Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4622

Carneades .
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de Legibus . Er leget diesen Grund darinnen , daß es ein natürliches Recht giebt , das heißt Handlungen , welche ihrer Natur nach gerecht sind , und die man zu thun verbunden ist : nicht weil man in einer Gesell - schaft lebet , welche diejenigen , durch ein geschriebenes Gesetz , der damit verknüpften Strafe unterwirft , welche dieselben nicht thun ; sondern we - gen der Gerechtigkeit und Billigkeit , womit sie ohne Unterweisung der Menschen verknüpft sind . Er verlanget , daß man dieses voraus setzen müsse , wenn man auf wohl ausgesuchte - und geschickte Grundsatze bauen will , und gleichwohl hoffet er nicht , daß sie jedermann billigen werde ; er verspricht sich nur den Beysall der alten Platoniker , Peripatenker und Stoiker - Um die Schule Epikurs bekümmert er sich nicht , dieselbe machte Profeßion , sich vor der Staatskunst in Acht zu nehmen : er läßt sie also nach ihrem Gefallen in dieser Einsamkeit philosophiren ; allein bey dem Arcesilas und Karneades bittet er um Quartier - Er befürch - tet , wenn sie ihn angreifen sollten , daß sie allzu große Löcher in das Ge - bäude machen möchten , welches er aufgeführt zu haben glaubet - Er empfindet nicht Herzhaftigkeit genug , sie zurück zu treiben : er wünschet also , ihrem Zorne nicht ausgesetzet zu seyn ; er verlangt , sie zu besänftigen , cr will keinen Krieg mit ihnen . Wir wollen seine Worte selbst besehen . Vcrcor committere , vt non bene prouifa et diligenter explorata principia ponantiir : nec tarnen vt omnibus probentur , nani id fieri non poteft , fed vt eis , qui omnia rcfta atque honeftaper fe expeten - da . duxerunt , et aut nihil omnino in bonis numerandum , nifi quod per feipfum laudabile esset , aut certe nullum habendum magnum bo - mim , nifi quod verc laudari fua fponte poflet . His omnibus fiue in Academia vetere cum Speufippo , Xenocrate , Polemone manferunt : fiue Ariftotelem et Theophralhim cum illis re congruentes , genere docendi paululum differentes , fequuti sunt : fiue , vt Zenoni vilum eft , rebus non commutatis immutauerint vocabula : fiue etiam Ari - ftonis difticilem atque arduani , fed iain tarnen fraöam etconui & am fe & am fequuti funt , vt virtutibus exceptis atque vitiis , caetera in fumma aequalitate ponerent ; his omnibus haec quae dixi proban - tur : fibi autern indulgentes , et corpori deferuientes , atque omnia , quae fcquantur in vita , quaeque fugiant voluptatibus et doloribus ponderantes , etiam fi vera dicunt ( nihil enim opus eft hoc loco li - tibus ) in hortulis fuis iubeamus dicere , atque etiam ab omni focie - tate reipublicae , cuius partem nec norunt vllam , nec vnquain nofle voluerunt , paulifper faceflant rogemus : perturbatricem autern na - rum omniuin rerum Acadeniiam haue ab Arcefila et Carneade re - centem exoremus , vt fileat . Nani fi inuaferit in has , quae fatis te nobis inftrudtae et compofitac videntur , rationes , nimias edet ruinas , quam quidem ego placare cupio , fubmouere non audeo . Cicero , Lib . I . de Legibus . Nach diesem Begriffe hat Karneades für einen Engel derVerwüstung gehalten werden können . Wir haben vom gesehen , daß Cicero , da er den LaliuS für die Gerechtigkeit widcr den Furius reden läßt , welcher für die Ungerechtigkeit geredet hatte , etliche Schlußreden des Karneades unbeantwortet gelassen . Dieß ist in seinen Büchern , de Republica , geschehen . Siehe St . Auguftin . de Ciuitate Lei , Lib . II . cap . XXL
* Es nimmt mich sehr wunder , daß Cicero , der doch sonst sehr scharfsinnig war , sich vor den Spitzfindigkeiten des Karneades ge - fürchtet . Allein ich errathe gewisser maßen die Ursache . Er war selbst ein AkademicuS , und hatte seine meiste Gelehrsamkeit dieser Schule zu danken . Da er es also selbst gewohnt war , von allen Dingen zu streiten , und bald dieß , bald jenes zu behaupten , wie er ' sichs vornahm , welches aus seinen meisten philosophischen Schrif , ten erhellet : So war er der Wahrscheinlichkeiten so gewöhnet wor - den , daß er endlich die Stuffen derselben nicht mehr unterscheiden konnte . Er hätte sich aber leicht aus dem Irrgarten von der Gerech - - tigkeit , dessen in der vorigen Anmerkung gedacht ward , helfen kön - nen , wenn er sich erst recht hätte erklären lasse« , , was Iuftitia , was Prudentia , was Sapientia sey ? Wenn Karneades das Recht behält , mit diesen Worten zu spielen , so kann er einem ungeübten leicht ein Blendwerk machen . Allein wenn man ihn nöthigen wird , die Wörter in bestimmten und beständigen Bedeutungen zu nehmen : so wird er bald mit Schanden bestehen . Wenn nun je - wand die Gerechtigkeit beschriebe , wie Iustinian : Lonftans et perpetua voluntasj ius fuum cuique tribuendi ; oder sie mit Leib - nitzen , eine durch die Weisheit eingeschränkte Güte nennen wollte : so wollte ich doch einmal sehen , was Karneades sagen wollte . Wenn man ferner die Weisheit eine Fertigkeit nennte , geschickte Mittel zu guten Absichten zu erfinden ; und die Klugheit eine Ge , schicklichkeit die Hindernisse seines Vorhabens geschickt ju vermei - den , oder unkräftig zu machen : so würde es sich am Ende zeigen , daß alle diese Tugenden , einander nicht zuwider wären , sondern oft an einer einzigen Handlung Theil haben könnten . Endlich müßte man auch noch diesen Zweifler fragen , ob er durch Leges ex arbitrio hominum profeöas , das , was wir pofitinas leges nen , verstünde ; oder ob er auch diejenigen meynte , die schon in der natürlichen Billigkeit gegründet sind , und nur von dem ber mit neuen Strafen und Belohnungen versehen werden ? So würde vollends der ganze Knoten sich auflösen , und keine Spur eine« Zweifels von der Gerechtigkeit übrig bleiben . G .
( L ) lkr bat die Stoiker bey dem <£«pit«l von der Religion zum Stillschrveigen gebracht . ^ Dieß kann man aus folgenden Worten des Cicero schlichen , welche an die Stoiker gerichtet sind : Si vos fequar , die , quid ei refpondeam , qui me lic roget : Si Dii funt , funtne etiam Nymphae Deae ? fi Nymphae , Panifci etiam etSatyri ? Hi autem non funt ; ne Nymphae quidem Deae igitur . At earum templa funt publice vota et dedicata ! Quid igitur ? ne caeteri dem ergo Dii , quorum templa funt dedicata ? Age porro : Iouem et Neptunum Deuin numeras ? ergo etiam Orcus frater , eorum Deus , et illi , qui fluere apud inferos dicuntur , Acheron , Cocytus , Styx , Phlegethon , tum Charon , tum Cerberus Dii putandi . At id dem repudiandum : ne Orcus quidem igitur . Quid dicitis ergo de fratribus ? Haec Carneades agebat . non vtDeos tolleret : quid enim Philofopho minus conueniens ? fed vt Stoicos nihil de Diis explica - re conuinceret . Itaque infequebatur . Quid enim , aiebat , fi 11 fra - tres funt in numero Deorum , nuui de patre eorum Saturno negari poteft , quem vulgo maxime colunt ad occidentera ? Qui fi Dens eft ,
patrem quoque eins Coelum efle Deum confitendum eft . Quod fi ita eft , Coeli quoque parentes Dii habendi funt , Aether et Dies , eo - rumque fratres et forores , qui a genealogiis antiquis sie nominan - tur , Amor , Dolus , Metus , Labor , Inuidentia , Fatuni , Seneöus , Mors , Tenebrae , Miferia , Querela , Gratia , Fraus , Pertinacia , Par - cae , Hefperides , Somnia , quos omnes Erebo et No<5te natos ferunt . Aut igitur haec monftra probanda funt , aut prima illa tollenda . Cicero , de Natura Deor . Libr . III . cap . XVII . Man sebe in dein cero selbst die ganze Folge dieser Schlußrede , welche lehr lang ist . Man sieht an einem andern Orte , daß Karneades so viele Gründe wider jenigen angesühret , welche sagen , daß die Götter tausenderley Dinge auf der Welt dem Menschen zum Nutzen gemacht haben , welches bey vielen Leuten eine Begierde erwecket , zu untersuchen , wie viel man davon glauben müsse . Contra quos Carneades ita multa difieruit , vt exci - taret homines non focordes ad veri inueftigandi cupiditatem . Eben - das . I B . II Cap . Man hat an einem andern Orte gesaget : ( Penfees diverfes fir les Cometes , mim . 124 . pag . zü> . ) daß Karneades , wenn er die Sacke der heidnischen Religion zu vertheidigen unternommen , diese Beredsamkeit batte können sehen ? u sckeirern gehen , welcher nichts zu widerstehen vermocht - Hier wollen wir sagen , daß es ihm leicht ge - wesen , den Sieg zu erhalten , da er wider eben dieselbe Sache gestritten . Die gegenseiriqe Partey ist bey seiner Beredsamkeit , wie Wachs am Feuer , geschmolzen . Man merke , daß Foucher , welcher in Diilert . für la Philof . des Academiciens , Livr . III . pag . 159 . ihn so viel enschuldiget , als er kann , sich eines allzugelinden Umwegs , und solcher Muthmaßun - gen bedienet , die mit den Sachen nicht überein kommen .
Ob Karneades Bücher gemachet .
Zwo von mir angeführte Stellen des Cicero , scheinen zu beweisen , daß Karneades Bücher gemachet hat : denn es ist nicht die geringste Wahr - scheinlichkeit , daß man Vernunftschlüsse eines Philosophen hätte anfüh . ren wollen , die weiter nicht , als durch die mündliche Fortpflanznug , lk - kannt gewesen wären : allein ich kann antworten , daß man sie bar an« führen können , wie man sie in den Werken eines oder de« andern von seinen Schülern gefunden . Auf diese Art erzahlet Cicero einige andre Lehren des Karneades , wobey er die Bücher de ? Klitomachus anführet Academ . Quaeft . Lib . V . cap . XXXII . Es ist also hier kein licher Beweis wider diejenigen , welche sagen , daß Karneades keine cker geschrieben hat . Plutarch versichert es ausdrücklich , de Fort , et Virt . Alexandri , pag . 328 . A . Andre sagen , es wärm Briefe herum ge - gangen , die er an den Ariarathes , Konig von Kappadocien , geschrieben gehabt ; daß aber alles übrige von seinen Schulern aufqesekzet worden , und er kein einziges Buch gemacht habe . Diogen . L'aert . Libr . IV . n 62 . pag . 26 * . Das Daseyn dieser Briefe , widerleget den Plutarch nicht ; denn die Briefe die man schreibt , ohne zu verlangen , daß ben herausgegeben werden ftllen , machen einen zu keinem Schriftsteller : ich will sagen , daß man nicht unter diejenigen ge , äbler werden konnte , die kein einziges Werk geschrieben haben . PliniuS und Aulus Gellius , sind dem Plutarch zuwider : sie versichern , daß Karneades Nielewurz genommen , um wider den Zeno zu schreiben - Siehe die Anmeriung ( D ) . Ich will den FulgentiuS nicht anführen ; denn vermutdlich ist der von ihm angeführte Karneades , ( Nam et Carneades in libro Te - lefiaco ita ait , irxsx - rix * eu & vttv girret koIoikü , id eft , omnis for - tuna habitat in fenfu fapientis . Fulgent . de Virgil Contin pag m . 145 . ) der Poere und nicht der Weltweise . ( Diogen . Laert . gedenket de« Poeten Karneades im IV B , Num - 66 . ) Er IWitte lieber den ro anführen sollen , welcher von einer Schrift des Karneades in den tusculanischen Fragen , III B - XXII Cap - über diesen Sak redet : i£a febemt , daß sich ein rveiser Mann über die Einnebmung seines Vaterlandes betrüben rvürve . Diese Schrift ist vom Klirr machus dem Werke vom Tröste eingeschaltet worden , welches er an die Carrba - ginenser , seine Landesleute , geschrieben hat : Legimus Librum Clito . machi , quem ille euerfa Carthagine mifit confolandi caufa ad capti - uos eines fuos . In eo eft difputatio feripta Carneadis , quam fe ait in commentarium retulifl'e , quuin ita pofitum eflet , videri fore 111 aegritudine fapientem patria capta . Quae Carneades contra dixe - rit , feripta funt . Cicero , Tufcul . Qiiaeft . Lib . III . cap XXII Ci - cero bat die starken und spitzigen Gründe gewußt . womitKarneades das Weissagen bestritten . I^obismet ipfis quaerentibus , quid fit dedim . natione uidicandum , quod a Carneade multa acute et copiofe contra Stoicos difputata fint Cicero de D . uinat . Lib . I . im Anfange . Allein nod , einmal , dieses beweist ruckt , daß sie sich in einem Buche dieses Philosophen bestmdcn . Ich haoe in der Anmerkung ( C ) gesaget , daß man seine Einwurfe wider den Grundsatz weis : Quae funt aequalia vni tertio , funt aequalia inter fe .
CK ) Ssist nickrs christlicher , als eine von den Lehren in feit nec tTCotral . ] Ich will hier den Abschreiber eines Domherrn von Di - jon abgeben , damit man nicht sagen darf , daß ich , wenn id ) ein Gottes - gelehrter wäre , von den Meynungen eines Philosophen nicht also reden würde , welcher die heidnische Religion , die einzige , die ihm bekannt ge - wesen , unwidersprechlich widerleget hat . „ Hier ist einer von seinen „ Grundsätzen : wenn man in geheim wüßte , daß sich ein Feint» , oder ei - „ ne andre Person aufs Gras legen wollte , wo eine Natter verborgen „ läge : so müßte man ihn davor warnen , ungeachtet man nicht getadelt „ werden könnte , wenn man bey dieser Gelegenheit stille geschwiegen „ hätte : Si feieris , inquit Carneades , afpidem occulte latere vfpiam , „ et velle imprudentem aliquem fuper eam adidere , cuius mors tibi „ emolumento futura fit , improbe feceris , nifi nionueris , ne aflideat ; „ fed impune tarnen id te conftaret fecilTe , quis enim coarguere poflit ? „ ( DieseStelle ist aus dem Cicero im IIB . deFinibus , XVIIICap und nicht aus dem I , wie Foucher Difiert . für la Philofophie des ciens , Liv . I . c . vill . j ) . is8 . roill . ) „ DieseLehre ist unvergleichlich , und „ ohne Zweifel des Christenthums sehr würdig ; denn was kann dem „ Christenthume anständiger seyn , al« seinem Feinde gutes thun , und „ solches zwar ohne Hoffnung einige Belohnung in der Welt dafür zu „ erhalten „ Foucher , ebend . 46 . 47 0 . Dieß sind FoucherS Worte : er wiederholet sie im I V Cap . des . III B . fast eben so .
Allein , weil hier die Frage von einem Artikel aus der Sittenlehre des Karneades ist , so wollen wir auch etwas von seiner Meynung . wegen der Narur des höchsten Gutes , sagen . Das letzte Ende des Menschen ist , hat er gesaget , die natürlichen Ursprünge zu genießen . Carneadi I tn> .

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