe „ die wahre Ursache und Quelle der Tugend einschließt , die er beschrieben „ hat : Sie hat , saget er , einen großen Ruhm in allen Dingen ge - „ habt , und ist vor allen Arten der Verleumdung sicher gewesen ; „ weil sie von der Furcht gegen den - Herrn jehr eingenommen „ gewesen . Auf diesen glücklichen Ausdruck des Lobredners der Judith , „ hat der Abt , de la Lhamkre , die Leichenrede der Königinn gcbauet . , , Ausonins hat unter die Sprüche eines von den sieben Weisen aus Griechenland gesetzet , daß eine keusche Frau der Verleumdung Furcht machet :
Quae dos matronae pulcherrima ? Vita piidica .
Quae cafta eft ? de qua mentiri farna veretur .
Aufon . in Septem Sapientum Sententiis feptenis verflbus explicatis , p . m . 288 .
Er setzet voraus , daß BiaS auf zwo Fragen zu antworten gehabt . Die erste war , welche« der schönste Brautschay einer Frau s : yi ein keujches Leben , hat er geantwortet . Die andre war , welche Frau keusch fcyi Diejenige , wider welche der Ruf keine Unwahrheiten aus - zustreuen sich erkühnet , hat er geantwortet . Dieß sind allzustrenge geln , könnte man sagen ; denn sie verdammen alle Frauenspersonen , die den Stichen der Verleumdung auSgesetzet gewesen : und eS ist gleichwohl gewiß , daß auch sehr tugendhafte dieselben nicht haben vermeiden kön - nen . Man muß zugeben , daß dieser Grundsatz des Biaö nicht überall , und ohne Ausnahme , dienen kann ; allein gemeiniglich ist er ein Merk - maal einer vollkommen weisen Aufführung , so wohl in Ansehung des In - nerlichen , als des Aeußerlichen ; wenn man den Ruhm einer keuschen Frau , ohne jemandS Widersetzuug , und ohne den geringsten Widerspruch des GeruchtS besitzt . Magnus eft pudicitiae frudhis pudicam credi ; et aduerfus omnes illecebras atque omnia delinimenta muliebris in . genii , eft veluti folum ac firmamentum in niillam incidifie fabulam . Seneca , Controu . II . Lib . VII . p . m . 187 . Dieses hat der Redner Por - cius Lacro gesaaet , da er einen Ehmann vor Gerichte vertheidiget , der seine Ehfrau , EhbruchS wegen , angeklagt ; weil sie ein fremder reicher Kaufmann zur Erbinn eingefetzet , und die Ursache darzu angeführet te , daß er sie nicht hätte verführen können . Der Sachwalter hat daraus einen von seinen Mittelschliissen gezogen : er hat behauptet , daß eine Frau von Rechtswegen verdachtig wurde , wenn man unternähme , dieselbe zu misbrauchen ; denn wenn sie recht keusch gewesen , so würde man die ab - schlägige Antwort ihr aus den Augen gelesen , und ihr Aeußerliches würde dem Buhler alle Hoffnung und die Kühnheit benommen haben , seine Leidenschaft zu entdecken . Zum wenigsten würde sie ihn mit einer solchen strengen Art abweisen , daß man das andremal nicht wieder käme . Wenn sie nicht fürchtet , daß man sie für vermögend halte , den Fehltritt zu begehen ; so wird sie sich auch nicht fürchten , denselben zu Begehen . Ma« trona , quae fe aduerfus follicitantes auiam volet , prodeat in tantum ornata , ne immunda fit : habeat comites eius aetatis , qui impudicos , fi nihil aliud , verecundia annorum remoueant : ferat iacentes in ter . ram oculos : aduerfum officiofum falutatorem inhtimana potiusquam inuerecunda fit , etiam in neccfiariam refalutandi vicera m'ulto rubere confiifa , longe ante impudicitiam neget ore , quam verbo : in hac fer - uandae integritatis cuftodia , nulla libido irrumpet . Prodife mihi fronte in omne lenocinium compofita , paulo obfcoenius quam pofita vefte nudae , exquifito in omnes fäcetias fermone , tantum non vitro blandientes , vt quisquis vicerit . non metuat accedere . Deinde mira - niini , fi cum tot argumentis pudicitiam proferipferit , cultu , incefTu , facie , aliquis repertus eft , qui incurreret , et reti adulterae fe 11011 fub - duceret . Internuntium , puto follicitantis fe , arripi et denudari iuflit , et flagella et verberä , et omne genus cruciatus popofeit in piagas de - terrimi mancipii ; vix imbecillitas muliebris manus continuit . Nemo fic negantem , iterum rogat . . . ( Ebendaf . p . >86 . ) Quae poteft non timere opinionem adulteri , poteft non timere adulterium . Ebendas . p . 187 . Diese Grundsätze sind allzuhart und allzuausschweifend ; ( siehe oben die Anmerkung ( 0 ) des Artikels Blondel , ( David ) , ) und man würde öfter« sehr ungerecht seyn , wenn man seine Urtheile damach rich - tete . Allein endlich machet der Vortheil , das Glück , der Ruhm , die zin« fte Judith gehabt , ein Vornrtheil , welches den Begriff von ihrer Tugend und . ihrer guten Aufführung bis auf den allerhöchste» Grad erhebet . Ich will beyläufig sagen , ' daß die Moral etlicher Heiden so viel Ernsthaf . tigkeir gehabt , daß sie gewollt ; es solle eine Fran keine Materie weder zur Übeln Nachrede , noch zum Lobe darbiethen : dieß heißt , daß sie gewollt , es bestehe das wahrhafte Verdienst einer Frau darinnen , daß man nicht von ihr rede ; daß man weder gutes noch böses von ihr sage . Plu ,
tarch

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