Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-12196

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Hypsipyle . Hirpiner .
überreichen , Velsen Materie , Ausführung und Verse einem Chri , sten unanständig waren , so hat er tbm seine Unbesonnenheit mit solcher - Hitze vorgeworfen , daß dieser Elende vor Schwerfen und Bestürzung darüber gestorben ist . Man findet diese Worte p . z . eines Buches , welches der P . Mmetrier i6gi zu Paris hat drucken lassen , und betitelt ist : Des Beprelentations en Mnfique anciennes et modernes .
Wenn ich dieses an verschiedenen Oertern meines Werkes zerstreuet hätte , so würde ich dem Tadel derer entgangen seyn , die diese Anmer - kung einen Haufen kleiner Sammlungen nennen werden . Wie ich aber die Bequemlichkeit meiner Leser mehr liebe , als die meinige , so will ich ihnen , ungeachtet dieser Beurtheilung , gerne die Mühe ersparen , alles zusammen zu suchen , was ich hin und wieder hätte zerstreuen können
Ich füge den vorhergehenden ein neues Beyspiel bey . Da sich ein Poet erkühnet hatte , dem Pabste , Urban dem VIII , ein Xverk ; u
Hypstpyle , die Tochter des Thoas , Königes der Insel Lemnos , hat ihrem Vater das Leben gerettet , als die Frauen die - ser Insel eine allgemeine Niedermetzlung aller Mannspersonen unternahmen , die sie bewohnten Sie rettete ihn aber nicht öffentlich : sie mußte aussprengen , daß sie ihn aus dem Wege geräumet hätte , und aus dieses Vorgeben erwählten sie die andern Frauen zu lhrer Königinn b . Die Argonauten landeten einige Zeit hernach auf der Insel Lemnos ; und wurden daselbst mit Bezeigungen der allergenauesten Freundschaft aufgenommen : denn die Frauen dieser Insel hatten die Manner nicht aus einiger Gleichgültigkeit , gegen das männliche Geschlecht , umgebracht ( A ) , sondern vielmehr aus einem Rachgeifte , welcher bezeigte , daß sie sehr empfindlich gegen die süßen Wollüste der Liebe waren . Die Argonauten erholten sich von den Beschwerlichkeiten des Meers in den Armen dieser Witwen , so lange , als sie wollten ; und Hypsipyle vergaß sich dabey nicht : sie ergab sich ihrem rer , und wurde gar bald mit zween Knaben schwanger . Wenn ihr Schicksal hierinnen der Dido ihrem nicht ähnlich ist ( B ) , so ist es demselben doch darinnen gleich , daß Jason eben so unbeständig , als Aeneas , gewesen ( C ) . Man sehe in den Zusätzen des Moreri , wie es der Hypsipyle ergangen , als ihre Unterthanen erfahren , daß sie ihren Vater nicht umgebracht hatte .
a ) Apollodor . Libr . I . b~ ) His mihi pro meritis ( vt falfi criminis aftn Parta fides ) regno et folo confiderc patris cium datur . Hypfipyle , beym Stat . Theb . Libr . V . v . 320 .
gen Winterquartiere verglichen werden kann ; übrigens betheuert Hypfi - pyle in dem Werke eines lateinischen Poeten , daß sie sich mit dem lie - benswürdigen Jason nicht ohne Gegenwehr verheirathet hätte :
( X ) Die Frauen dieser Insel haben die LNanner nicht aus eini , ger Gleichqülriqkeir gegen das mannliche Geschlecht umge , bracht . ] Sie 'sind nicht eher zu dieser Niedermetzlung geschritten , als weil die Männer nichts mehr mit ihnen zu thun hatten , und sich lein mit den Sklavinnen ersetzten , die sie aus Thracien mitgebracht hat - ten . Apollodor . I . ib . s . Sie thaten dieses , weil ihre Frauen so stinkend geworden waren , daß sie sich ihnen nicht ohne den größten Ekel nähern können . Dieser Gestank eine Wirkung von dem Zorne der Venus ge - wesen ; entweder , weil diese Göttinn zornig darüber geworden , daß sie ei« nige Jahre verabsäumet hatten , ihr Opfer zu bringen ; ( in Infula Lemno mulieres Veneri facra aliquot annos non fecerant . Hygin . cap . XV .
Siehe auch Apollod . Libr . I . Stat . Theb . Libr . V . und den Scholia - sten des Euripides , in Hecuba ; ) oder , daß sie einen Widerwillen gegen die Insel Lemnos gefaßt harte , weil sie daselbst auf frischer Thal ergriffen worden : ( Laftant ! in Stat . L . V . Theb . ) denn hier haben sie die Götter bey dem Mars schlafen gesehen . Andere , als MyrtitnS Lesbius , Libr . I . Lesbia - coruni , beym Scholiasten des ApolloniuS , in Libr . I . Argonaut , sa - qen . daß Medea , die über die Hypsipyle eifersüchtig gewesen , gewisse Tropfen in die Insel LemnoS geworfen , die diesen Gestank verursachet hätten . Man setzet darzu : daß sie in den folgenden Jahrhunderten , alle Jahre , an einem gewissen Tage , Co übel gerochen , daß ihre Ehmänner , und auch so gar ihre Kinder , nicht bev ihnen haben dauern können . Man streitet , ob dieser Gestank in ihrem Munde , oder unter ihren Achseln ge - wesen . Eustachius , in Iliad . Libr . I . ist für die erste Meynung . und Dio Chrnsostomus , Oratione XXXIII . für die andere . Hier sind etliche Ver , e des Statins , Theb . Lib . V . v . 70 . wo Hypsipyle den kläglichen Zustand der Insel , unter dem Zwischenreiche der Liebe , vorstellet :
Protinus a Lemno teneri fugiftis amores ,
Motus Hymen , verfaequc faces , et frigida iufti Cura tori : nullae redeunt in gaudia no & es ,
Niillus in amplexu fopor eft : odia afpera vbiquc A furor , et medio recubat difcordia lecto .
Dlkß Zwischenreich hat so nnerträzlich zu seyn geschienen , daß man zu der Niedermetzelung geschritten , davon ich geredet habe .
( B ) Ist ihr Schicksal hierinnen der Dido ihrem nicht ahnlich aewesen . lDenn die LicbeShändel der armen Dido mit dem Aeneas sind unfruchtbar gewesen , und eben dieses hat sie in Verzweiflung gestnnet .
Ich habe bev dem Artikel Garnache , in der Anmerkung ( B , den terschied bemerket . der sich unter ihrem Geschmacke des Frauenzim - mers und dem Geschmacke dieser Zeiten findet . Diese , wenn sie von ihren Buhlern , bey Eröffnung des Feldzuges , verlassen werMi , sind er - freuet , daß die Ergetzlichkeiten des Winterquartiers , ohne einige Zeugung , zurückgeleget worden . Ich bediene mich dieses DeyspielS , ohne Aus - fchließung derer , welche die Personen von einem andern Stande angehen .
Ich bediene mich dessen , sage ich , weil , nach meinem Bedünken , der Auf - enthalt der Argonauten auf der Insel Lemnos , gar wohl mit einem lan -
ein Volk in Italien , in dem Lande der Samniter . Sie sind also genennet worden , weil ein Wolf ihr Füh - rer " war , da sie hingiengen , eine Pflanzstadt aufzurichten . Einige sagen , daß sie bey einer großen Feyerlichkeit über das Feuer weggegangen sind , ohne daß sie sich verbrannt haben ( A ) : allein es ist einigermaßen wahrscheinlich , daß man ihnen d» - durch dasjenige zueignet , was nur denen Hirpen zukömmt ( B ) , die an einem andern Orte Italiens gewohnet haben . Es hat vor Alters noch andere Feste gegeben , wobey man eben das Schauspiel gesehen hat ( C ) . d ) In der samnitischen Sprache heißt ein Wolf Hirpus . Strabo , Libr . V . p . 17z .
( A ) Einige sagen , daß sie über das Feuer gegangen , ohne daß sie sich verbrannt haben . ) Wenn Varro . der die Aberglauben >o viel
Cinerem furiasque meorum Teftor , vt externas non fponte aut crimine taedas Attigerim ( feit cura Deum ) etfi blandus Iafon Virginibus dare vincla nouis . Stat . Theb . Lib . V . v . 454 .
Allein ein griechischer Poet stellet sie von dem ersten Anblicke so verliebt in denselben vor , daß sie ihm ihr Königreich anbiethet :
Ei 0 - xev ai$t Naitritiv iäiMtc , toi aioit >Sr' uv itrsirx narfoj tjj . 010 eSaHTOt ex " < ytft -
Sin vero hic
Sedem figere velis , idque allubefcat tibi , caufa nihil erit , quin Augearis praemio Thoantis genitoris mei .
Apollonius , Libr . I . v . 827 . Valerius Flaecus , Libr . II . v . 55z , stellet sie auch auf das empfindlichste von den Liebreizen dieses Helden gerühret , und ganz bereit vor , ihn gleich das erstemal zu heirathen , da sie ihn sieht .
Vnius haeret Alloquio , et blandos paulJatim colligit ignes ,
Iam non dura thoris , Veneri nec iniqua reuerfae .
( C ) Jason ist eben so unbeständig gewesen , als Aeneas . ] Er hat sie und seine zwey Kinder verlassen , und seine Reise fortgesehet ; so , daß sie eine von denen Heldinnen ist , deren betrübte Klagen und verlieb - re Wehklagen Ovidius vorgestellet hat , daß sie von solchen Liebhabern verlassen worden , denen sie nicht« versaget haben . Ariadne , der Hypsi - pyle Großmutter , hatte gleiches Schicksal erfahren . Denn Thoas , der Hnpsipyle Vater , ist des Baechus und der Ariadne Sohn gewesen . Man sehe ihre Klagen wider den Theseus in dem Ovidius . Ich mache eine Betrachtung bey dieser Materie . Die mythologischen Scribenten und die neuem Romanschreiber haben ganz unterschiedene Wege genommen : jene nähern sich der Historie allzusehr ; diese entfernen sich allzusehr , davon : ich betrachte nur die Beschreibung der Sitten , und das Gemälde , das sie uns von einem Helden geben . In der Mythologie sind die Heldinnen nicht allein sehr verliebt , sondern auch allzuverschwenderisch mit ihren Gunstbezeigun - gen : die Helden sind nicht beständig ; sie schwängern die Heldinnen , oder sie thun doch alles , was dazu erfordert wird , und dann höhnen sie dieselben aus . Dieß schmecket allzusehr nach der Historie , und giebt weder dem einen , noch dem andern Geschlechte ein gutes Exempel . Mai , kann von diesen Erzählungen sagen : Hiftorias peccare docentes . Hör . Od . VII . Libr . III . Man muß lieber das entgegengesetzte Aeußerste ergrei - fen , wie man in unfern Romanen thut : es ist besser , sage ich , wider alle Wahrscheinlichkeit , Helden und Heldinnen zu erdichten , die nicht den ge - ringsten Fehler begehen .
Hirpiner ,
zerstöret hat , als er gekonnt , von einer gewissen Salbe geredet , so seket er so gleich diese Anmerkung dazu : die Hirpiner haben sich die Fußsohlen gesalbet , wenn sie über das Feuer gehen sollen : Varro vbique expu - gnator religionis , ait , cum quoetdam medicamentum deferiberet : eo vti folent Hirpini ambulaturi per i ? nem , medicaniento plantas vn - gunt . Seruius , in Aeneid . Libr . XI , v . 787 . Diese Worte geben nicht das geringste Licht weqen der Lage dieser Hirpiner , so , daß man nicht entscheiden kann : ob Varro von einem Volke redet , welches ein Theil von dem samnitischen Volke gewesen . die man Hirpiner genennet ; oder ob er , wie Servins , denjenigen Leuten den Namen der Hirpiner gege - ben , die an dem Berge Soractes in Herrurien gewöhnet . und die sich eigentlich Hirpen genennet haben . Viele Leute bilden sich ein , daßVar - ro von dem samnitischen Volke babe reden wollen , daS man hirpiner genenner hat : wenn dieß seine Meynung gewesen , so ist es sehr wahr - scheinlich . daß ihn die Ähnlichkeit der Namen betrogen har . Diejeni - gen , die über da« Feuer gegangen , sind von den Samuitern unterschie - den gewesen , und haben weit genug von ihnen gewohnet . Sie haben Hirpen , und nicht Hirpiner geheißen : der Ausleger de« Servins hat
sich , in Ansehung des Namens , betrogen ; und dieses erste Versehen hat einige andere nach sich gezogen , welche die Lage derjenigen betreffen , die an dem Tage eines feyerlichen Festes auf dem Berge Soractes , über das Feuer gegangen sind . Dieses wollen wir gleich sehen :
( B ) - - - Welches nur den Hirpen zukommt . ^ Virgil , im XI B . der Aeneis , 785 V . nennet diejenigen nicht , die über das Feuer gegangen sind : er giebt nur zu erkennen , daß sie Nachbarn des Berges Soraetes gewesen :
Summe Deum , fanöi cuftos Sora & is Apollo ,
Quem primi coliuius , cui pineus ardor aceruo Pafcimr , et medium freti pietate per ignem Cultorcs multa preniimus veftigia pruna .
Da , pater , hoc noftris aboleri dedecus armis .
Allein Servius giebt ihnen den Namen der Hirpiner : : Soraftis , saget er in der Auslegung dieser Stelle Virgils , « , ons est Hirpinorutn in Flaminia coliocatus . Er setzet darzu , daß dieses Gebirge den höllischen Göttern geweihet gewesen , und daß einemalö , da man dem Gerte Plu - lo ein Opfer gebracht , Wölfe gekommen , die das Eingeweide des Opfers aus dem Feuer gerissen : die Schäfer haben sie verfolget , und sich inline

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