Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
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Carneades .
ncfcit , is ex praedicatione Ciceronis intclliget ; aut Lucilii , '■ apud quem diflerens Neptunus de re difficillima , oftendit non pofl'e id explicari , nec fi Carneadem ipfum Orcus remittat . Laölant . Libr . V . cap . XIV . Was für ein Begriff ! was für ein Lob ! man führet den Neptunus ein , welcher , da er von einer sehr schweren Materie redet , zu erkennen giebt , daß sie nicht erklärt werden könnte , wenn auch Karneades selbst wieder auferstünde . Wir wollen zu seiner Gesandtschaft nach Rom fortgehen . Sie biethet Zeugnisse von seiner Beredsamkeit dar , welche nicht erlauben , an dieser Sache zu zweifeln ; daß die Redner ihre Schulen verlassen , um in seinen Hörsaal zu gehen .
Die Athenienser , welche zu einer Geldbuße von 500 Talenten ver - dämmt waren , weil sie die Stadt Orope geplündert hatten , haben diese Gesandten nach Rom geschickt , welche erhalten , daß diese Geldbuße bi6 aus 100 Talent , erlassen worden . Paufanias , Libr . VII . pag . 216 . 217 . Diese Gesandtschaft ist dem Karneades , einem Akademiker , dem nes , einem Stoiker , und dem Kritolaus , einem Periparetiker , drey be - rühmten Philosophen , ausgetragen gewesen . Aulus Gellius , Libr . Vü . cap . XIV . Macrobius Saturnal . Libr . I . cap . V . Ehe sie Gehör bey dem Rathe gehabt , hat ein jeder von ihnen Reden in Gegenwart einer großen Anzahl Personen gehalten , und man hat an jedem eine beson - dere Eigenschaft bewundert . Cbendas . Die Stärke und Geschwindigkeit sind die Eigenschaften des Karneades gewesen . Violentia et rapida neades dicebat . Auhu Gellius , Libr . VII . cap . XIV . Facundia Car . neadis violenta et rapida . Macrob . Saturn . Libr . I . cap . V . Hier ist etwas sehr sonderbares . Cato , der Ceusor , ist der Meynnng gewesen , daß man diese Abgesandten unverzüglich zurück schicken sollte : hen , es allzu schwer wäre , unter den Schlußreden des Karneades die Wahrheit zu erkennen . Lato Cenforius , in illa nobili trium fapientiae procerum ab Athenis Legationc , audito Carneade , quamprimtim legatos eos cenfuit dimittendos , quoniam illo viro argumcntante , quid veri eilet , haud facile difcerni poflct . Plinius , Libr . VII . cap . XXX . Die Abgesandten der Athenienser . sagte man in dem Rathe , sind nicht so wohl abgeschickt , etwa« durch den Weg der Ueberredung zu gewinnen , als uns mit Gewalt zu zwingen , alles zu thun , was sie ver - langen . EJ» avyx^Tov ßu^v , ü ( thntv ai / ts«
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ftIvb« »V«« 09» SfAwri» . Qui tanta grauitate dicendi Senatum
perpulerunt , vt diceret : Miferunt Athenienfes legatos , non vt nos perluadcrent , fed qui eogerent nos facere , quod iptis collibitum eilet . Aelian . Hirt . Var . Libr . IIL . cap . XVII . Es ist nicht nökhig , zu sagen , daß dieser Zwang allein bedeutet , man habe den Vorstellungen des Karneades nicht widerstehen können . Man ziehe den Plutarch zu Ralhe , welcher uns berichtet , daß die römische Jugend von den schonen Reden des Karneades so eingenommen worden , daß sie den Ergetzlich - keilen und allen andern Hebungen abgesaget , um der Neigung zum Phi - losophiren zu folgen , die er ihr eingeblafen hatte , und von welcher sie , als von einer Entzückung , eingenommen worden . AÖyw * * r«jei» . «k
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gonret hin9iß9i ireg ) QiAwtpim . Vulgatumque fuit , virum cum ad miraculum vsque eximium , omnia delinientem et allicien - tem , Hitrum infudifle iuuentuti ardorem , per quem reliquarum voluptatum et obleckamentorum obliti , quafi fanatici raperentur ad philofophiam . Plutarch . in Catone maiore , pag . Z49» E . Ditß fiel dem Cato nicht : er befürchtete , es mochten die jungen Leute in Zu - kunft lieber studieren , als in den Krieg gehen wollen ; und er tadelte im Rathe die 'Aufführung , die man , in Ansehung dieser philosophischen Ab - gesandten , beobachtete . Wir wollen ihnen ihre Antwort je eher , je lie - der geben , stellte er vor , und sie nach Hause schicken : dieß sind Leute , die zu allem uberreden können , was sie nur wollen , r» ? ; tovto« » 0 * * 01 * . re failu ; Sümhtoh . Perfuadere facile quiduis valent . Ebeiid .
3jo S . A . Er h«r nicht aus einem absonderlichen Hasse gegen den Karneades also geredet , wie einige geglauber haben ; sondern weil er über - Haupt die Philosophie und die ganze griechische Gelehrsamkeit verachtete . Ebendas . Diese letzten Worte Plutarcl ? s dörsen uns nickt abhalten , zu glauben , daß Cato hauptsächlich die Feinheit des Geistes und die Stär - ke der Bernunftschlüsse gefürchtet , womit unser Karneades für und wi - der eine Sache geredet : dergleichen Leute sind gefährlich ; sie kön - nen der besten Sache schaden , wie Cicero von ihnen saget : Vt Car - neadi refpondentis , qui faepe optimas caufas ingenii calurania ludi - ficari folet . Cicero , Libr . II . de Republ . apud Nonium , voce Calu - ninia , pag . m . 263 . Sie beweisen uns manchmal , daß weiß schwarj ist : sie gleichen dem Sohne Mercurs , von welchem man gesaget hat :
Nafcitur Autolycm furtum ingeniofus ad omne ,
Qui facere afliierat , patriae non degener artis ,
Candida de nigris , et de candentibus atra .
Onid . Metain . Libr . XI . verf . 314 .
( G ) Ex hat einen Tag onvergleickilicb für Sie Gerechtigkeit , und Ven andern rvider Sie Gerechngkeir geredet . ^ Dieß ist sein Element gewesen . Er hatte einen Gefallen daran , sein «gnes Werk um - zustoßen , »veil dieses zu seinem großen Grundsabe gedient , daß in dem menschliche , , Versande nichts , als Wahrscheinlichkeitcu wären . Die - serwegen kann man unter zwey entgegen gesetzten Dingen ohne Unter - schied dieses oder jenes zum Haiiptsaltt der Rede wählen , und bald ver - neinen , bald bejahen : allein wir ir . 'ilen zu den Beweisen unsers Texte« schreiten ; Lactantius biethet uns dieselben dar . I» ( . Carneades ) cum Legatus ab Athenienfibus Romam miflfus eilet , difputauit de iuftitia copiofe , andiente Galba , et Catone Cenforio , maximis tunc bus . Sed idem difputationem luam poftridie contraria difputatione fubuertit , et iuftitiam , quam pridie laudauerat , fuftulit , non quidem Philofophi grauitate , cuius rirma , et ftabilis debet eile fententia , fed quali oratouo exercitii genere in vtramquepartcnidifleren4i . Quod ille facere folebat , vt alio» quodlibet afferentes poflet refutare . Ladant . Libr . V . cap . XIV . Lactantius setzet barju , daß es diesem losophen nicht schwer gewesen , alles zu widerlegen , was man von der rechtigkeit gesagt ; denn die Heiden konnten sie nicht kennen , weil sie die Religion nicht kannten , welche die Quelle und der Grund derselben ist . Erat facilliinum , iuftitiam radices non habentetn labefaftare , quia tum nulla in terra fuit ; vt , quid eilet , aut qualis a Philofophis cernere - tur ♦ . - cuius origo in religione , ratio in aequitate est . Sed
ii , qui primam illam partem nefcieriint , ne fecundam quidem tenere potuerunt . Laöant . Libr . V . cap . XIV . Weil sie dieselbe nicht kannten , so konnten sie dieselbe auch nicht behaupten ; und also mußte sie unterlie - gen wenn sie von einem Sophisten angegriffen wurde . Expofui cau - fam , cur Philofophi nec inuenire iuftitiam , nec defendere potuerunt . Nunc redeo ad id , quod intenderam . Carneades ergo , quoniam erant infirma , quae a Philofophis diflerebantur , fumfit audaciam re - fellendi , quia refelli poife intellexit . Ebendas . XVI Cap . Lactanz giebt uns hierauf einen Auezug von der Disputatioii des Carneades wider die Gerechtigkeit , und läßt uns sehen , daß dieser Philosoph folgender Gestalt geschlossen . Wenn es eine Gerechtigkeit gäbe , so müßte sie entweder in dem geschriebenen Rechte oder in dem Rechte der Natur gegründet seyn ; allein sie ist weder in dem geschriebenen Rechte gegründet , welches sich nach den Zeiten und Oettern ändert , und welches jedes Volk nach seinen Ab - sichten und Nutzen einrichtet ; noä ) in dem Rechte der Natur , denn ses ist nichts anders , als eine Neigung , welche die Natur allen Artender Thiere gegen dasjenige gegeben hat , was ihnen nützlich ist , und man kann sich nach dieser Neigung nicht richten , ohne lausend Betrügereyen zu be , gehen . Hieraus folget , daß es nicht der Griind der Gerechtigkeit seyn kann , also u . s . w . Er zeiget mit vielen Veyspielen , daß der Zustand der Menfchen so beschaffen ist , daß sie unverständlich und thöricht handeln , wenn sie gerecht seyn wollen ; lind daß sie ungerecht sind , wenn sie ver - niinftig handeln wollen : woraus er schließt , daß keine Gerechtigkeit ist ; denn eine Tugend , die von der Thorheit unabttennlich ist , kann nickt für gerecht gelten . Laccanz bekennet , daß die Heiden diese Schlußrede zu widerlegen »nvermogend gewesen , und daß Cicero s»lches zu unterneh - men sich nicht unterstanden habe . Ita ergo iuftitiam cum in duas tes diuiiiflet , alteram citiilem efle dicens , alterani naturalem ; vtram - que fubuertit : quod illa ciuilis fapientia lit quidem , fed iuftitia non fit , naturalis autem illa iuftitia lit quidem , fed non fit fapientia . guta haec plane , et venenata funt , et quae M . Tullius non potuerit refeilere . Nani cum faciat Laelium Furio refpondentem , proque iuftitia dicentem , irrefutata haec tanquain foueam praetergreltiis eft : vt videatur idein Laelius non naturalem , quae in ftultitiae crimen venerat , fed illam ciuilem defendifle iuftitiam , quam Furius fapien - tiam quidem eile conceillrat , fed iniuftam . Ebendas . Nach bieü ia giebt er die Auflösung durch das Licht des Glaubens , tNobis facilior eft ifta defenfio , quibus coelefti beneficio familiaris eft ac penitus no . ta iuftitia , quique illam non nomine , fed re nouimus . Laflant . cap . XVII . ) und er beobachtet , daß Karneades , welcher an einem Thcile qe - wustr , daß die gerechten Personen keine Thoren waren , an dem andern die wahre Ursache nicht erkannt , warum sie dergleichen zu seyn geschienen ; deswegen Hat er diese Gelegenheit ergriffen , seine Beredsamkeit , zum De - sten der Unbegreiflichkeit , seines beliebten Grundsatzes , zu zeigen . Sentit ieitur Carneades , quae fit natura iuftitiae , nifi quod parum alte pro - fpexit , ftultitiam non efle , quanquam intelligere mihi videor , qua iiiente id fccerit . Noi^enim vere exiftimauit , eum ftultum efle , qui iuftus est ; fed cum feiret non efle , et rationem tarnen cur ita vide - retur , non comprehenderet , voluit ostenderc , latere in abdito veri - tatem , vt decretum difeiplinae fuae tueretur , cuius fumma fententia eft , nihil pereipi pofle . Ebendas . Wir müssen die sehr gute Anmer - kung Quintilians nicht vergessen . Er saget , daß Karneades nicht unter - lassen habe , sich nach der Gerechtigkeit aufzuführen , ob er gleich Kr die Ungerechtigkeit geurtheilet . Dieses war den Akademikern gewöhnlich : ihre Betrachtung schwebte zwischen zwoen Widersprechungen ; allein re Uebung hielt sich an eine von beyden . Neque enim Acadenüci cum in vtramque diflerunt partem , non fecundum alteram viuunt . que Carneades ille , qui Roinae andiente Cenforio Catone non mi - noribus viribus contra iuftitiam dicitur difleruifle , quam pridie pro iuftitia dixerat , iniuftus ipfe vir fuit . Quintil . Inftit . Orat . Libr . XII . cap . I . Die ganze Welt heget diese Meynung : man lebet nicht nach seinen Grundsätzen . * Man ziehe oben an dem Artikel Ar - cesilas , den Lobspruch zu Rathe , welchen Kleanthes dem Arcesilas bey - geleget hat .
* Herr Bayle schärfet uns diesen Satz ben aller Gelegenheit eln , und will dadurch den wenigen Einfluß des Verstandes in den Willen , und der Meynungen in die Handlungen der Menschen darthun . Allein man muß sich vor diesem Lehrsatze hüten , indem er weder recht erwiesen ist , noch erwiesen werden kann ; und noch dazu sehr üble Folgerungen hat . Herr Bayle sieht das für die Meynnngen eines Weltweisen an , was er auf der Catheder lehret . Nun kann das zwar in vielen Fallen eintreffen : allein kann es denn nicht auch zuweilen fehl schlagen ? Ein jeder weis , daß oft vielerlei ) Ursachen zusammen kommen können , welche einen lehrten vermögen , anders zu lehren , als er selbst glaubet . Geij und Ehrgeiz , Neid und Zanksucht , die Begierde , sich einen Namen zu machen und andern zu widersprechen , sind bey vielen so stark , daß sie nicht nach ihrer Ueberzeugung lehren . So dünkt mich , ha - ben die akademischen und skeptischen Weltweisen es gemacht . Es war doch schön , den Chrysippus und Zeno zu widerlegen . sich einen Ruhm zu erwerben , und viel Schüler an sich zu zieben ! Daher mußte man alles in Zweifel ziehen . Ich sehe aber mehr auf die Thaten eines Menschen , als auf feine Worte . Carneades mag noch so sehr zweifeln , ob das Feuer verbrennet , und das Wasser er - saufet : Ich , verde ihm darum nicht glaube» , sondern seben , ob er in« Feuer oder ins Wasser springt . Thut er dieses nichts ? glaubet er gewiß , das Feuer sey Heiß , und das Wasser naß . Er mag . als ein Zweifler , die Gewißheit der Sinne und Empfindungen noch so sehr bestrei , ten : Ich werde sehen , was er machet , wenn er den Mentor bey seiner Beyschläferinn findet . Trauet er hier seinen Augen ? O so ist sein Zweifeln nur ein verstelltes Zweifeln , und er ist im Grunde so dvamatilch , ^ als ich ; ob er gleich auf der Catheder anders lehret . Und es hilft nichts , wenn er saget : im gemeinen Leben müsse man mit der Wahrscheinlichkeit zufrieden seyn . Warum denn das ? Die Wahrscheinlichkeit verliehrt ja alle ihre Kraft , wenn alle die Einwürfe erheblich sind , die ein Zweifler darwider machet . Sie wird also unwahrscheinlich seyn , und folglich muß Carneades seinen eigenenAugen nicht trauen , wenn er gleich feine Buhlerinn in ftem - den Armen findet . G .
( tt ) Die Spittfindigkeiten - - - baben den Cicero u . s . rv . Z E , nes v»n den besten Berken dieses erlauchten Römers ist das Buch
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