Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11970

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Herlicius .
Leser zu seinem Vortheile ein , und er weis sehr wohl , daß er eine vor - lheilhafte Materie gefunden hat . Allein , endlich ist es ein Beweis von dem Verderbnisse des Geschmackes , wenn man die Erzählung der kriege - rischen Thaten , der Erzählung einer löblichen Aufführung vorzieht ; und an einem Menschen mehr die Stärke der Arme , und die Verwegenheit , einen Eber , oder einen wilden Stier zu überwältigen , als die Tugend be - wundert , die ihn zum Meister seiner Leidenschaften machet und antreibt , gute Verordnungen unter seinen Nachbarn einzuführen . Diese Tugend , die nicht so schimmernd , als die andre , ist , hat viel mehr Antheil an der wahrhaften Hoheit : es ist mehr wesentliches in denen Eigenschaften Herkuls , welche die Scribenten mit Stillschweigen übergangen haben , als bey denjenigen , die sie so prächtig ausgeposaunet haben . Allein was will man sagen ! sie folgen dem Geschmacke der Welt . Man merke , daß junge Leute viel mehr Vergnügen an romanhaften , als wahrhaften Historien finden , und wenn das Alter die Beurtheilungskraft gereift und verbessert hat , so lesen wir lieber einen Thuanus lind einen Mezerai , als einen Calprenede und einen Scudery . Allein es begegnet wenig Leu - ren , daß sie , in Ansehung der Beschreibung eines ruhigen Reiches , und der Historie einer mit Unruhen und großen Begebenheiten angefüllten Regierung , den Geschmack der Kindheit verlieren .
( 8 ) Man hat die Musen uuter Sem Schutte - Rechtis , in den Tempel gefetjet . ] Dieser Tempel ist vom Fulvius Nobilior er -
bauet worden , welcher die Aetolier im 565 Jahre Roms überwunden ist damals Consul gewesen . Die vornehmste von ihren Städten hat Ambracia geheißen : er hat sich derselben bemächtiget , und
die daselbst gefundenen Bilder der neun Musen nach Rom gebracht , und sie dem Tempel geweibet , den er dem Herkules erbauet , und dem Schutze dieses Gottes untergeben . Ich glaube , wir würden nichts von diesen Umständen wissen , wenn nicht ein Redner derselben gedacht hatte , der fünf oder sechs Jahrhunderte darnach gelebet hat . Seine Worte sind würdig , angeführet zu werden . Aedem Herculis Mufamm in circo Flaminio Ftihiius illc Nobilior ex pccunia Cenforia fecit , non id modo fcctitus , quod ipfe litteris et fumma Poetac amicitia duceretur , fed quod in Graecia cum esset imperator , acceperat Herculem Mufa - getem efle , id eft comitem ducemque Mufarum , idemque pritnus no - uem figna , hoc eft omnium Camaenarum , ex Ambracienfi oppido translata , fub tutela fortiffimi numinis confecrauit , vt res eft , quia mutiüs operibus et praemiis iuuari ornarique deberent : Mufarum quies defcnfione Herculis et virtus Herculis voce Mufamm . Eutne - nius , in Orat . pro Scholis inftaur . Dieser Redner hat Reckt zu sagen , daß die Kriegshelden und Musen einander nöthig haben : Jene müssen den Musen die Ruhe und Sicherheit verschaffen ; und diese müssen die schönen Thaten der Helden , durch ihre Gesänge unsterblich machen . Wir würden nach dem Begriffe eben dieses Redners dasjenige aus unsern Her - kul deuten können , was man gesaqet hat , daß diejenigen , die so berühm - te Thaten verrichten , welche die Besingung der Poeten verdienen , auch die Verse lieben .
Lärmen amat quisquis carmine digna gerit .
Wir wollen beobachten , daß Statins , Silv . I . Lib . III . v . jo . voraussetzet , daß Herkules die Musik wohl verstanden habe :
Die age Calliope , focius tibi grande fonabit Alcides , tenfoque modos imitabitur arcu .
Andre bemerken , daß er die Astrologie verstanden : Gabriel Naude giebt dieß für eine gewisse Sache an ; allein mit einiger Unwissenheit . Es ist an einer Stelle von seinen Staatsstreichen , wo er von einigen Personen redet , die den Betrug angewendet haben , um zu der Ehre der Vergotte - rung zu gelangen . Avas - Herkules gethan . saget er im II Cap ><9 S . ist viel sinnreicher gewesen ; Venn wie er in Ver Srernkrmsi sehr erfahren gewesen , wie Sie Fabel von seinem Leben bezeuget , die ihn nebst Sem Atlas den - Himmel tragen läßt ; * so hat er auch die richtige Stunde und Zeit der Erscheinung eines großen Co - nuten erwählet , um sich auf den brennenden Scheiterhaufen ) u seyen , wo er sein Leben endigen wollte : damit dieses neue Feuer des - Himmels , als ein Zeuge dabey sevn , und dasjenige von ihm überreden sollen , was die Romer tue * darauf ihren Raisern , vermittelst des Adlers , weis machen wollen ; der mitten aus den Flammen aufflog . als wenn er die Seele des Verstorbenen , in Jupiters Arme tragen wollte . Hier ist ein Schriftsteller . der vor - - aussetzet , daß man die Erscl>einung der Ccmeten , vorher sehen könne . Al - lein er bekriegt sich : sein Ausleger hat ihn deswegen getadelt . Siehe les Reflexion» de Louis de Mai , für les Coups d' Eftat de Naude , p . >44 -
Man merke , daß der Tempel , welchen Fulvius Nobilior dem Herkules hatte bauen lassen , zur Zeit des Augustus fast verwüstet gewesen ; allein cius MartiuS Philippus , ( * ) hat ihn wieder bauen lasM , und einen Seu - lengang darzu gesüget , Man sehe denOvidius , zu Ende des VI B . der Faftor . und den Martial im 51 Sinngedichte des V B .
( * " ) Die Mutter des Augustus hat sich wieder mit diesem Philippus vermählet .
* Was Naude saget , kann vielleicht richtiger seyn , als Bayle denket . Der Name Atlas kömmt von rwVn , und mit dem Phö - nizischen Artikel rmVni« , atlah , die Arbeit , die Bemühung : daher kommt das griechische «3 * °« , welches große Schwierigkeiten be - schwerliche Kämpfe bedeutet ; ja das lateinische antlare , exantlare labores , kömmt eben da der . Homer hat uns aus der Ursache Odyfl " . I B . den Atlas für einen sehr gelehrten König ausgegeben . Vir , gil schreibt , man habe dem Atlas die Kenntniß der Mondeswechsel und Sonnenfinsternisse zu verdanken gehabt .
Cithara crinitus Iopas ,
Perfonat aurata döcuit quae maximus Atlai ,
Hic canit errantem Lunain , folisque labores .
Da nun derselbe Name Atlas auch von nbn , telab , aufheben , stützen herkommen , und atlah , eine Stütze , Säule bedeuten kann : so hat man denselben Atlas , der in der Sternkunst so erfahren war , zur Stütze de« Himmels gemacht , uud endlich die hohen Berge Mauritauiens , welche die nach Spanien handelnden Phönizier , al - lezeit mit Wolken bedeckt sahen , nach dem alten Fabelgeiste der Völker , mit seinem Namen genennet .
Hat nun Herkules die goldnen Aepfel der Hesperiden geholet , so kann er auch zu diesem mauritanischen Könige gekommen seyn , und von ihm einige Lehren der Sternkunst gefasset haben . Ja , da er vielleicht demselben in Beobachtung ihres Laufes auf den Gebirgen beygestanden , und den Unterscheid der gewöhnlichen himmlischen Körper , von den ungewöhnlichen gelernet ; so hat man nicht allein Gelegenheit genommen zu sagen , daß Herkules dem Atlas den mel tragen geholfen ; sondern auch , daß er die Comeren beobachten können . Nun meynet zwar Herr Bäyle , das Vorhersehen der CT ) Gtrabo , der einen Gedanken des posidonius getadelt hat , hat nicht den wahren Mangel gekannt . ^ AeschyluS setzet vor - aus , ( siehe 8trab . Lib . IV . p . m . 126 . ) daß dem Herkules gemeldet wor - den , er würde sich bey dem Gefechte wider die Ligurier , weil tS das Ver - hängniß also beschlossen , ohne Pfeile , und an einem solchen Orte befin - den , wo er nicht einen einzigen Stein würde abbrechen können ; daß aber Jupiter in diesem Zustande Mitleiden mit ihm haben würde , der ihm , vermittelst einer mit Steinen angefüllten Wolke , Waffen darbiethen würde , die ihm dienen sollten , die Ligurier zu überwinden . Wie viel besser wäre es gewesen , hat Posidonius gesaget , wenn Jupiter diese Steine auf die Ligurier herunter fallen lassen , undsie damit zu Boden geschlagen harte , als den Herkules in einen solchen Mangel zu versetzen :
tj TcffSrov itopsvov Toiifirat aOov tov hQyam ad tot lapidum indigentiam redigere Herculem . Strabo hat diese Beurtheilung be - antwortet und zwey Dinge gesaget : erstlich , daß es zur Bestreitung einer großen Anzahl Feinde , viel Steine gebraucht , so daß in diesem Stucke der Gedanke des AeschyluS viel wahrscheinlicher ist , als seines TadlerS . To pi»
bv T OffBTOV ivayiMHOV t ( V . hirsf ttcrf Tfoe ox * * v * a / / tal ) 3 ) J . u ( TS tu4t% yt
jrisavwtcfoc 0 / xuSeyf & ipet rü üvagiuu & 2fivTOf tov / xuSov . At vero tot la - pidibus opus erat contra tantam multitudinem : vt hac quidem in parte fabulae autor probabiliora dixerit , quam fabulae reprehenfor . Ebendas . p . 127 . Zum andern setzet er dazu , daß der Poet , da er ausdrück - lich saget , daß e6 ein Streich des Verhängnisses sey , allen Tadlern das Maul stopfen müssen ; denn wenn man über die Prädestination und Vorsehung streiten wollte , so würde man so wohl in der Sitten - als Naturlehre viele Dinge finden , die zu sagen Anlaß gäben ; es hätte auf eine andre Art besser gemacht werden können , als auf diese ; zum Exem - pel , eS wäre besser gewesen über Aegypten regnen zu lassen , als es mit dem aus Aethiopien kommenden Wasser anzufeuchten ; eS wäre besser gewesen , daß Paris auf seiner Reise nach Lacedämon Schiffbruch gelit - ren , als daß er die Helena daraus entführet hätte , und daß er deswegen erstlich nach diesem , zum großen Schaden der Griechen und Trojaner , ge - strafet worden : eine Sache , die Euripideö dem Jupiter Schuld giebt :
koj rar näftv «Q tijv Znugruiv ta^cvt« , vavxyta icigiirettfiv . ääj * t>f» eafvifv i ? ? [ ueccjtcc , Unat rlton toh ccSik^mi - j urt ( ov , ijuix / x tooZtov «t« ? - yuexTQ ( p$o ( ov iitsg Ev ( inlä>f ( imjyfyilfv tov a ( a •'
Ztvf ymf kxhov jiiv tf»ff ) traust i' e>kuh QiÄav ysvi & oy , Vä S' Ißiitovsiy frunif .
Et Paridem cum Spartam peteret debuifle potius naufragium facere , quam rapta Helena , poenas poftmodo fceleris dare , autorem tantae cladis Graecorum ac Barbarorum : quam Euripides Ioui imputat : Iupiter malum Troibus , et cladem Graetiae Volens contingere , ifta decreuit pater .
Strabo , Lib . IV . p . m . 127 . Ich glaube , daß Strabo zwar geschickt , aber nicht aufrichtig gehandelt hat . Es ist nicht wahrscheinlich , daß Posidonius seine Spottercy dar - auf gegründet , weil Herkules so vieler Steine nöthig gehabt hätte : nichts destoweniger hat sich Strabo diese Redensarten zu Nutze gemacht , weil sie diesen Sinn haben können . Allein über dieses hat er nicht den wah - ren Mangel deö Tadels entdecket : er hätte dem Posidonius antworten müssen , daß , wenn sich Jupiter schlechterdinges und überhaupt vorgs - nommen gehabt , die Ligurier zu vertilgen , er besser gethan hätte , wenn er die Steine auf ihre Köpfe , cils um den Herkules herum hätte fallen lassen ; allein da er gewollt , daß Herkules der Urheber von der Nieder - läge dieses Volkes seyn sollen , so hat er sie nahe bey ihm , und nicht auf seine Feinde müssen herunter fallen lassen . Der Kunstrichter hat sich an einen Begriff gehalten , der eine unerschöpfliche Quelle zu falschen Schlüssen ist . Er hat nicht betrachtet , daß daö Verhängniß so wohl den Endzweck , als die Mittel zugleich einschließt .
( David ) Philosoph , Arzt und Stemkundiger , war ; u Zeiz in Meißen , den 28 des Christmonats 1557 , ge - bohren . Er brauchte die Hülfe von seiner Mutter Freunden zu seiner Unterhaltung auf Schulen ; denn er konnte aus dem tel seines Vaters nichts heranbringen , was hierzu nöthig war . Er lernte Verse machen , und singen , und verdiente sich durch die^
ler einem gescylcrren Proses , or IUU^ jui . ryinrn rvnnte , so glcng ernacy : eipzlg , unv trlev seme Studien begab er sich nach Rostock , und erhielt von den Professoren Eriaubniß , Privatvorlesungen zu halten .
Es gelung ihm damit so

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