Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-12155

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daß die Schrift nichts ausdrückliches davon gesaget hat . Er sieht sich genöthiget , ein paar fthr weit entfernte Sätze , von Erhaltung der Schamhaftigkeit , und von Vermeidung des Aergermsses^zum Grunde zu setzen . Nun gesteht man zwar , daß diese beyden Satze in der Schrift enthalten sind : allein lehret sie denn die vernünftige Sittenlehre nicht auch ? Welcher Svkrates , oder Seneea , welcher Theophrast oder Antonin hat denn die Schamhaftigkeit verwerfen , oder es erlaubet , seinem Nächsten ein Aergerniß zu geben ? Selbst Epikur hat dieses nicht gechan ; so verderbt vielleicht sonst seine Leh - ren und Sitten gewesen . Za was brauchet es derMeynungen der Philosophen , um zu zeigen , was die Vernunft lehret ? Ganze Völ - ker , und zwar die allerklügsten so wohl , als die wildesten legen hier noch ein kräftiger Zeugniß ab . Wo ist jemals die Cynische Unver - schämtheit zu einer herrschenden Gewohnheit eines Landes gewor - den ? Und woher haben diese Völker den Uebelstand solcher Unflä - tereyen anders gelernet , als aus der Vernunft ? Ich weis also nicht» was Bayle es Ursache hat , über die Schwäche der Vernunft zukla - gen . Denn gewiß eine Handvoll seltsamer Cyniker , die selbst un - ter den Heyden sür Hunde gescholten worden , können mit ihren Scheinqründen , die sich so leicht heben lassen , der Vernunft diesen Schandfleck nicht anhängen . Gesetzt aber , die Vernunft wäre nun so schwach , als er saget ; und hätte auch obige Sätze nicht einsehen können : konnte sie denn Herr Bayle entbehren , da er aus der Schrift den Schluß machte , daß der Ehstand auf eine schamhafte Art geubet werden müße ? Mußte er nicht aus den allgemeinen Lehren , durch eine Schlußrede , den besondern Fall herleiten ? Und ließ sich dieses thun , ohne sich der Vernunft zu bedienen ? Mit Nichten . Ist nun dieselbe so schwach , wie er zugiebt ; so wird auch dieser Schluß , da - von nur der Untersatz in der Schrift steht , ungewiß seyn . Diegan - ze Folge nämlich , so wohl als der Obersatz , sind und bleiben dennoch «in Werk der so schwachen , der so unvermögenden und wankenden Vernunft . So weit treiben es die Liebhaber des fceptifchen Wesens , und die Verächter der Vernunft , daß endlich auch die Lehren der fenbarung Noch leiden , und daß man endlich keine sichere Folgerung mehr aus den Sprüchen der Schrift wird machen können , ohne zu zweifeln , ob man sich vielleicht betrüge ? Wo wird aber sere ganze Theologie bleiben , wenn wir es so weit kommen lassen : deren so viele . Lehrsätze nicht x«t« to ^> , 5 - » , nach den Worten ; sondern xara Siamav , " nur der Kraft nach in der Schrift liegen . G .
Ohne Zweifel giebt es Casuisten , welche die Manustupration , oder die Weichlingssünde , welche Diogenes auf fteyem Markte beqanqen , ( Siehe nen Artikel in der Anmerkung ( L ) ) für ein größer Verbrechen halten wurden , als den Beyschlaf desKrates und derHipparchia . Es ist eine fett# fame und höchst ärgerliche Sache , wenn man den Chrysippus , diesen rühmten und strengen Stoiker , diese Thar des Dioqenes loben sicht ( * ) • Dieser Cyniker würde sich deswegen mit seinem Sophisma nickt haben entschuldigen können : lks if ? recht , die ehliche Pflicht * u lehren , also ist es flitcb recht , sie auf der Straße ju leisten . Denn seine That ist so wohl in geheim , als öffentlich böse . Sertus Empirieus . Pyrrhon . Hypot . Libr . III , cap . XXIV , pag . 155 . gestehr , daß sie gar für abfcheu - lich gehalten worden , ob sie gleich Zeno , der Stifter der Stoiker , get , und sich viele andere darauf , als auf eine gute Sache berufen hätten .
Tät« alfXfUfyiin brifoem ov xaf' iffuv , i Ztjvuv b'x icnooexipä^H vg ) «ÄKb ; Ii ut üy»Bü Tivi tb'tu rf tutvtnScLvOntäa . Qlllim
praeterea detcftabile fit apud nos daxw / 1 " » Zeno approbat et alios quosdam vt bono quodam hoc vfos malo accepimus . Diogenes hat sich eines andern Sophisma bedienet : er hat das>enige für eine Lehre der Natur genommen , was gewisse Fische thun ; ( Siehe seinen Artikel ) allein dieses Sophisma ist nicht besser , als dasjenige , das man aus der Uebung der Lydier ziehen würde . Uebrigens möchten die Cyniker immer - hin Gründe gesucht haben , ihre abscheuliche Unverschämtheit zu beschöni - gen . so würden sie sich doch nicht erkühnt haben . darinnen fortzufahren : der öffentliche Abscheu würde ihnen zu einem viel stärkern Kappzaume gedient haben , als alle Begriffe der Ehrbarkeit . Augustin bemerket , daß die natürliche Schambaftigkeit bey diesen Leuten die Oberhand wieder erhalten habe . Vkit tarnen pudor naturalis opinionem hiiiiis erroris , nam etfi perhibent , hoc aliquando gloriabundum fecifle Diogenem , ita putantem feöam fuam nobiliorem futuram , fi in hominum me - inoriam infignior eins impudentia figeretur , poftea tarnen a Cynicis fieri cefiatnm eft : plusque valuit pndor , vt erubefcerent homines ho - niinibus , quam error , vt homines canibus efie fimiles affedVarent . De Ciuit . Dei Libr . XIV , cap . XX . Wie es aber beständig bey den al - lergemeinsten Regeln Ausnahmen giebt ; so wollen wir im Lueian , de Morte Peregr . Tom . II , p . m . 767 . den cynischen Peregrinus sehen , der sich des Diogenes Aufführung nähert . * Ev niä» ü t£ * re ? icn»Tnv
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Hivet ; . Multa autem in Corona populi pudenda contreclabat , et haec indifferentia vocans oftentabat .
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•yatgot nSw & nev . Diogenem latidat , qui in publico mafturbaflet , dixif . fetque adftantibus , vtinam liceret fic etiam famem attrito ventre pel - lere . Plutarch . de Stoicor . Reptignant . p . 1044 .
Veobachmngen für diejenigen , sie sich an dem vorhergehenden ärgern konnten .
Diejenigen , die es befremden möchte , daß ich solche entsetzliche Un - fläthereyen , als diese sind , anführe , denen muß ich melden , daß sie weder die Rechte noch Pflichten eines Geschichtschreibers mit gnugsamer Auf - merkfamkeit betrachten . Ein jeder , der heuriges Tages die Historie e»r - weder eines alten Weitweisen , oder einer andern Person auffetzet , die sich «inigen Namen in den vergangenen Jahrhunderten erworben hat , hat ein Recht , alle Dinge vorzubringen , die un« die Bücher von demselben beleh - ren . sie mögen nun das Lob , oder den Abscheu und die Vermaledeyung der Leser verdienen : und wenn er nur zusammen tragen wollte , was lo - benSwürdig wäre , so würde er denen Pflichten schlecht nachkommen , die ihm die Natur und sein Werk auflegen . Wenn man das Leben eines Neuern verfertiget , so hat man mehr Freyheit ; denn wenn er sehr unfläthige Tharen begangen hat , die der Welt unbekannt sind , so kann man sie wohl mit Stillschweigen übergehen . nach dem man es für nöthig hält , gewif - sen Unanständigkeiten zuvor zukommen , welche die Bekanntmachung söl - cher Ding« verursachen könnte . Allein wenn es auf eine Sache
kömmt , die von hundert Schriftstellern erzählet worden , so jst man nicht Herr über dergleichen Behutsamkeit : und wenn man es unterdrücken will , so beschweret man sich mir einem sehr unnützlichen Scrupel : denn die Leser werden dasjenige leicht durch andere Wege finden , was man ih - nen verbergen will . Die Unverschämtheit des cynischxn Diogeiieö ist al - ler Welt so bekannt , daß so gar Mährchen davon herum gehen , die sich auf kein Zeugniß eines einzigen alten Scribeiuens gründen . Du LNou - stier erinnert mich an das Buch eben desselben Orleans , uimr 0cm Titel , die menschliche pflanze an die Roniginn ; dieser Titel ist cherlich , dieß erinnert mich an des Diogenes Pianto hopiinem . Pe - roniana , unter dem Worte Orleans , p . m . n$ . Dieses sind des Carbi - nals du Perrons Worte . Unzählige Leute geben eben dasselbe in ihreu ver - traulichen Gesprächen vor , eS findet sich in verschiedenen Büchern , mm» , behauptet darinnen , daß Diogenes , der mitten auf der Straße eine Frau - enSperfon umarmet , gefrager worden , was mackest du 1 und daß er geantwortet , ( pvTifa «ySfwwov , ich pflanze einen Menschen . Kein einziger Alter , so viel ich weis , hat dieß erzählet ; und du Rondel , den ich darüber um Rath gefraget , hat mir geantwortet , daß er eS nirgends , als in neuern Schriftstellern , gefunden habe . Weil man nun von der Frech - heit dieses alten Weltweisen ein so übelgegründetes Mährchen herum ge - hen lassen , so darf man dasjenige wohl wissen , was die Schriftsteller da - von gesaget haben , deren Worte ich anführe . Worzu würde es also ge - dient haben , wenn ich dergleichen Sachen unterdrücket hätte ? Zum we - nigsten , wird man sagen , hätte man Redensarten auslesen sollen , die eine dicke Decke vor diese Unfläthereyen gezogen hätten . Ich antworte , daß dieses das Mittel gewesen wäre , den Abscheu derselbe» zu verringern ; denn dergleichen zärtliche und zweifelhafte Manieren , die man heutiges Tages braucher , wenn man von der UnreiNigkeit redet , geben nicht so viel Ekel vor derjelbcn , als eine natürlichere , nachdrücklichere , und deswegen mit Verachtlichkeit angefüllte Sprache geben würde : wenn der Urheber sich nicht beflisse , verblümte Redensarten zu erfinden , die , eigentlich zu re - den , nichts als eine Schminke sind . Ich setze dazu , daß es viel nützlicher und wichtiger ist , als man denket , die Abscheulichkeiten und Unflä - thereyen natürlich vorzustellen , welche die heidnischen Weltweisen gebilli - get haben . Dieß kann die Vernunft demüthigen und kränken , und uns von der unendlichen Verderbniß des menschlichen Herzens überzeugen ; und uns eine Wahrheit lehren , die wir niemals aus deu Augen setzen sollen : daß nämlich der Mensch eines geoffenbarten Lichts nöthig habe , wel» ches den Mangel des philosophischen Lichts ersetze ; denn man sieht hier« oben in des angeführten Plutarch« und des SextuS Empirieus Stellen , daß die Stoiker , die sich mehr als die andern Weltweisen auf die Sittenlehtt gelegt , und sehr erhabene Begriffe davon gehabt , die frechen Unfläthereyen des Diogenes gebilliget haben . Auf sie können wir in« besondere die all - gemeine Erklärung de« Apostels Paulus in dem Briefe an die Römer l , 12 . anwenden ; da sie sich für rveise hielten , sind sie JU Narren rvorden .
( E ) - Hipparchia - - - hat einen Einwurf gemacht , - < t auf welchen der Gottesleugner Theodor nicht die geringste wort - liehe Antworr gegeben . ] Dieß ist ein Sophisma gewesen , das leicht aufzulösen , und zurück zuschieben war . Xvann ich , hat sie zu ihm gesa - get , eine Thar begienge , die ihr mir Recht gerhan harter ; so würde man mich nicht beschuldigen können , daß ich eine ungerechte Tbat begangen harte : wenn ihr euch nun selbst schlüget , 'so hattet ihr nichts ungerechtes gerhan ; wenn ich euch also schlüge , so würde man mich nicht beschuldigen können , daß ich eine ungerechte Thar begangen hatte . TheodoruS hat sich nicht die Zeit genommen , ihr als ein Logieus zu antworten : er hat sie angegriffen , und ihr den Mantel abgerissen . Nach der heutiqenArt , sich zu kleiden und zu reden , wurden wir sagen , daß er ihr ven Rock' aufgehoben habe . Dieß ist die Erklärung , die Menage , über den Laertius im VI B . Num . < , 7 . pzg . 26 ( 5 . diesen Worten dcS Laertius giebt , } ' aärfc v . Eine sehr kurzweilige und sreye Art , die Trugschlüsse einer Frauensperson zu beantworten ! Hipparchia hat ihre Gelassenheit nicht verlohren , und , als ihr Theodor den Vers aus einer Tragödie angeführel hatte , wo man eine Frau vorgestellet , die den Rocken und die Spindel verlassen , ihm geant - wortet : hier erkenne ich mich , ich bin diese Frau ; allein glaubet ihr denn , daß ich eine üble Partey erwählt habe , da ich meine Zeit lieber zum phi - losophiren , als zum spinnen anwende» wollen ? Htzo wolle» wir sehen , was Theodor hätte antworten können , wenn er sich die Mühe nehmet» wollen . Wenn er gerade zu antworten wollen , so hätte er sagen können , daß seine Thar , wenn er sich selbst geschlagen , und die That der Hippar« chia , wenn sie ihn geschlagen , zwo unterschiedene Tharen , und nicht von ei - nerley Arr wären . Es sind also vier Glieder in der Hipparchia Schluß - rede gewesen Wenn zwo Tharen einander gleich seyn sollen , so muß die Verwandtschaft , die zwischen den wirkenden und leidenden ist , auch in der andern seyn . Nun hat sich dieses nicht indem Schlüsse derHipparchia ge - fuuden . Wenn Theodor durch eineZurückschiehimg hätte antworten , lind des Krareö Chfrau verwirren wollen , so hätte er sagen können : wenn ich dasjenige thate , was euer Ehmann mit Recht gerhan hat , so würde man mich keiner ungerechten That beschuldigen können . Nun hat euer Eh' mann was erlaubtes gethan , wenn er cüch geküßt , u . s . w . Wenn ich euch also küßte u . s . w . so würde man mich keiner ungerechten That beschuldi - gen können . Da würde man gesehen haben , ob Hipparchia , die so un - verschämt war , sich erkühnt haben würde , in Gegenwart der Zeugen zu antworten , concedo totiim .
( F ) Sie hat Bücher gemacht , die nichr bis auf uns gekommen sind . ] Suidas saget , daß sie Hypothefes Philofophicas : Epicheremata quaedam , et Qiiaeftiones ad Theodorum cognomento atheuni tiget habe . Die Muthmaßung des Menage ist sehr wahrscheinlich , daß man im Diogenes von Laerz , in Hipparchia Libr . VI , num . 5» . nicht QigeTO ( 3f TB K ( & tIirot ß<ßAlcv hrnoAal , sondern tptferext 3> tin KfärifTx ßißxlov ixirotei lesen müsse . Man müßte nach dieser Muth - maßung sagen , daß Hipparchia Briefe herausgegeben , die sie an ihren Ehmann geschrieben gehabt , worinnen sie auf eine edle Art philosophirt , und eine Schreibart gebraucht , die des Pinto seiner ähnlich gewesen . Man müßte überdieß sagen , daß sie Tragödien geschrieben , worinnen sie die erhabene Schreibart der Philosophie angewendet . Es wäre sehr selt - sam , wenn Diogenes von Laerz , der des KrateS Leben gemacht , von den Schriften dieses Philosophen in dem Leben der Hipparchia geredet hälte . «^hn von diesen Makeln und Unanständigkeiten zu retten , hat Menage obi -

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