Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-12149

Hipparchm .
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dorft , al« ihre Anverwandten , und sie sind niemals zu Gaste gegangen , als zu ihren Anverwandten . Cornelius Nepos , der es erzählet , beobach - tet , daß die Römer ganz widrige Sitten gehabt . Die Frauen habend« - mals in Rom , wie itzo zu Paris , gelebt . Die Mode Italiens hat sich sehr verändert : sie ist schon seit langer Zeil der Mode de« alten Grie - chenlands ähnlich , altri tempi , altri coftumi . Wir wollen die Worte des Cornelius NepoS in der Vorrede besehen . Quem Romanoriim pu - det vxorem ducere in conuiuium ? aut cuius materfamilias non pri - mum locum tenet aedium , atque in celebritateverfatur ? Quodmulto fit alitcr in Graecia . Nam neque in conuiuium adhibetur , nifi pro - pinquorum : neque fedet nifi in inferiore parte aedium , quae ymcu * xoiyi'rtft appellatur : quo nemo accedit nifi propinqua cognatione coniiindtus .
( C ) Sie hat sich keinen Scrupel gemacht , ihm die ehliche Pflicht mitten auf Oen Straßen zu leisten . 1 Man wird sich nicht verwuu - dern , daß sich die Philosophinn Hipparchia in Ansehung der zween Ar - rikel , deren ich so gleich gedacht habe , über die Gewohnheit erhoben hat ; weil sie vermögend gewesen , deu Wohlstand , in Ansehung dieses dritten PunctS , unter die Füße zu treten . Die Verachtung der eingeführten Gewohnheit kann nicht weiter gehen . Dieß ist ein großer Triumph der Liebe gewesen : man hat ihr die Tugend aufgeopfert , die dem weiblichen Ge - schlechte am natürlichsten ist ; diejenige Schamhastigkeit , diejenige Scheu , welche in dem Herzen der Frauenspersonen tausendmal tiefer eingewur - zeit ist , als die Keuschheit selbst . Und das allererstaunlichste ist , Hippar - chia ist gleich das erstemal zu dieser Unverschämtheit fertig gewesen ; man hat sie nicht nach und noch und stufenweise darzu bringen dörfen . Zu - venal bemerket , daß dem Frauenzimmer nichts zu schwer scheint , wenn es darauf ankömmt , die Liebe zu vergnügen . Soll man übers Meer mit einem Ehmanne gehen , den man überdrüßig ist - so kann man sich nicht dazu entschließen ; die Ungemächlichkeiren des MerrS sind allzugroß . Soll man mit einem Buhler zu Schiffe gehe» , so hat man den besten Magen von der Welt ; es ist nichts vergnügtere , als das Schifferleben .
Fortem animuni praeftant rebus quas turpit . er audent .
Si iubeat coniux , durum eft confcendere nauim ,
Tunc fentina grauis , tunc fummus vertitur aer :
Qyae moechum fequitur , ftomacho valet . Illa maritum
Conuomit , haec inter nautas et prandet et errat
Per puppern , et duros gaudet tra & are rudentes .
Iuuenal . Satyr . VII , Verf . 97 . Hipparchia rechtfertiget diese Beobachtung : sie hat sich in den Krates vernarrt ; er hat gewollt , daß man alle Scham ablegen sollte : non ali - ter haec facra conftant , hat er vermuthlich gesaget ; sie hat sich auch hierinnen nach ihm richten wollen . Es erzählen verschiedene Schrift - steller die Sache : Sextus EmpiricuS Pyrrhoniarum Hypotypofeon Libr . I , cap . XiV , pag . m . 31 . und Libr . III , cap . XXIV , pag . 152 . und Tbeodorrtu« , Serm . XII , de Virtute aftiua , bezeugen es . Ich habe bereits andere deswegen angeführet : allein der heil . Augustin hat über diese Materie einen besondern Gedanken gehabt ; er hat geglaubt , daß die Cy - niker nur Posituren und leere Bewegungen gemacht . Die lateinischen Worte sind viel geschickter , als das Französische , seine Meynung vorzu - stellen . Illuin ( Diogenem ) vel illos qui hoc fecifle referuntur , po - tius arbitror concumbentium inotus dedifle oculis hominum , nefcien - tium quid fub pallio gereretur , quam humano premente confpedhi potuirfe illam peragi voluptatem . Ibi enim Philofophi non erubefce - bant videri fe velle concumbere , vbi libido ipfa erubefceret furgere . De Ciuitate Dei , Libr . XIV , cap . XX . Ein Neuerer hat sich zum Cato wider diesen Kirchenvater ausgeworfen , und ihm wegen dieses Gedankens einen ziemlich karten Verweis gegeben , rvenn er dazu setzet , sager er , man könne nicht glauben , daß weder Diogenes noch die von fei - ner Secte , von welchen der Ruf gegangen , daß sie alle Dinge of - fentlich gethan , dabey nichts weniger als eine wahrhafte und wirkliche tPoünf ? genossen : indem er sich einbildet , daß sie nur unter dem cynifcben Manrel die Derveglingen vcr Z>eyfdbLifcn - - den nachgeahmt , und oie Augrn der Sul'cbauer betrogen haben , ob sie gleich in der Thar in ihrer Gegenwart öas männliche Glied . f - welches ich mich zu erzählen schäme , und in sei - ncn eignen N ? orcen betrachten lasten rvill . ( Hier sehet er die Stelle des heil . Augustins her ) Ist es möglich , daß ein so großer Mann seiner Einbildungskraft soviel erlaubet , bis in diese tonischen Geheimnisie einzudringen und daß die - Hand des heil . 2l uglisiins keine Schwierigkeit gemacht , des Diogenes Mantel aufzuheben , um uns darunter die Bewegungen zu zeigen , welche die Scham ( obgleich dieser Philosoph Profeßion davon gemacht keine zu ha - ben . ) ihn für sich felbff mit seinem Mantel 5» verbergen ver - mockt hat . La Mothe le Vayer , dans 1' Hexameron ruftiqiie , pag . 6z , 6s .
( D ) Man müsse sich wegen keiner körperlichen Verrichtung schämen , welche die Natur von uns forderte . ] Man sehe , was oben in der Anmerkung ( L bey dem Artikel Diogenes gesaget worden . Ei - nige glauben , daß die Cyniker diesen Namen dal , er bekommen , weil sie sich , wie die Hunde , auf den Straßen mir ihren Frauen vermischt : Nam quid ego de Cynicis loquar : quibus in propatulo coire cum coniugi - bus mos fuit . Quid mirtun fi a canibus , quorum vitam imitantur , «•tiam vocabulum nomenque traxerunt ? Laäantius , Libr . III , cap . XV , Diuinariim Inftitutionum . Die Cyniker haben geglaubt , daß solches in der Vemunst gegründet sey ; denn , haben sie gesager : wenn e« rechr ist , seine Frau zu erkennen , so ist es auch recht , sie öffentlich zuerkennen : nun isteS reckt , seine Frau zu erkennen : deswegen ist es auch recht , sie öffentlich zu erkennen , l^oc illi canini Philofophi , hoceftCynici , non videnint proferentes contra humanam verecundiam , quid aliud quam caninam , Hoc eft immundam impudentemque fententiam , vt fcilicet quoniam iuftum eft , q»od fit in vxore , palam non pudeat id agere . nec in vico , riec in plat'ea qualibet coniugalem concubitum deuitare . Auguft . de Ciuit . Dei Libr . XIV , cap . XX . Ich habe zu Anfange der Anmer , kung ( L ) hx« dein Artikel Diogenes , der Cyniker , einen gleichmäßigen Vernunftschluß des Diogenes angeführet . Dieß ist das elende SophiS - ma , a difto finipliciter , ad diftum fecund um quid . Dieß ist , alswenn man sagen wollte - es ist gut N>ein zu trinken , also ist es gurtvein zu trinken , wenn man das Lieber bar . Dergleichen Leute wußten nicht , daß es viele Thattn qiebt , die nur bey gewissen Umständen gut sind : so daß die Auslassung dieser Umstände eine That böse machen kann , die
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sonst gut ist . Seinem Freunde Geld leihen , daß er seine Schuldner be - zahlt , ist eine sehr löbliche Thar : aber ihm solches zum Volltrinken zu leihen , oder zum Spiele , ist eine böse That . E« qiebt wirklich böse Tha - ten : sie können niemals gut werden , man mag sie bey Umstanden thun , wie sie seyn mögen : allein es giebt andere Dinge , die bald gut , bald böse sind ; nach der Zeit und den Oettern und den Umständen , darinnen man sie begeht . Ich bekenne , daß mir diese« nicht zureichend zu seyn scheint , die Cyniker aufs äußerste zu bringen ; denn sie würden ihren Vernunftschluß also umdrehen können . Wenn eine Sache an sich selbst gut und recht ist , so darf man sich nicht schämen , sie zu thun : nun ist die ehliche Pflicht an sich selbst eine gute und rechte Sache : deswegen darf man sich nicht schä - men , sie zu leisten : man kann sie also rechtmäßiger Weise öffentlich kit sten ; denn wenn etwas diese öffentliche That verderben könnte , so würde es das einzige seyn , daß man die Schaam bey solchen Umständen aus den Augen setzte , da man dergleichen haben sollte Die Schwierigkeit läuft also auf diese einzige Frage hinaus : muß man sich schämen , die ehli - che Pflicht im Angesichte der U ? elr zu leisien 1 Eine schöne Frage I wird man sagen , und wer zweifelt daran ? Ich , wird Diogenes antwor - ten , und man beweise mir , daß ich Unrecht habe . Man wird ihm ant - Worten , daß die Scham in Ansehung dieser Thaten eine natürliche Re - gung ist ; und dieß heißt also wider die Natur bändeln . wenn ma^ bey dergleichen Vorfällen keine Scheu hat . Allein , wird er antworten , wenn dieß eine natürliche Regung ist , so müßten die Thiere , welche dem Trieb« der Natur so getreulich folgen , die Finsterniß und Hölen suchen , an der Vermehrung zu arbeiten . Nun ist nichts fälfcher , als dieses . Wenig - stens müßten die Menschen bey dergleichen Fällen den allerdunkelsten Aufenthalt suchen , welches auch falsch ist ! denn viel Völker in Indien arbeiten an der Jengung im Gesichte aller Vorbeygehenden . Dieses be - obachret der berühmte Pyrrhouier Empirieus ( * ) , um zu beweisen , daß die gewöhnliche Uebung kein unveränderliches und ewiges Gesetz der Na - tur zum Grunde habe , sondern ein bloßes eingeführtes Recht und ein Eindruck der Erziehung fey . Er würde den Gebrauch der Mos / nienser haben anfuhren können , deren Artikel man weiter unten sehen wird . La Mothe le Vayer hat beobachtet , daß gewisse Volker die Liebe in de» Tempeln selbs ? getrieben , und gesaget haben , daß , wenn diese Tbar der Gottheit missiele , sie solche den übrigen Thieren nicht zulast sen würde . Dialog . d'OrofiusTubero , p . 111 . 165 . Er führet den Hero - dotus im II B . an . Er setzet dazu , daß noch heutiges Tages eint mahometanisckie Secte diese Uebung habe , und daß uns die neue U ? elr in dieser Unschuld erschienen sey . Man wird dem Diogenes antworten , eS sey genug , daß die gesitteten Völker der Schamhaft tigkeit unterworfen wären ; und man habe sich um dasjenige nicht zu bekümmern , was barbarische Völker thäten : allein er wird seines TheilS antworten , daß die Völker , die man Barbaren nennet , sich weui - ger von der Regel der Natur entfernet haben , als die Völker , die nach der Spitzfindigkeit ihres Geistes die Gesehe des Wohlstandes und der Höf - lichkeit vermehrt haben ; und daß es , da das Naturrecht keiner Verjäh - rung unterworfen ist , endlich jedem erlaubt sey , sich an allen Orten und zu allen Zeiten demselben wieder gemäß zu bezeigen ; ohne daß er auf das willkührliche Joch der Gewohnheiren , und auf die Meynung seiner Lan - deSlenteAchr haben darf .
( * ) Ti irniosif ywceaü ptyvvriai Kaimt * « ? ' >>f»v al9%fbv s7voii So - xäv , Tin tüv l'vifiv Jk aicxfdv ti'vMf vsp^fTOi' Jv äha -
imuelti Haäiitg ■xtfl tb ( pias ; z .
Betrachtung über die Schwache der Vernunft .
Dieß sey zum Beweise gesager . zu was für Irrwegen die menschliche Vernunft verführet . Sie ist uns gegeben worden , uns auf den rechten Weg zu leiten : allein dieß ist ein Ungewisses , flüchtiges und wankeimü , thiges Werkzeug , welches man auf alle Arren , wie einen Wetterhahn herumdrehen kann . Ätan sehe , wie sich die Cyniker derselben bedient ha - ben , um ihre abscheuliche Unverschämtheit zu rechtfertigen . Ich kann zur Ehre und zum Ruhme der wahren Religion dazufetzen , daß sie allein sehr gute Waffen wider die betrüglichen Bernunstschlüffe dieser Leute dar - biethet : denn wenn man auch in der heil . Schrift kein ausdrückliches Ge< both von der Finsterniß weisen Könnte , damit man die Geheimnisse des Ehstandes bedecken soll , so ist es genug , zu sagen , erstlich : daß unS der Geist der heil . Schrift verbindet , alles zu vermeiden , was die Eindrücke der Schamhastigkeit schwächen kann ; und zum andern , daß es ausdrück - liche Sprüche giebt , die un« verbiethe» , das geringste zu thun , was wider den Wohlstand streitet , oder unser» Nächsten ärgert . * Ich weis nicht , ob jemals ein einziger von denjenigen Cafuisten , die ihre Muße so sehr gemiSbraucket haben , um gewisse metaphysische Gewissensfälle zu unter - fudxn , auf den Einfall geralhen , zu erforschen , zu was für einer Gattung der Verbrechen die Unverschämtheit eines Krates und eines Diogenes zn rechnen sind . Sie haben nicht geglaubt , daß es ein göttliches Gesetz hier - über gegeben habe , und daß man verbunden sey , sich den willkuhrlicken Ge - wohnheiten zu unterwerfen . Sie haben geglaubt , daß man höchsten« , wenn man sich denselben nicht gemäß bezenget , sich den Schimpf der Un - gefchliffenheit , und einer zu schwachen Gefälligkeit gegen einen eingeführ« ten Gebranch zuziehe ; unhöflich , grob und ein böser Beobachter der den seyn , das ist , sittlicher Weise davon zu rede» , keine strafbare oder böse Thal . Was würde man also wider die Cyniker sagen können , tvenn man sie nicht durch geoffenbarte Wahrheiten verdammet ? Ich habe über die - sen Puuet niemals etwas gelesen , und ich weis nicht , ob es jemals von jemand gesaget worden , daß itzo eine eynische That strafbar fty : » ) 'we - gen des dem Nächsten gegebenen AergernisseS ; 1 ) wegen Verachtung der willkührlichen Gewohnheiten : z ) wegen der Nachläßigkeit , die >uan zur Erhaltung der Grenzen der Keuschheit zeigen würde . Ich sehe einen V ! enschen voraus , der überzeuget ist , daß die That an sich selbst md ) t mentlich in der heil . Schrift verbvthen ist , und daß sie dem natürlichen Rechte nicht zuwider läuft . Wenn sie demselben zuwider wäre , so wür . den die Urtheile , die den Beyschlaf verordnen , in Ansehung der Richter eben so viele Verbrechen seyn .
* Ich kann nicht unterlassen , hier anzumerken , daß Herr Bayle hier der Vernunft etwas abspricht , um es der Offenbarung beyzule - gen ; hernach aber , wenn es zum Klappen kommt , doch wiederum zur Vernunft feine Zuflucht nehmen muß : weil et selbst wohl sieht , LH ll daß

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