Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4707

Cassandra .
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wen» die Trojaner sie umgebracht , ehe sie in den Tempel angekommen waren , so haben die Lokrier zu einer neuen Wahl schreiten müssen . Diese Gewohnheit hat sich tausend Jahre nach dem trojanischen Krie - ge geendiger : XtAlav i' irm xzgstSövTwv fifri rav Tffti lAiov uvägairot ix TOffar« k ? / 5™ SiarsrayiUvoi , Sra iu -
nii avrott rat Aoxglixt . Karra to»bto» avroif ifiv
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••Ä . « tukynrtt cüimTcc . Quod autem eins rei , quae fubdole im . mittitur , difficilis cautio fit , teftimonio probari poteft . Nam qui Ilium colnnt homines a tanto tempore in eo laborantes , et tanta diligentia ad hoc difpoüti , nondum canere pofliint , quominus Lo - crides Ilium ingrediantur : qui tarnen in eam rein ftudii tantum im - pendant , et tanta cautione vtantur . Sed nimirum pauci ad fallen , «ium attendentes fallunt , et ita multas in vrbem Locridas inducunt . Wenn dieser Schriftsteller noch itzo lebte , so würde er seinen Satz durch das Beyspiel einer unendlichen Menge Reformitten erweisen können , welche , trotz der allerbesten Vorsicht , die man , ihre Flucht zu verhindern , angewendet hat , sich aus Frankreich gerettet haben . Ich will nichts von dem glücklichen Fortgange der Kunstgriffe sagen , vermittelst welcher man die verbothenen Waaren , zum Verdrusse von tausend Zoll - und Acci« - bedienten , heimlich einführet , und Sie überlästigeRlugheirColbetts selbst bekriegt . Boileau , VIII Sarire , 19 ; V .
Casaubon hat einen wichtigen Fehler bey der Uebersetzung einer Stellt begangen , wo Polybius sager : daß tausend edle und mit verschiedenen Vorrechten beehrte Familien unter den Lokriern gewesen , und daß die Töchter , die man «lle Jahre nach Troja geschickt , aus diesen hundert Fa - Milien haben seyn müssen . 'e£ wv «J Aoxgol kktx rev xeir -
fiev xA , ijf5v ric awrcttyccuhai ; nugäeMi ; eif * IAiqv . Polyb . Libr . XII . c . III . p . 914 . amsterdamer Ausgabe , «0111670 . E quibus , nach Casau - bons Uebersetzung , Locrenfes illas centum virgines forte legere ex oraculi refponfo tenebantur , quae crant quotannis ad Ilium mitten - dae . Dieses Latein bedeutet offenbar , daß die Lokrier alle Jahre hun - dert Jungfern nach Troja geschickt ; allein Polybius saget dieses nicht , «r gedenket der Zahl der Jungfer» mit keinem Worte , die man dahin geschickt . Wir wollen diese Stelle des heil . Hieronymus hersetzen : iuftum eft et Locras virgines non tacere , quae cum Ilium mitte , rcntur ex more , perannos circiter miile , milla obfcoeni rumori * et pollutae virginitatis vllam fabulam dedit . Hieron . contra louian . Libr . I . v . 26 . Man will diese lokrischen Jungfern nicht deswegen loben , daß keine unter ihnen geschändet worden ; sondern darum , daß sich keine darunter hat schänden lassen : und dieß ist außer Zweifel , in Ansehung der langen Reise und der langen Dauer dieser Gewohnheit merkwürdig gewesen . Man darf sich nicht verwundern , daß die Tro - janer , die ihnen auf dem Wege aufgelauert , nicht darauf gedacht haben , ihrer zu genießen ; denn sie haben sie als Opfer angesehen , die mit dem Fluche beladen waren : sie l>aben sie für unreine Thier ? gehalten , die zu nichts taugten , als abzuschlachten und zu verbrennen , und deren Asche , zur Versöhnung , in den Wind gestreuer werden müßte . Sie streuten dieselbe in« Meer . Lycophr . v . >153 . Tzetzes über den >159 Vers . Lyko - pyron beobachtet , daß eine davon auf dem Berge Traron , nahe bey Troja , gestorben , und daß sie die Lokrier begraben , nnd nichts davon qe - saget , aber aufgehoret hatten , Jungfern zu schicken , weil sie die Zeit er , füllt zu haben geglaubet , die ihnen von dem Orakel vorgeschrieben wor - den . Sie haben sich belogen , und der Hunger hat in ihrem Lande wie - der angefangen , weswegen sie die unterlassene Gewohnbeit wieder vor - genominen , aber anstatt zwoer Jungfern nur eine geschickt haben , in der Einbildung , daß in Zukunft eine schon genug seyn würde , den Fehler des Aiax zu verbüßen . Der Scholiast will , daß ihre Auslegung des Orakels böse gewesen , weil Apollo , ohne ihnen einige Zeit vorzuschreiben , besohlen habe , daß sie zur Verbüßung der Beschimpfung , welche der Cassandra angethan worden , zwo Jungsern schicken sollen . Diese Beob - vchrunqtauget nichts , er hatte bey dem 1141 V . selbst gesaget : daß ihnen das Orakel tausend Jahre vorgeschrieben , und von diesem Zeitbegriffe re - den verschiedene Schriftsteller . Lycophron , v . 1153 . Scholiaftcs Ho . incri , in Libr . XIII . Iliad . v . 66 . aus dem Kallimachus . Es ist ge - w>ß'daß Aelian beym Suidaö , 62z S . in vorgiebr , es habe das Orakel diese Strafe nur überhaupt so lange aufgelegt , bis die Minerva zu Troja versöhnt swn würde . Wir müssen den Strabo nicht verges , sen . welcher im XIII Buche , auf der 41z S . versichert , daß man zu sei - ner Zeit >n Troja gesaqet . es hätten die Griechen diese Stadt nicht gänz - lich verwüstet : man hat diesen Beweis davon gegeben , daß nämlich die Lokrier kurz darauf den Anfang gemacht , Jungfern dahin zuschicken . Strabo antwortet hierauf zweyerley : I . daß Homer der Nothzüchti - gung der Cassandra nicht gedenket ; II . daß die Lokrier ihre Jungfern - schickung erstlich W J>eit der persischen Monarchie angefangen haben . Es ist ein großer Fehler in der Uebersetzung dieser Worte des Strabo :
Ai ySv AoxgHit wotfSfr»1 " tsgov Af ( d / tuu ) inffucmTO xa - r' tro ( .
Ebendas . genfer Ausgabe von >587 - denn anstatt I - ocrenfes quidem vir . gines paulo poftcoeperunt Iluim mitti quotannis , hat man gefetzt , Locrenfe ? etc . mitti inore vfitato . Dieß hätte zu bedeuten , daß diese Gewohnheit viel älter , als der trojanische Krieg gewesen wäre : mit ei - nem Worte : es ist ein Schnitzer des Dolmetschers .
( F ) Zver Sopbist Theo» hat etwas bcobackrer , davon ick re , den rvill . Dieß ist ein Gebolb der Redekunst , aus was für Art man USano .
eine Erzählung widerlegen soll . Man muß die Sache leugnen , saget er , und behaupten , entweder , daß sie nicht möglich seyn kann , oder daß sie wider die Wahrscheinlichkeit streitet : allein , wenn die Sache offenbar wahr ist , so muß man die Erzählung von andern Seiten angreifen ; man muß sehen , ob etwas dabey fehlet , oder ob sie unnütze Dinge enthält , oder ob einige Theile mit den andern nicht übereinkommen . Wemi man auch von dieser Seite iüchtö zu tadeln findet , so muß man den Wohlstand ttNd Nutzen anführen ; denn so wie gewisse Handlun - gen nicht gethan werden dürfen , so dürfen sie auch nicht erzählet werden , wenn sie begangen worden . Man muß sie lieber im Stillschweigen graben . Dieserwegen würde man sehr übel thun , wenn man , nach ge - schehener Erzählung , daß Ajax so gottlos gewesen , als man erzählet , da - zu setzte , daß er weder zur See , noch zu Hause , einige Widerwärtigkeit empfunden hätte , und in einem glücklichen Alter gestorben wäre . Es ist leicht zu errachen , daß Theon sagen will : wenn einige Redner die Thaten des Ajax erzählet hatten , ohne daß sie jemals , außer in diesem Puncte , von den Regeln abaegangen wären ; nämlich , daß sie das gute Glücke nicht unterdrückt hatten , welches seine Gottlosigkeit begleitet hätte : so wäre kein ander Mittel , ihre Erzählung zu widerlegen , als zu zeigen , daß sie kein Stillschweigen beobachtet , wo sie hätten schweigen sollen . Der Locus communis , von dem Nutzen und Wohlstände , würde die einzige Maschine seyn , die man wider sie richten könnte ; man würde sie keiner andern Ursache wegen tadeln können , als daß sie der Welt eine beglückte Gottlosigkeit vor Augen geleget , ein Gegenstand , der den Wohlstand beleidiget , und den guten Sitten schaden kann . Es ist nöthig , daß ich die Worte des griechischen Sophisten anführe ; denn sie haben , ich weis nicht , was Erstaunliches , und kommen weder mir den Gesetzen der Historie , noch der Redlichkeit übereln ; allein die Rede , kunst hat ganz besondere Regeln . Siehe die Anmerkung ( A ) , bey dem Artikel Laskritiu» ( Titus ) imgleichen das Ende der Anmerkung ( B ) , des Artikels Caßius , das Geschlechte , zu Ende , e - Z - taorec ? rivta
xaric t ( 6xov tU ü ; «Tf£ riov . yitg rBv xguynArav , ä irfafcSfJvo« piv vx izffrt Si ftg«jjSSvok , 9vuvä£cu oiov , u ri ( tov Aixgov " Aim - ra
T'iaÜTCt tfaut fl ( Ttj» * a5ijv«v ütißiiaoy , oi» J - iyaroq , treirx üxöäoiTO , fitiTt iv Tp SikAttv , h>It 1 cixei xaxöv ti ctiroii irenovdörx , I» ytjg tnr TtTeytvT * ) xi\iu\ . Qiiac omnia fi , quemadniodum
oportet , fe habebunt , ad indecorum et inutile deueniemus . Sunt enim quaedam , quae , quemadmodum fieri non debebant , ita poft - quam fadla funt , filentio inuolui praeftat . Vt fi quis Aiacem Lo - crenfem ita impium fiiifle erga Mineruae nuinen , vt fertur , orten - dat : ac dcinde neque in nauigatione , neque domi quicquam illi tri - fte accidifle , fenemque vita feliciter defunftum probet . Theo , in Progymn . cap . VI . p . 87 . 88 . leidnischer Ausgabe , von >6 - 6 . Zum we - nigsten ist dieses ein Zeugniß für die Tradition von der Bestrafung des Schänders der Cassandra .
( G ) ] «nöc« bat öem Agamemnon nickt misfallen . ^ Er hat sich in diese Wahrsagerinn verliebt . wenn wir dem Euripides hier - innen glauben : " s . gut hofa / iäe» kb'pd« . Amor fttidicae puellae fauciauit cum . Euripid . in Troad . verf . - 55 . und sie von den Griechen , als ein« Art des Vorzugs erhalten ; man hat das Loos über sie nicht geworfen ; man hat sie absonderlich verwahret , sie dem Könige zu geben , * £5«< ? srev w» Fa« ( 3e» 'Ayxntpvwv av«f . Eximiam meam et exfortem aeeepit rex Agamemnon . Ebendas . 249 V , der sie zu seiner Beyschläferinn gemack ) t . Ebendas . 44 und - 5 - . V . Ich habe anderswo , von dem ubeln Urtheile des Horaz geredet , nänilich in der Anmerkung ( E\ bey dem Artikel Sristis . Dieser Poet beweist , daß sein Freund sich nicht schämen dörfe , seine Magd zu lieben , weil Aga - memnon sich nicht geschämt , die Tochter des Königes Priamus zu lieben :
Arfit Atreides med 10 in triumpho
Virgine rapta . Horat . Ode IV . Libr . II . v . 7 .
UebrigenS hätte Hygin nicht sagen sollen , daßOeax , den Tod seines Bru - ders PalamedeS zu rächen , die Clytemnestra belogen , indem er ihr wider alle Wahrheit gesaget : daß ihr Gemahl ihr eine Nebenbuhlerinn , oder vielmehr eine Beyschläferinn , zugeführer , nämlich die Cassandra . Hygin . cap . CXVII . Er hat ihr dadurch keine Lügen gesaget . Pausaniaö , im II B . auf der 59 S . berichtet uns , daß Cassandra vom Agamemnon schwanger geworden , nnd Zwillinge zur Welt gebracht habe , welche von dem AegisthuS , auf dem Grabe ihres Vaters erwürget worden .
( H ) Clytemnestra wurde eifersücktig darüber u . s . w . Z Hy - gin erzählet in der von mir angeführten Stelle , daß die Vorstellung von dem Bruder des PalamedeS ihre Wirkung gethan . Clytemnestra nahm sich , auf die erhaltene Nachricht , daß ihr Gemahl die Cassandra mitbrächte , vor , beyde aus dem Wege zu räumen , und hat diesen Vor - sah ausgeführet . Sie bekennet in dem Euripides , daß sie die fung , die ihr Gemahl ihr durch die Aufopferung der Jphiaemia sen , nicht bewogen hätte , ihn umzubringe» ; allein er kam . saget sie . mit einer begeisterten Jungfer zurück , der er einen Platz in meinem Bette einräumte , und wir waren zwo Gemahlinnen , unter einem Dache :
A'AK . ' I ) A8' \%m n»t Mwv & h' ? v8«0v
Aixrgoit T , Hfff ►« * um
l'v toi ( avToiei Süfiaci xaTttx'P " '
Scd venit adducens mihi Maenadein , afflatam niimine puellam , et leftis intulit et fponfae duae in iisdein aedibus continebamur . ripides in EleÄra , v . 1032 . p . m . 627 . Meziriae hat vorgegeben , daß Pindarus von dein Meuchelmorde der Clytemnestra eben diese zwo Ur - fachen angegeben habe ; allein er bekriegt sich : Die zwo Ursachen deS Pindarus sind daS Andenken des Opfers der Jphigenia und die Furcht vor Agamemnon« Zorne . Seine Gemahlinn hatte ein so unkeusches Leben geführet , Cn . * T , f * e ? vix " " * * t & yov xoirut .
An alieno in cubili lafeiuientem , more iuuencae , nodhirni trans - uerfam egerunt concubitus . Pindar . Pyth . Od . XI . p . m . 470 . ) daß sie die Verbergung ihres Fehlers , und daß ihr Gemahl denselben unbe , straft lassen sollte , für etwas Unmögliches gehalten . Dieß ist der klare Sinn des Pindarus . Ich erstaune , daß Meziriae denselben nicht ein - gesehen hat . Man sehe seine Auslegung über die Briefe des OvidiuS , auf der 891 S .
( I ) Sie ist unter dem Namen Alexandra verehret worden . ^ Sie ist nicht weniger unter diesem Namen , als dem Namen Cassandra
K bekannt

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