Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-11891

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Herakleotes .
Hemkleoteö ( Dionysius ) also genennet , weil er von Herakles « , einer Stadt in Pontus gewesen , studierte unter schiedenen Lehrmeistern , und ergab sich endlich dem Stifter der Stoiker K Er lernte von ihm sagen - , daß der Schmerz kein Uebel wäre ; daß nichts , als das Laster , diesen Namen verdiene , eben wie bloß die Tugend den Namen des Guten verdiene ; und daß alle andere Dinge gleichgültig waren . Er beharrete bey dieser Lehre , so lange , als er sich wohl befand : allein da cr viel Schmerzen ausstehen mußte , so schwor er seinen Glauben ab ( A ) , und gab der Stoiker Secte gute Nacht , ja , was noch
sich herum wälzte ' . H _ MIL -
er sich im Vorbeygehen bey einem Hurhause , erinnert , daß er den Tag vorher , ohne Bezahlung der Hure , herausgegangen war , in seinen Beutel gegriffen , und in Gegenwart aller Welt dasjenige bezahlet , was er schuldig geblieben war . Man hat ihm deswegen einen schweren Einwurf gemacht ( C ) , weil er mit allen Doamatikern zugegeben , daß es eine Regel gebe , die heit und Falschheit zu entscheiden . Er hat verschiedene philosophische Werke , und auch einige Gedichte verfertiget d . Er hat durch eines von seinen Gedichten den Heraklides in die Falle gelockt ( I ) ) . Er hat sein Alter bis auf 80 Jahre gebracht , wo - rauf er länger nicht mehr leben wollen , und sich zu Tode gehungert hat e . Seine geilen Begierden haben ihn bfejn das Alter begleitet , da die Natur denselben kein Genügen mehr thun konnte ( E ) . Moreri hat sich sehr schändlich '
a ) Diogenes Laertius , Lib . VII , num . >66 . b~ ) Ebendaselbst . O Ebendaselbst Num . 167 .
betrogen ( F ) ,
< / ) Ebend . * ) Ebendas .
( A ) Allein da er viel Schmerjen ausstehen mußte , so schwor er seinen Glauben ab . ] Diese Veränderung hat ihm den Titel des nc ra^tvo , - erworben , ( dieses bedeutet eigentlich immutatus , ( der umge - schlaqene ) und nicht transpofitor , wie der Uebersetzer des Athenaus im X B " pag . 4Z7 vorgiebt . Siehe Vofllus , de Hift . Graec . pag . 466 . Ca - faubon in Athenaeo pag . 735 , hat diesen Fehler bereits bemerket ) wel - ches wir durch Ueberläufer übersetzen könnten . Einige sagen , daß ihn eine Augenkrankheit zur Veränderung der Meynung gebracht ; andre eig - nen dieselbe den Steinschmerzcn zu . Cicero Tufcul . II , c . 25 , führet >0 wohl die eine als andre von diesen Sagen an . Nobis Heracleotes lllc Dionyfius flagitiofe defciuifle videtur a Stoicis , propter oculornm lorem . Qiiis vero Hoc didiciflet a Zenone , non dolere , quum dole - ret ? Illud audierat , nec tarnen didicerat malum illud non efle , quia turpe non eilet , et eflet ferendum viro . Hic fi peripateticns fuifl'ef ,
Sermanfiflet , credo , in fententia ; quoniam dolorem dicunt malum ede , eafperitateautem eius fortiter ferenda , praecipiunt eadem , quae Stoici . Man ziehe hierbei ) die drey Anführungen CiceronS de Finib . Lib . V , c . 31 , zuRathe . Laertius im VIIB . Num 166 , redet nur von den Au - genschmerzen . Ich habe mehr Worte angesühret , als ich zum Beweise desjenigen gebrauche , was ich vorgegeben habe , und gleichwohl glaube ich nicht , daß meine Mühe » „ nützlich gewesen ist ; denn ich entdecke unter - wegen« meinem Leser , daß die Streitigkelten der Stoiker und Pcripateti - ker über die Natur des Schmerzens ein bloßer Wortstreit gewesen . Sie waren beyde einig , daß man ihn beherzt erdulden müsse : allein die einen leugneten , daß man ihn ein Uebel nennen müsse , und die andern behau« pteten , daß dieses seyn müsse . Gewiß eine wichtige Ursache so vieler De - wegungen ! Wir streiten noch heutiges Tages sowohl in der Theologie , als in der Philosophie über Dinge , wo der Miöverstand eben >0 uchrbar ist . Hier ist eine andre StelleCicerons , ich willst ? ganz anführen , damit man völlig sehen könne , auf was für Art unser Philosoph von Heraklea ge - schlössen hat . Er hat der Philosophie viel Stärke zugerrauet ; denn er hat geurtheilet , daß der Schmerz ein Uebel sey , weil er stärker wäre , als die Philosophie . Homo fane leuis Heracleotes Dionyfius , cum a none fortis eile didiciflet , a dolore deduäus eft . Nam cum ex rem . bus laboraret , ipfo in eiulatu clamitabat , falfa efle illa , quae antea de dolore ipfe fenfillet . Quem cum Cleanthes condifcipulus rogaret , quaenam ratio eum de fententia deduxifi'et , refpondit : Qiiia cum tantum operae Philofophiae dediflein , dolorem tarnen ferre non pof - fem fatis eilet argumenti , malum efTe dolorem . Plurimos autem an . nos'in Philofopliia confumfi , nec ferre poflum : malum eft igitur dolor . Tum Cleanthem , cum pede terram percufliflet , verfum ex Epigonis ferunt dixifl'e :
Audisne baec Amphiarae , fub terram abdite\
Zenonem fignificabat : a quo illum degenerare dolebat . Cicero , Tu - fcul . II , c . - 5 .
( B ) Einige sagen , daß er von seiner Mareen Jugend an lieder - lich gewesen . ] Wir haben gehöret , daß er einige Jahre nach den stren - gen Grundsätzen der Stoiker philosophirt hat : cr versichert es selbst , wenn wir dem Cicero hierinnen glauben . WaS soll man denn von dem Mährchen gedenken , welches man imAthenäus findet ? Sollen wir sa - gen , daß sich dieser Schriftsteller eine Lust gemacht , alle ärgerliche Histo» rien zusammen zu tragen , sie mögen falsch oder wahr gewesen seyn , wie er sie in de» allersatirischten Scribenten gesunden hat ? Ich will die Ent» schci dung meinen Lesern überlassen . Und ich will ihnen das Griechische des Athenäus , nebst Dalcchamps Uebersetzung hersetzen , die man wohl nach Casaubons Noten verbessern wird . 7hv Sl i a«»i ? h «
Hinist i N'kuive IV roc't ita3ox< * 7f tfit tu 'Aip ( oiltm ixfucvik , Kfit rut 3'nuglut tlstju muSimat «Siutyguc yt / ] irort xofmiiuvot tUTX tivüv ywflpuv , üf iybiro xhtIc tc xctiSittttTov elf i xfoTiguicc 2 & « , SIS * . Fuit autem Dionyfius ille , quod ait Niceas Nicaeenfis hbro de Succeffionibus , iam ab adolefcentia , tarn immam furiofaaue lib» . dinc pcrcitus , vt fine difcriminc cum plebens ancillis ac pediflequis coirct , et aliquando cum familiaribus inambulans , vbi ad ancillarum aedes venit , quas pridie ingreflüs aliquot obolos , quos debebat , non foluerat , cafu tum forte in loculis habens , diftenta manu coram omnibus numerauit . Athen . Lib . X , pag . 437 . Diejenigen , die sich deS VIIB . des Athenäus wohl erinnern , werden sich leicht zu Cicerons Bor - theile erklären : sie werden glauben , daß sich Dionysius nicht eher wider die Stoiker empöret hat , als nachdem er in ihrer Gemeinschaft grau ge - worden war ; denn Athenäuö giebt ihm zur Zeit dieser Empörung den Namen eines Greise« , und führet den Spötter Timon an , ivelcher gesaget : daß sich dieser Mann erstlich den Wollüsten gewidmet . da die Zeit dazu vergangen gewesen . Es ist besser , das Original anzuführen , es steht im 6 Cav . des VII B . des Athenäus auf der 281S . n« ? > U & mwIu tS
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Qiiid autem de Heracleote Dionyfio attiuet dicere ? Aperte quidem et palam virtutis exuta vefte , cum indumentiun mutajTe et alienum fum - fifle criminarentur , gaudebat , quamuis iam natu grandis a Stoico - rum fchola defeciil'et , et tranfiuiflet ad Epicurum . De illo non inue - nufteTimon feripfit :
Ille voluptati fe tradit iam moriturus .
Tempus amandi , tempus habendae coniugis , eft quod Rebus ab his tandem moneat defiftere tempus .
Ich fetze Lueians Beobachtung in bis accufato , pag . zs ; , Tom . II , hinzu : daß Dionysius sehr weise gewesen , da er die Stoiker verlassen hat . / h - jsftt tqts euifgavu . Virum tunc modeftum . Ich getraue mich nicht , zu versichern , wie Menage über das VIII B . des Laer - tius , pag . ZZ4 , gethan , daß er in Alexanders Gefolge in Asien gewesen , UN» daß er bey dem Beylager dieses Weltbezwingers nach dem Klange der Floren getanzet hat . Athenäus saget dieses in der Wahrheit , von einem Dionysius Herakleotes : allein wie viel Leute von diesem Namen führet er nicht an , ohne daß er sie durch das geringste Merkzeichen unterscheidet .
( C ) Man hat ihm einen schweren Einwurf gemacht . ] nige , der ihm diesen Einwurf gemacht , hat AnriochuS geheißen ; er ist von der Secte derer gewesen , die keine Wissenschaft zugelassen , das heißt , kei« nen gewissen wahren Satz : und dann hatte er diese Partey verlassen , nachdem er lange Zeit die Unbegreiflichst behauptet , und für diese Sa - che sehr subtil geschrieben hatte . 8cripfit de his rebus acutiffime , et idem hoc acrius accufauit in fenedhite quam antea defenfitauerat . Quamuis igitur fuerit acutus , vt fuit , tarnen inconftantia eleuatur au - toritas . Quis , inquam , etiam ifte dies illuxerit , quaero , qui illi often - derit eam , quam multos annos eile negauillet , veri et falfi notam ? Cicero , Acad . Quaeft . Lib . II , c . 12 . Da er nun in währender Zeit , da er die Wissenschaft bestritten , unfern Dionysius heftig herum getummelt : so hat er gesaget , du hast lange Zeit geglaubet , daß kein ander Gut , al« die Ehrbarkeit sey ; hierauf hast du behauptet , daß die Ehrbarkeit nichts , als ein leerer Name sey , und daß das höchste Gut in der Wollust bestehe . Du mußt also glauben , daß sich die Lügen uiiserm Geiste unter eben der - selben Eigenschaft vorstellet und eindrucket , als die Wahrheit Platz darin« nen nimmt , und daß folglich dieses ? ^erkmaal des Wahren und Falsä>en , auf welches du das Bejahen und Verneinen gründest , berrieglich und ver - blendend ist . Die ganze Stärke dieses Einwurfs besteht darinnen , daß Dionysius nach und nach zween widersprechende Sähe behauptet hatte . AntiochuS hat die Starke seines Einwurfs erkannt , da er die Meynung geändert gehabt : denn man bestritt ihn mit eben denselben Waffen , die er wider den Dionysius gebrauchet . Hier sind die Worte des Cicero an angezogenem Orte . Quoque folebat vti argumento tum , cum ei pla - cebat , nihil polle pereipi , cum quaereret , Dionyfius ille Heracleotes , vtrum comprehendifiet certa illa nota qua aflentiri dicitis oporterc , illudne , quod multos annos tenuiflet , Zenonique magiftro credidiflet , honeftum quod eilet , id bonum folum efle ; an quod poftea defenli - tauifiet , honefti inane nomen efle , voluptatem efle fummum bonum : qui ex illius commutata fententia docere vellet , nihil ita fignari in animis noftris a vero polle , quod non eodem modo poflit a falfo , is curauit , quod argumentum ex Dionyfio ipfe fumfiflet , ex eo caeteri fumerent . Dieser Einwurf kann diejenigen von den neuern Protestan - ten verwirren , welche behaupten , daß die Wahrheiten des Evangelii in imfern Geist nicht durch die Deutlichkeit der Begriffe , sondern durch die Empfindung eindringen ; denn was wollen sie sagen , wenn man ihnen Cbri - sten weiset , welche die Religion verändern , und nach dem Beyspiele unserS Dionysius von Heraklea , laiige Zeit diejenigen Lehrm mit einer unglaub - lichen Hitze verfechten , die sie nach diesem mit gleicher Heftigkeit verdain - men ? Wird man nicht fragen , drücket sich die Empfindung der Unwahrheit in der Seele nicht mir ebm denselben Merkmalen ein , als die Empfiiv dung der Wahrheit ? *
* Hier wirft Herr Bayle seinen Lesern unvermerkt einen scepti - schen Einwurf in den Weg ; ja was noch mehr ist . er deutet densel - ben auch auf die ReligionSwahrheiten . il , der Absicht , uns in bestän - oigem Zweifel zu halten , ob wir auch den rechten Mcynungen an« hangen ? Denn ist da« Uebertreten eines stoischen Weltweisen zur Sette der Cyrenaiker , oder eines Papisten zur reformirten Religion ein gründlicher Beweis ; daß zwischen Wahrheit und Zrrthum kein Unterscheid sey , indem sich beyde der Seele auf einerley Art vorstel - Im , und sich ihren Beyfall erwerben können : so ist es auch in Glau - bensfachen , allemal unausgemacht , wer eigentlich recht habe ; ja man wird endlich alle Meynimgen für gleich wahr , oder falsch hal - ten . Auf diesen Schluß führet uns Herr Bayle , setzet aber keine Antwort darauf hinzu , sondern säet mir Fleiß diesen sceptischen Sa ? men aus , damit er seine Früchte bringen möge .
Nun wollen wir diesem scharssiiiniqen Kopfe nicht sein eigen Erempel vorhalten , da er erstlich von der reformirten Partey zum Pabstrhume , nachmals aber wiederum zurück getreten . Es könnte kommen , daß er uns gar offenherzig gestünde , daß eben seine eigene Erfahrung ihn belehret habe , daß man zu keiner völligen Gewiß - beit kommen könne . Wir wollen uns vielmehr auf die allgemein« Richtschnur der Wahrheit und Gewißheit , aus der Vernunft - und Ärundlehre berufen , di« einen so sichern Probierstein aller Meynun'

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