Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4634

96
Carneades .
frul principiif nattiralibus eilet extremum . Cicero de Finibus , Lib . II . cap . XI . zu Ende . Foucher am angezogenen Otte auf der 158 Seite glaubet , daß dieses sagen will : Alle Verrichtungen des Verstandes unv des rvillens in der Vollkommenheit ausüben , ohne daß man darinnen rveder durch Unwissenheit Oer Vorurcheile , oder Durch einige andre äußerliche Schwierigkeit gehindert jbetöe . Cicero bemerket , es habe Karneades diese Meynung aus keiner andern Ursache behauptet , als den Stoikern zu widersprechen , und daß , wenn man die Tugend mit diesem Glücke vereiniget , das Maaß der wahren Glückse - ligkeit erfüllet hätte . Quae pofliint eadem contra Carneadeum illud fummum bonum dici , quod is non tarn vt probaret , ( man füge hier diese Worte des V V . de finibus , cap . VII . dazu : Voluptatis Ariftip - pus , non dolendi Hieronymus , fruendi rebus his , quas primas fe - cundum naturam efle diximus , Carneadei non ille quidein autor , feddefenfor diflerendi caufa ; ) protulit , quam vt Stoicis , quibuscum bellum gerebat , opponeret . la autem eiusmodi eft , vt additum ad virtutem autoritatem videatur habiturum , et expleturum cumulate vitam beatam . Cicero , de Finib . Lib . II . cap . XIII . Er hat in ti - nem andern Buche gesaget : Honefte viuere sruentern rebus hi» , quas prima» bomini natura conciliet , et vetus Academia cenfuit , vt indi - cant fcripta Polemonis , quae Antiochus probat maxime , et Arifto - teles eiusque amici nunc proxime videntur accedere . Introduce - bat etiam Carneades , non quo probaret , fed vt opponeret Stoicis , fummum bonum esse frui his rebus , quas primas natura concilia - uiffet . Cicero , Academ . Quaeft . Libr . II . cap . XLII . zu Ende . nige andre Stellen des Cicero in dem Buche , de Finibus , II B . XI und , f . Cap . und im V B . das IX und f . Cap . bezeugen sehr Kärlich , daß Karneades die Glückseligkeit in dem Genüsse des natürlichen Gutes ein - geschränket hat , ohne das ehrbare Gut darunter zu begreifen . Es ist gut zu bemerke : , , daß er in dieser Materie die Stoiker und Peripatetiker , bis auf das äußerste getrieben ; denn er hat ihnen bewiesen , daß ihre Streitigkeiten von dem höchsten Gute , ein bloßer Wortstreit waren . Carneades tuns egregia quadam exercitatione in dialeäicis , fumma - que eloquentia rem in fummum difcrimen adduxit , propterea quod pugnare non deftitit in omni hac quaeftione , quae de bonis et ma - lis appclletur , non esse rerum Stoicis cum Peripateticis controuer - fiam , fed nominum . Ebcndas . III B . XII Cap . Er hat die Streiche unter diesen zwoen Seelen beurtheilet , und er hat der einen gezeiget , daß die Dinge , die sie gut nennte , und der andern , daß die Dinge , die sie gemächlich nennte , unserer Begierden nicht wehrt waren , weil ihnen die eine keinen mehren» Vortheil zueignete , als die andere . Quorum con - trouerfiam folebat tan quam honorarius arbiter iudicare Carneades . Kam quum quaecunqtie bona Peripateticis , eadem Stoicis commo - da viderentur , neque tarnen Pcripatetici plus tribuerent diuitiis , bo - nae valetudini , caeterisque rebus generis eiusdem , quam Stoici , quum ea re , non verbis ponderarentur , caufam esse defiderandi ne - gabat . Ebendas . Tufcul . Lib . V . zu Ende . Einer von seinen Siegen wider die Stoiker ist gewesen , daß er sie aus einem Posten verjaget , dar - innen sie sich lange erhalten hatten . Sie hatten gesaget , daß vergüte Name ohne Nutzen nicht verdiente , daß man einen Fuß fortsehte . Allein sie haben dem Kameades nicht widerstehen können , sondern be - kennen müssen , daß er unsrer Wahl an sich selbst würdig wäre . das . de Finib . Lib . III . cap . XV . u . f . Jedermann weis , daß sie einen Unterschied unter dem Guten , und denen Dingen gesetzet , welche einm Vorzug verdienen .
( L ) Sein Streit rvider die Orakel des Apollo hatte einige Starkes Er hat gesager . daß diese Gottheit zukünftige Dinge nicht voraus sagen könne , wenn sie nicht , venigstens von einer nothwendigen Ursache abhiengm ; er hat ihm alle Erkenntniß von allen zufälliqen Be - gebenheiren abgesprochen , als z . E . des Vatermordes des Oedipns ; denn da keine notwendige Ursache vorhanden gewesen , die diese , , Menschen gezwungen hätte , seinen Vater umzubringen . so hat man auch nicht zu , vor sehen können , daß er ihn umbringen würde : das Zukünftige kann nicht eher erkannt werden , als . bis man alle wirkende Ursachen einer That erkennet . Er hat auch gesaqct , daß die Götter , welche die Aussicht über die Orakel hätten , auch nicht einmal das Vergangene erkennen könn - ten , wenn keine Zeichen mehr übrig wärm , welche zur Spur dienten , bis auf die Zeit der Begebenheit zurück zu gehen . Ohne Zweifel hat er gewollt , daß es keine andre Spur gebe , die hlenu dienen könne , als der Zusammenhang der natürlichen Ursachen , die ohne einigen Gebrauch der Freyheit wirken ; und daß also die Handlungen von dem fteven Willen des Menschen , welche diese Kette zerreissen , die Gotter verhin - dern , bis in die vergangenen Jahrhunderte zu sehen , wmn kein res Denkmaal von den Begebenheiten übrig ist . Dicebat Carneades , ne Apollincm quidem futura pofle dicere , niii ea , qiiorum caufas natura ita contineret , vt ea fieri necefle esset . Quid enim fpecYans Dens ipfe diceret , Marcelluin eum , qui ter Conful fuit , in mari esse periturum ? Erat auidem hoc verum ex aeternitate , fed caufas id effkientes non habebat , ita ne praeterita quidem ea , quorum null» figna tanquam veftigia extarent Apollini nota esse cenfebat , quo nus futura . Caufis enim efficientibus quamque rem cognitis , pofle denique feiri quid futurum esset . Ergo nec de Oedipode potuifle Apollinem praedicere , nullis in rerum natura caufis propofitis , cur ab eo patrem interfici necefle eflet , nec quicqtiam eiusmodi . Cicero , deFato , c . XIV . Chrysippns ist dem Einwurfe ausgewichen , der daher genommen war , daß ein zum sterben bestimmter Mensch sterben würde , er möchte Arznenmittel brauchen oder nicht : er ist ihm ausgewichen , sage ich , indem er die Verbindung der vorher bestimmten Begebenheiten voraus sehet ; als daß ein solcher Mensd ) sich eines Arztes bedienen , und gesund werden würde . Dieser wegen sind die Arzneymittel ein Anhang von dein Sd ) icksale der Genesung . Omnes igitur huius generis captiones codem modo refelluntur . Sine tu adhibueris medicum , fiue non adhilueris conualefces , captiofum . Tarn enim eft fatale Medicum adhibere , quam conualefcere . Haec vt dixi confatalia ille appel - lat . Ebendas . XIII Cap . zu Ende . Karneades ist mit dieser Antwort nicht zuftieden gewesm : allein diejelbe wohl zu widerlegen , hat er die große Schwierigkeit gewiesen , ich will sagen , die Vernichtung der Frey - heil . Wenn man also mit den Schlüssen des Verhängnisses die chen mit ihren Wirkungen verbindet . saget er , so wird alles aus Roth - wendigkelt geschehen , nnd nichts wird in uiisrer Gewalt sevn : jedes Ding würde von einer vorhergehmden Ursache abhängen , und alle sind mit einem natürlichen und unauflöslichen Bande verknüpfer . Man
wird seine Gedanken aus dm lateinischen Worten des Cicero besser ver - stehet , : Carneades genus hoc totum non probabat , et nimis incon - fiderate concludi hanc rationem putabat : itaque premebat alio do , nec vllam adhibebat calumniam , cuius erat haec conclufio : Si omnia antecedentibus caufis fiunt , omnia naturali colligatione con - ferta contextaque fiunt , quod fi Ita eft , omnia neceflitas efficit . Id fi verum eft , nihil eft in noftra poteftate . Eft autem aliquid in no - ftra poteftate . At fi omnia fato fiunt , omnia caufis antecedentibus fiunt : non igitur fato fiunt , quaecunque fiunt . Ebendqs . XIV Cap . zu Anfange .
Man sieht , daß die Streitigkeiten der Augustiner mit dm Jesuiten und Remonstranten , über die Folgen von der Borherbestimmung , unter den alten Philosophen Platz gehabt . Man sieht , daß Karneades den Gottesgelahrten , weld ) e die Vorherbestimmung verfechten , die Vorschrift dargebothe» , ihren Widersacl ) ern einzuwenden : daß E ) ott die zukünftigen Dinge nicht vorher fthen würde , , ven» sie von einer gleichgültigen Ur - fache abhiengm . Es ist niemand so redlich gewesen , jals die Socinianer , die klare Stärke dieses Einwurfs zu erkennen : allein in was für einen Abgrund haben sie sich nicht durch die Offenherzigkeit gestürzet . Sie kostet ihnen das Vorherwissen Gottes , und was kam , mm , ungeheurers nennen , als einen Gott , der die Handlungen der Menschen nicht anders erkennet , als in so fem fle geschehen . *
* Es ist wahr , daß die Socinianer lieber das Vorwissen Got - res , in Ansehung der freien Handlungen leugnen , als die praede - tenninationem phyficam der Scholastiker zugeben wollen . Al - lein sie haben sich fälschlich eingebildet , daß das Borwissen GottcS die Handlungen der Menschen nothwendig machet . Das Gleich« niß von den , Vorherwissen der Sonnenfinsternisse ist sehr geschickt , ihren Irrtum zn zeigen . Der Sternseher sieht sie mir vorher , weil sie kommen werden : sie kommen aber nicht , weil er sie hen ; sondern weil der Lauf der Wellkörper es so mit sich bringet . Wenn also der Mensch etwas thnt , so lhut ers nicht , weil es Gott vorher gewußt hat : sondern Gott jäh es vorher , weil der Zusam - mmhang der menschlichen Neigungen , Umstände , Gelegenheiten und Gewohnheiten es so mit sich brächten , daß der Mensch dieß , und nicht jenes rhun würde . Dergestalt kömmt aber freylich auch in dm freyen Handlungen eine Vorherbestimmung heraus , dievie - Ten als eine Notwendigkeit , ja als ein Zwang vorkömmt , der alle Freyheit aufhebt . Die sich aber daran stoßen , erwegen die beut - uchen Begriffe der Notwendigkeit nnd Zufälligkeit nicht . Sie unterscheiden auch nicht die Notwendigkeit von der Gewißheit . Was nothwendig ist , dessen Gegentheil hält einen Widerspruch in sich : was aber zufällig ist , dessen Gegentheil ist eben so wohl mög - lich . Da nun von zweyen oder mehrern möglichen Fällen , nur einer zur Wirklichkeit kommen kann : so muß doch eine Ursache seyn , warum vielmehr dieser , als ein andrer dazn gelanget . Der Grund aber , welcher der einen Möglichkeit den Vorzug vor der andern giebt , muß bereits in dem Willen , oder dem Verstände der Menschen , oder in den Umständen der Zeit , und des Ortes u . d . gl . vorhanden seyir . Dadurch nun , daß sicy dieses allcS kräftig erweist , und die freye Handlung des Menschen geschieht , verändert diese ihrezufalligeNa« tut nicht . Sie bleibt nämlich wie sie war ; denn dadurch daß sie zur Wirklichkeit kömmt , wird ihr Gegentheil nicht widersprechend oder unmöglich . Sie wird nur gewiß gemacht . so daß sie unfehU bar geschieht , wofern ihr nicht noch andre Ursachen eine Hinderniß in dm Weg legen .
Ein Bcyspiel machet die Sache klar . Eine Obrigkeit setzet den Tag an , wenn ein Verbrecher hingerichtet werben soll . Ehe sie es thut , ist die Sache ungewiß und unbestimmt . Es ist an vielen Tagen möglich , diese Sttase vollstrecken zulassen . Kein Tag ist also nothwendig , denn an unzähligen Tagen ist kein Widerspruch zu besorgen . Die Obrigkeit kann also ftey wählen , und na6 ) Betrach - tung der Umstände einen bequemen Tag ansehen , daran das thal vollzogen werden soll . Hat sie dieses nun einmal gethan , so ist der Tag des Todes bestimmt und gewiß ; aber darum nicht noth« wendig geworden . Er bleibt so zufällig , als er war ; ob ihn gleich die ganze Stadt vorhr ? weis . Er könnte auch , dem allen nngeachtet , noch geändert werden : wenn nämlich der Fall sich zutrüge , daß der Verbrecher noch mehr Frevelthaten bekennet ? , andre Gehülfen gäbe , oder gar von dem LandeSherm begnadiget würde . Geschieht aber dieses nicht , so bleibt der vorige Tag gewiß : und doch wird niemand sagm , daß dir Obrigkeit aus Zwang oder Nothwendig - feit diesen Tag angeseher hätte .
Es ist leicht die Deutung auf Gott und die menschliche ! , Hand - hingen zu machen : wenn man nicht Lust zu zanken hat , und die Wahrheit imparteyisch suchet . Der Herr von Leibnitz in seiner TheodiZ cee , Bülfinger in seinen Dilucidationibus , und Herr Wolf in seinen Erläuterungen , über die vem . Ged . von Gott der Welt , ic haben dieses ausfuhrlicher gewiesen . Es ist bey dem allen nur zu be - dauern , daß man sich bey denen zur Existenz bestimmten Zufällig - keitm , des Wortes neceflitas hypothetica , bedienet hat . Denn obgleich im Grunde der Zusatz hypothetica , dem Worte tas , allen Zwang benimmt : so klingt es doch vielen Leuten noch immer so fürchterlich , wenn sie von einer Notwendigkeit reden hören . Allein es ist die Schuld der Scholastiker , daß sie dieses Wort emgeführet haben . Wer sich aber einbildet , daß diese Certi - tudo , oder Gewißheit aller fteyen Handlungen der Offenbarung und evangelischen Religion zuwiderlaufe , dem will ich ein paar Worte , aus des großm Mannes , Luthe« , Buche , de Seruo Arbi - trio , Hersetzen , darinnen er seine Meynung davon gesaget hat : So schreibt er pag . 21 . Ed . Argentor . 1707 . in 4 . Ex quo fequi - tiir irrefragabiliter : omnia quae faeimus , omnia quae fiunt , etfi nobis videntur mutabiliter et contingenter fieri , reuera rnen fiunt neceflärio et immutabiliter , fi Dei voluntatem fpeöe * . Voluntas enim Dei efficax eft , quae impediri non poteft , cum fit naturalis ipfa potentia Dei ; deinde fäpiens , vt falli non poflit , etc . Optarim fane aliud melius vocabulum dari in hac difputatione , quam hoc vfitatum ittctJJitMs , quod non refte di - citur , neque dediuina , neque humana voluntate , etc . G .
( Mj { & c hat mit dem Mmtor gebrochen , u . s w . 1 Alle Zweideutigkeit zu heben , muß ich sagm , daß Mentor bey der Beyschlä»
ferinn

Nutzerhinweis

Sehr geehrte Benutzer,

aufgrund der aktuellen Entwicklungen in der Webtechnologie, die im Goobi viewer verwendet wird, unterstützt die Software den von Ihnen verwendeten Browser nicht mehr.

Bitte benutzen Sie einen der folgenden Browser, um diese Seite korrekt darstellen zu können.

Vielen Dank für Ihr Verständnis.