Creator:
Bayle, Pierre Gottsched, Johann Christoph La Croze, Maturin Veyssiere
PURL:
https://dibiki.ub.uni-kiel.de/viewer/resolver?urn=urn:nbn:de:gbv:8:2-4598

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Carneades .
XXIV Cap . Nach meinem Bedünken kann man also glauben , baß er den ganzen Grund von der Lehre de« Arcesilas behalten ; aus Politik aber und seinen Widersachern den scheinbarsten Vorwand zu be< - nehmen , wider ihn zu schreycn und ihn lächerlich zu machen , denselben solche Grade der Wahrscheinlichkeit zugestanden , die einen weisen Mann zu dem Entschlüsse bringen , in der Uebung des bürgerlichen Lebens , diese oder jene Partey zu erwählen . Er hat wohl gesehen , daß er ohne dieß die verhaßtesten Einwürfe niemals würde beantworten und beweisen ! ön - nen , daß sein Grundsah den Menschen nicht zur Unthätigkeit und dem allerschändlichsten Ruhestande brachte . Nach genauer Rechnung ist eS ei - nerley , wenn man saget : es giebt keine U ? aKrheicen , als wenn man saget : e« giebt dergleichen , aber wir haben keine Regel , sie von der Falschheit zu unterscheiden . Wenn Arcesilas den ersten von diesen Sätzen behauptet hat , so muß man ihn mit den kollrichten den vergleichen , die in ihrer Tollheit fortrennen , bis sie sich in den Ab - grund gestürzt . Allein es wird mir sauer , zu glauben , daß er das wirk - liche Daseyn der Wahrheiten geleugnet haben sollte . Nach meinem Bedünken , hat er sich begnüget , zu behaupten , daß dieselben der mensch - lichen Vernunft unergründlich waren . * Die Hitze des Streites hat ihn vielleicht verhindert , so weislich zu antworten , als man nach diesem in der Schule des Carneades gethan hat . Dieser hat mehr Behutsam - keit gebraucht , um nicht so sehr , als der andre verschrieen zu werden . Carneades primo illam velut calumniandi impudentiam , qua videbat Arcefilam non mediocriter infamatinn , dcpofuit , ne contra omnia velle dicere , quafi oftentationis caufa videretur . Augnftin . Libr . III . contra Academicos , apud Aldobrand . Not . in Diogen . Laertium , Libr . IV . num . 28 . Diese Worte Allgustins sind dem Carneades niger nachtheilig , als dem Arcesilas : allein Numenius hat anders von die - sen zweenen Akademikern geurcheilet ; er ereifert sich nicht so sehr wider den Arcesilas , al« den andern . Er giebt vor , Arcesilas habe mit gutem Glauben gehandelt , da er . indem er die andern betrogen , auch sich selbst betrogen ; da hingegen Carneades , der von allem , was er gesaget , nicht« geglaubet , und mit jemen Freunden , in Vertrauen , eine gan» andere Sprache ge - führet , als in seinen Vorlesungen , nur seine Schüler dumm zu machen , und sie durch ja und nein Himers Licht zu führen , gesucht habe . _t« / -
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fraudem alios et errorem iinpelleret , tum fallebatur ipfe nunquam ; id quod Iocuin in Arcefila non habebat . Is enim dum caeteros fuis feaim maleficiis ac praeftigiis , Corybantum more infanientes cir . cmnferret , non fentiebat quam fefe primum ipfe deeiperet , dura tibi quoque vera efle quae diceret , omnia fimul ac femel abolen - do , perfuadebat . Numtnius apud Eufebium , Praeparat . Euangcl . Libr . XIV . cap . VIII . pag . 737 . C . Er hat gebauet , er hat eingens - sen ; kaum hatte er eine Wahrscheinlichkeit fest gesetzt , so hat er sie auch wiederum UMgesteßeN . ^ '»>» f Sv »V * ro< , <5 / itxlftfn , inritoyistt T« MitloXoyut tvv & pefs Tf p & zp rcmtAm , T»
xttTx$xvTi * et n jv , kan^tr ( ( u3ev ävnAcyixfl« . Idem alferebat , idem auferebat , pugnamque fuam contrariis fententiis , et vertun» quibusdam ac fiibtilibus argutiis cum multiplici varietate mifeebat , affirmando fiinul ac negando , et oppofitis vtrinque rationibus di - lputando . Ebend . B . Da er bekannt , daß es Wahrheiten und Unwahr - heilen in der Natur gäbe , allein so verborge ! , , daß man die einen von den andern nicht gewiß entscheiden könne , ( ebendas . 7Z8S . A . ) so ist er ein viel gefährlicherer Betrüger , alsArcesilas gewesen . 7hv yi * yom co habt . ü t xxtrai xävrot uro EroixJc vpiAovtix / « cl ( ro
HUMvv , ttfof yi tue lauTÜ sra / f« ? i ! ärt^tfru / i^oKoytt r» i' / l .
( , yjf } itxtQaivrro , » xav aÄ . oc r£v ixirvxo'TUj . Et tarnen ille ipfe , qui Sto'icos vellicandi ftudio pal am cuneta mifeebat , dam fo - dales inter fuos eadem omnia fatebatur , vereque ac certo pronun - ciabat , quae alius quiuis e populo . Ebendas . siehe auch die 7Z9S . A . SiefeS kömmt mit der Stelle nicht überein , wo uns Cicero versichert , daß Clitomachus niemals emdeckm können , was dem Carneades am wahrscheinlichsten geschienen , dessen liebster Schüler er etliche Jahre ge - wesen ist . A Chtomacho fumam , qui vsque ad fenedhitem cum Car . neade fuit . Cicero , Academ . Quaeft . Libr . IV . cap . XXXI . zu fange . Cuius ( CaUifhontis ) quidem fententiam Carneades ita ftu - diofe defenfitabat , vt eam probare etiani videretur , quanquam Cli - tomachus affirmabat , nunquam fe intelligere potuifle , quid Carneadi probaretur . Ebendas . XLV Cap . zu Ende .
Viele werden die überhäuften Stellen tadeln , die man gesehen hat ; ich habe ihren Widerwillen , ihren Ekel und ihre mit einem Amtsgesichte verknüpften Beurtheilungen zuvor gesehen , und habe dennoch keine Acht dafür haben wollen . Ich habe lieber , zum Nuben derer , einen Ab - schreib« abgeben wollen , denen es lieb ist , wenn sie , ohne daß sie von ibrem Platze aufstehen dürfen , eine historische Erläuterung von den Meyiiunqen der Alten und die Originalbeweise davon sehen können ; ich will sagen : die eignen Worte der Zeugen . Dieß ist mein Grund - sah bey hundert andern Gelegenheiten .
* Nach der neuern Art , die Wahrheit zu unterscheiden , da man N - Ti " ^«physische , tHeils die logische Wahrheit nennet , läßt sich dieft Muthmaßung des Herrn Bayle leicht rechtfertigen . Die metaphysische Wahrheit ist in den Sachen selbst , und also außer dem menschlichen Verstände . Z . E . eine Kugel ist rund und ein Dreyeck hat drey Spitzen , es mag jemand daran denken und davon urrheilen , oder nicht . Wenn also Arcesilas geglaubet ha - ben svll , es gäbe Wahrheit , so heißt es so viel : daß die Dinge an sich selbst , von gewissen Eigen , chaften und zufälligen Beschaffenhei - ten wären : z E . die Kugel und ein Dreveck hätten ihre gewissen
ItiE lft m bfm Verstände des
ÄÄW der Einförmigkeit unsrer Vorstellungen und Urtheile mit der Natur der Dinge , in so weit wir von dieser Einförmigkeit fest versichert sey» können . Hiervon hat r . un Ar ,
cesilas so wohl , als Cameades behaupten können : es gäbe keine solche logische Wahrheit , nämlich keinen solchen Satz , oder Aus - spruch , von dessen Uebereinstimmung mit der Natur der Dinge , man recht versichert seyn könne . Z . E . Man könne nicht gewiß wissen , welches die rechte Figur der Kugel sey , die runde oder die dreyeckigte , oder die viereckigte : c . So gewiß ist eö , daß die selt - samsten Meynungen gewisser Alten , oft mit einander verglichen werden können , wenn man sich deutliche Begriffe von ihren Wör - tern macht . Aus verwirrten Begriffen läßt sich ein langes und breites von einer Sache zanken und herschwatzen : aber wenn man gute Worterklärungen giebt ; so , wie die Mathematici thun , so fallen die Schwierigkeiten von sich selbst weg . Dieses ist wider die heutigen Feinde der Definitionen zu merken . G .
( C ) ! Lr fanv Ungewißheit bey den allerdetulichsten fen . ] Alle Loaikverständige wissen , daß der Grund des Vernunftschlu ! - ses , und folglich des Vermögens zu schließen , in diesem Grundsahe lie - ger , Dinge , die einem dritten gleich sind , sind einander felbfi gleich . Qiiaefunt idem vni tertio , funt idem inter fe . * Es ist wiß , daß ihn Carneades heftig bestritten hat , weil er alle seine Spitz - findigkeiren wider diesen angewendet hat , Dinge , die einem dritten gleich sind , sind unter sicli selbst gleich . GalenuS berichtet es uns in einem Discurse , der mit einem von des Sextus EmpiricuS Vü , chem gedruckt worden : und er sager auch , daß die Schüler dieses Philo - sophen alle falsche Schlußreden schriftlich hinterlassen , die ihr Meister diesem allgemeinen Begriffe , darüber nichts klärers ist , entgegen gesetzt hat ; und daß weder sie , noch ein einziger von den Akademikern , die nach ihm gelebt , sich die Mühe genommen , seine betrüglichen Schlußrede , » aufzulösen : er setzet dazu , daß es nicht geringere Bosheit sey , diese würfe in einem Buche zu erhalten , ohne derselben Mängel zu ken , als dieselben zu erfinden . Ich will seine Worte nach der Uebersetzuilg des Erasmus anführen : Carneades „ e illud quidem , quod eft oinnium eui . demiflnnum concedit efl'e credendum , quod magnitudines vni cuipiam aequales fint etiani inter fefe aequales . Kationes igitur , quibus conatur denruere t turque efle vera ,
nec ab alio quopiam Academicorum , qui polt Carneadem fuerunt , datae funt . Ea res fola declarat , iftius rationes omnes efle fophis - mata : nobisque quaerendae funt , odifeipuli , iltarum folutiones . Improbum elt enim hoc : attamen nihilo minus improbum fecerunr Uli , qui feripferunt quidem has , caeterum vobis non indicarunt , quales eflent . Galenus , in Libro de optimo docendi genere , zu ( £nl>e berPyrrhonian . HypotypoC vom Heinrich Stephan gedruckt , 200 , 221 Seite .
* Man darf es dem Herrn Bayle nicht so gleich einräumen , daß die Wahrheit aller Schlußreden auf diesen Grundsatz ankom - me . Dieser Grundsatz handelt bloß von der Gleichheit zwoer Größen ; und wo also nicht von Größen die Rede ist , da hat auch der Grlinds . itz nicht statt . Nun machet aber die Vernunft unzah - lige Schlüsse , darinnen an keine Gleichheit oder Größe gedacht wird . Es handeln dieselben von Ursachen und Wirkungen , von Eigenschaften und Zufälligkeiten , vom Wirken und Leiden , vom Thun und Lassen : c . : c . Da ist nun gar nicht abzusehen , was der Satz : Xvenn ; wey Dinge einem dritten gleich sind , so sind sie auch einander gleich ; zu der Richtigkeit solä ) er Vernunft - schlüsse , oder Schlußreden beytragen sollte . Gesetzt also , daß Car - neades denselben übern Hausen gestoßen hätte , welches doch mit allen seinen Sophistereyen nicht hat geschehen können ; so würden deswegen die Vernunftschlüsse überhaupt noch nichts gelitten haben . Die Scholastiker haben ganz andere Gründe der Schlußreden an - gegeben , nämlich das DiÄum de omni , und de nullt , ! Wem die Erklärung eines Dinges zukömmt , oder nicht , dem kömmt auch der Name desselben zu , oder nicht . Und ferner : was einer tung oder Art zukömmt , oder nicht ; das kömmt auch allen Arten oder Einzelnen zu , oder nicht , die unter jenen begriffen sind . Diese beyden Sätze hätte Carneades umstoßen müssen , wenn er alle Vernunftschlüsse ! hätte ungewiß machen wollen : Oder er hätte den Satz des Widerspruchs angreifen müssen : Ein Ding kann nicht zugleich frvn und nicht Aber an diese Satze und Gründe aller Wayrlieiten , haben sich weder die alren noch neuen Zweifler gewagt . Selbst Huetius in seinem Tractate , de la Foi . blelle de l'Efprit humain , oder de Imbecillitate intellcdhis hu . mani , hat sich lieber in allerley andre Weitläufigkeiten ckeln , als einen von diesen Grundsätzen antasten wollen . G .
( D ) rvas man von seinem fleißigen Studieren erzählet , ist seltsam . ] Er ist in solchem Grade arbeitsam . als kein anderer , gewe - sen , daß er auch vor allzu amsigem Studieren seine Nägel abzuschneiden vergessen , und sich Haare wachsen lassen . u yty9 .
vtv ti yjH Tic * ) ko { - ■ - «äev vj / j Ks'pa ujy' trfKptv l , v%ac
TV tff ) t«c Äiyu ( . Fuit autem vehementer ftudiofus . . . quocirca et caefariem et yngues nutriebat , tanta erat in litteras in - Diog . Lacrt . Libr . IV . num . 62 . Er hat so wenia Lust ge - habt , seme Zeit auf etwas anders , als seine Studien zu verwenden , daß er nicht alle» , alle Gastgebothe vermieden , ( ebendas . Num . 6z . ) sondern daß er auch vergessen , an seinem eigenen Tische zu essen , ( Valer . Maxim . Ubr . Vm c . VIL num . j . in Extern . ) und daß ihm seine Magd , die auch seine Beyschlaserinn gewejen , die Bissen in die Hand geben , oder gar in den Mund stecken müssen . Ich drücke mich deswegen so aus , weil der Schriftsteller , den ich anfuhren will , sich an diese allgemeinen Redensarten gehalten hat . Wir wollen merken , daß die Veyschläferinn im Zwcisel gestanden , ob sie ihn stören oder verhungern lassen sollte . Es ist nicht unnuklich , dieses zu beobachten : wir können daraus schließen , daß dieser Philosoph es nicht gern gesehen , wenn man seine Gedanken gestört hat , auch so gar , wenn es darauf angekommen , dem Korper dir nöthige Nahrung zu geben . Carneades Iaboriofus et diuturnus la - pientiae milej : fiauidein nonaginta expletis annis , idem illi viuen - di ac philofophanai Hnis fiiir . Ita fe mirificum doärinae operibu» addixerat , vt cum eibi capiendi caufa reeubuiflet , cogitationibus in . haerens , manurn ad mentäm porrigere obÜuifceretur . Sed enim
MaiilTa

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